11.02.13

Pauschalreisen

Vor 50 Jahren – Neckermann mischt Reisemarkt auf

Vor einem halben Jahrhundert flogen die ersten "Neckermänner" in Flugzeugen nach Südeuropa. Die Pauschalreise erlebte einen rauschhaften Boom, muss sich aber längst gegen neue Konkurrenz behaupten.

Von Christian Ebner
Foto: dpa

Titelbild eines Reisekataloges aus dem Jahr 1963, auf dem für „all inclusive“ Reisen zu verschiedenen Zielen geworben wird
Titelbild eines Reisekataloges aus dem Jahr 1963, auf dem für "all-inclusive" Reisen zu verschiedenen Zielen geworben wird

Vor 50 Jahren hatte der erfolgreiche Frankfurter Versandhändler Josef Neckermann mal wieder den richtigen Riecher. Nur sechs Seiten dünn war das im Warenkatalog beigelegte Heftchen, aber es enthielt offenbar Antworten auf die Träume vieler erfolgreicher Menschen im deutschen Wirtschaftswunderland.

Vollständig organisierte Flugreisen nach Mallorca, an die Costa del Sol oder nach Dalmatien zum vorher festgelegten Festpreis – die auf dem deutschen Markt neue Pauschalreise setzte sich in den folgenden Jahren schnell als bequeme und umsatzträchtige Urlaubsform durch.

Bereits im ersten Jahr konnte Neckermann nach eigenen Angaben 18.000 Urlauber begrüßen, die für rund acht Millionen D-Mark Umsatz sorgten. Waschkörbeweise hatten sich die Menschen per Post um die Teilnahme an den noch wenigen Trips des Reiseveranstalters beworben.

Bis dahin waren die Deutschen vor allem mit Bussen, Bahn oder auch mit dem eigenen Auto in die Sommerfrische aufgebrochen. Flugreisen waren etwas für Reiche und Abenteurer.

Gewissenhafte Planung gibt den Ausschlag

Die Zweifel der anderen versuchte der Veranstalter im ersten Prospekt zu zerstreuen: "Eine Flugreise bietet große Vorteile, wenn sie gewissenhaft geplant und sorgfältig vorbereitet ist. Wir haben an alles gedacht." Am Zielort sollten sich die noch unerfahrenen Touristen fühlen wie zu Hause.

"Typische Merkmale sind saubere Zimmer, reichliche Hauptmahlzeiten, eifrige Bedienung und eine kleine Bar, in der Sie viel für wenig Geld erhalten" wurden die gebuchten Unterkünfte auf der künftigen "Putzfraueninsel" Mallorca gelobt.

Das zeigt auch: Das später so erfolgreiche Konzept "All-inclusive" war damals noch nicht erfunden. "15 Tage alles inbegriffen" meinte zwar die komplette Reise mit Vollpension, aber selbstredend nicht die Getränke.

Zehn Jahre später kam der Club-Urlaub

Dem Erfolg tat dies keinen Abbruch: Im Jahr darauf wurden bei Neckermann bereits Kreuzfahrten angeboten und ab 1965 ging es auch mit Düsenjets in den Süden. 1973 war der erste Club-Urlaub im Angebot, ein Jahr darauf führte die Ölkrise zu den ersten Treibstoffzuschlägen, doch die Reiselust blieb lange ungebrochen.

Josef Neckermann zielte unter der Maßgabe "großer Umsatz, kleine Marge" auf den Massenmarkt, die Preise lagen teils deutlich unter denen der Konkurrenz. Schnell wurde das Wort der "Neckermänner" zum Synonym für die gelegentlich belächelten Pauschaltouristen. 1976 führte die auch im Versandhandel genutzte Billigmasche allerdings zum Kollaps des Unternehmens, das schließlich von der Karstadt-Gruppe übernommen wurde.

