07.02.13

Hahn-Attacke

FDP reif für "asiatisch aussehenden Vize-Kanzler"?

FDP-Chef Rösler ist so deutsch wie nur wenige Deutsche – er sieht nur anders aus. Ausgerechnet Hessens Integrationsminister Hahn, ein Parteifreund Röslers, hat offenbar eine andere Sicht der Dinge.

Von Thorsten Jungholt
Foto: dpa

Jörg-Uwe Hahn (hintem links) und der FDP-Bundesvorsitzende Philipp Rösler, Bundesvorsitzender bei einem FDP-Parteitag. Hahn hat in Frage gestellt, „ob unsere Gesellschaft schon so weit ist, einen asiatisch aussehenden Vizekanzler auch noch länger zu akzeptieren“
Jörg-Uwe Hahn (hintem links) und der FDP-Bundesvorsitzende Philipp Rösler, Bundesvorsitzender bei einem FDP-Parteitag. Hahn hat in Frage gestellt, "ob unsere Gesellschaft schon so weit ist, einen asiatisch aussehenden Vizekanzler auch noch länger zu akzeptieren"

Philipp Rösler geht ziemlich entspannt mit der Tatsache um, dass er anders aussieht als andere Deutsche. Wenn der FDP-Vorsitzende auf seine vietnamesischen Wurzeln zu sprechen kommt, dann meist in Form von Anekdoten. Eine geht so: Im Restaurant des Berliner Reichstags sei einmal ein Farbiger auf ihn zugekommen, der als Servicekraft im Catering arbeitete. "Wissen Sie, was der sagte? Ich finde es ganz toll, dass einer von uns es bis ganz nach oben geschafft hat."

Oder die Geschichte von seinem ersten Schultag in Hamburg. Da habe es viele Mitschüler aus Spanien und Italien gegeben, erzählt Rösler. Er sei dann zu seinem Vater gelaufen und habe gesagt: "Papa, bei mir sind ganz viele Ausländer in der Klasse."

Röslers Botschaft ist klar: Er mag ein im Alter von neun Monaten adoptiertes Findelkind aus dem südvietnamesischen Khánh Hung sein, aber eigentlich kann er mit Vietnam nichts anfangen. Erst 2006, im Alter von 33 Jahren, reiste er erstmals wieder in das Land seiner Geburt – und das auch nur auf Drängen seiner Frau. Tatsächlich ist Rösler so deutsch wie nur wenige Deutsche: Er war bei der Bundeswehr, ist zum katholischen Glauben übergetreten, seine Zwillingstöchter tragen die friesischen Namen Grietje und Gesche, er amtiert als Oldenburger Grünkohlkönig, und sein Lieblingssänger heißt Udo Jürgens.

Schließlich weist er regelmäßig darauf hin, dass er nie Probleme wegen seines Aussehens hatte und damit keinen Grund habe, über Rassismus zu klagen. Im Gegenteil: Er finde, dass "die Bürger sehr tolerant und gelassen mit der Tatsache umgehen, dass ich anders aussehe als der Durchschnittsdeutsche".

Hahn fragt "ob unsere Gesellschaft schon so weit ist"?

Der hessische Justiz- und Integrationsminister allerdings hat eine andere Sicht der Dinge. Jörg-Uwe Hahn, ein Parteifreund, sieht die Akzeptanz des FDP-Vorsitzenden und Vizekanzlers wegen dessen vietnamesischer Herkunft infrage gestellt. "Bei Philipp Rösler würde ich allerdings gerne wissen, ob unsere Gesellschaft schon so weit ist, einen asiatisch aussehenden Vizekanzler auch noch länger zu akzeptieren", sagte Hahn der "Frankfurter Neuen Presse" .

Das ist reichlich kryptisch formuliert – und führte deshalb prompt zu Interpretationen, was Hahn wohl gemeint haben könnte. Die Opposition im Landtag reagierte heftig. "Eine stillose Entgleisung", nannte Günter Rudolph (SPD) die Einlassung. Sie unterstelle nicht nur den Menschen eine fremdenfeindliche Neigung. "Sie zeigt auch, dass der Integrationsminister selbst offenbar rassistische Tendenzen hat."

Janine Wissler (Linke) meinte: "Hahn greift mit seiner Anspielung auf Philipp Röslers Aussehen in die allerunterste Schublade des politischen Machtkampfs". Wissler vermutet also, dass Hahn ein paar Wochen vor dem Sonderparteitag der FDP, auf dem Rösler in seinem Amt bestätigt werden soll, die gerade zur Ruhe gekommene Personaldebatte über die Zukunft des Parteichefs neu befeuern wollte.

Kein Angriff auf Rösler beabsichtigt

Der liberale Minister wies das umgehend zurück. Per Pressemitteilung ließ er klarstellen, dass er Rösler nicht habe angreifen wollen. "An seiner Kompetenz als Vizekanzler und Parteivorsitzender habe ich keine Zweifel", ließ der Integrationsminister und stellvertretende hessische Regierungschef ausrichten. "Ich habe darauf hinweisen wollen, dass es in unserer Gesellschaft einen weit verbreiteten, oft unterschwelligen Rassismus gibt."

Dieses gesellschaftliche Problem dürfe nicht totgeschwiegen, sondern müsse offen angesprochen werden, um es zu bekämpfen. "Wer in meine Äußerung etwas anderes als dies hineinliest, versteht mich falsch."

Völlig fernliegend ist diese Erklärung nicht. Vor ein paar Wochen erst übte sich der Talkmaster Stefan Raab in einer Art Spaß-Rassismus. Nachdem er sich im Gespräch mit dem FDP-Politiker Wolfgang Kubicki über Rösler lustig gemacht hatte, schloss er mit der Bemerkung: "Wenn Rösler das beim Abendessen sieht, fallen ihm hoffentlich nicht die Stäbchen aus der Hand." Die "Zeit" berichtete jüngst von Hassmails, die seit Monaten die FDP-Parteizentrale in Berlin erreichten.

Zuvor Beschimpfungen eines Jusos

Die Mitarbeiter würden diese an die Polizei weiterreichen, ohne dass Rösler sie zu lesen bekommt. Und dann war da dieser Vorfall auf dem Dreikönigstreffen der FDP. Ein 19-jähriges Mitglied der SPD-Nachwuchsorganisation Jusos beschimpfte Rösler während seiner Rede als "Arschloch" und "Volksverräter".

Im sozialen Netzwerk Facebook hatte er anschließend eine Fotomontage eingestellt, die das Bild eines südvietnamesischen Polizeichefs zeigt, der im Vietnamkrieg einen Widerständler erschießt: Den Schießenden versah er mit Röslers Kopf, das Opfer mit dem eigenen. Die Seite wurde gelöscht.

Vielleicht wollte Hahn aber doch eine Personaldebatte auslösen – über Brüderle. Der Fraktionschef hatte sich vor einem Jahr mit folgenden Worten an Rösler gewandt: "Glaubwürdigkeit gewinnt man, indem man nicht wie Bambusrohre hin und her schwingt, sondern steht wie eine Eiche. Deswegen ist die Eiche hier heimisch und nicht das Bambusrohr." Der Parteichef hatte seine Standhaftigkeit zuvor so beschrieben: "Der Bambus wiegt sich im Wind und biegt sich im Sturm. Aber er bricht nicht." Hahn hätte also auch fragen können: Ist die FDP schon so weit, einen asiatisch aussehenden Vizekanzler zu akzeptieren?

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