Aus den bescheidenen Anfängen ist längst ein Riesenmarkt geworden: Laut Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen leisten sich drei Viertel der deutschen Bevölkerung jedes Jahr eine Urlaubsreise von mindestens fünf Tagen.

Unberührt von der Pleite des Versandhandels

Zusammen mit den immer zahlreicheren Kurzreisen ergibt sich ein Umsatzvolumen von an die 80 Milliarden Euro, auf dem Neckermann als Hauptmarke des deutsch-britischen Reisekonzerns Thomas Cook immer noch ein wichtiger Player ist. Vom Versandhandel längst getrennt hatte das Unternehmen nichts mit der Neckermann-Pleite im vergangenen Jahr zu tun und steht mit rund drei Millionen Gästen pro Jahr für 70 Prozent des deutschen Thomas-Cook-Umsatzes.

"Die Pauschalreise ist einfach und bietet Sicherheit", nennt der Tourismusexperte Harald Pechlaner von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt die Hauptgründe für den Erfolg. Doch in Zeiten von Social Media und boomenden Buchungsportalen ist Wandel gefragt.

"Die Kunden beeinflussen über ihre immer kurzfristigere Nachfrage nach einzelnen Bausteinen das Angebot direkt. Die Veranstalter müssen lernen, auf das direkte Feedback der Touristen sofort zu reagieren", meint der Wissenschaftler. Erfolge werde haben, wer die technologischen Veränderungen bewältige und das Bedürfnis nach besonderen Erlebnissen am besten befriedige.

Neckermann-Geschäftsführer Michael Tenzer sieht sich für die Herausforderungen der mächtigen Internet-Plattformen, die Reisebausteine tagesaktuell zusammenfügen, gut gerüstet. "Ich sehe diese Neuerungen eher als Weiterentwicklung der Pauschalreise mit anderen technischen Mitteln", sagt er. Neckermann könne ebenfalls dynamisch und individuell Reisen produzieren, denen dann das gleiche Markenversprechen zugrunde liege wie der Pauschalreise im Katalog.

Quelle: dpa
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Internet oder Reisebüro
  • Zwei Lager

    Das Gros der Reisenden teilt sich in zwei Lager auf: Die eine Hälfte klickt sich nächtelang durch das Online-Angebot der Reiseveranstalter und Schnäppchen-Portale. Die andere Hälfte bucht keinen Urlaub ohne eine vorherige umfassende Beratung im Reisebüro. Vorteile für die jeweilige Vorgehensweise können sowohl überzeugte Online-Bucher als auch Reisebüro-Jünger zur Genüge vortragen.

  • Bewertung

    Wie kompetent und individuell deutsche Reisebüroketten beraten, hat nun das Deutsche Institut für Service-Qualität im Auftrag des Nachrichtensenders N-tv untersucht. 14 Reisebüros mussten sich beweisen – durch passende Reiseempfehlungen, Kompetenz, gute Beratung und auch Freundlichkeit.

  • Die Noten

    Eine glatte „Eins“ hat das Institut nicht vergeben. Ein „Gut“ erhielten immerhin Neckermann Reisen, Reiseland, First Reisebüro, Hapag-Lloyd Reisebüro, Thomas Cook Reisebüro, TUI ReiseCenter, Atlasreisen, DER Deutsches Reisebüro und Lufthansa City Center. Ein „Befriedigend“ konnten TUI Travel Star, Alltours Reisecenter, Flugbörse und Holiday Land erreichen. L’tur erhielt nur ein „Ausreichend“ – im Bereich „Telefonische Beratung“ aber schnitt die Kette überdurchschnittlich gut ab.

  • Kundenservice

    Insgesamt gab es gute Noten für den telefonischen Kundenservice der Branche. Anrufer mussten nicht lange auf die Gesprächsannahme warten und erhielten strukturierte und vollständige Auskünfte zu ihren Fragen. Die Bearbeitung von E-Mails beurteilten die Tester im Durchschnitt ebenfalls mit „Gut“.

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