07.02.13

Ende der Cent-Münze

Kanada lässt alle Kupfer-Pennies einschmelzen

Kanada hat die Produktion der 1-Cent-Münze eingestellt, die Herstellung war zu teuer. Die Regierung verspricht Einsparungen in Millionenhöhe, doch der Steuerzahler wittert galoppierende Inflation.

Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com

Die Kanadier bringen ihre Pennies zur Bank, um sie in Papiergeld umzutauschen
Die Kanadier bringen ihre Pennies zur Bank, um sie in Papiergeld umzutauschen

In diesen Wintertagen kann man in ganz Kanada Menschen mit schweren Beuteln, Plastiktüten und gar Rucksäcken zu Banken hetzen sehen. Sie tragen ihre in Socken, Töpfen und Weckgläsern angesammelten Pennies zu Wechselautomaten, um diese zählen und in Papiergeld umwandeln zu lassen.

Seit dem 4. Februar 2013 hat das Münzamt in Ottawa, die Royal Canadian Mint, die Produktion der kleinsten kanadischen Geldeinheit, der 1-Cent-Münze, eingefroren. Von nun an werden keine Pennies mehr an Einzelhandel und Banken verteilt und in Umlauf gebracht.

Grund sind die teurer gewordenen Herstellungskosten, die mit 1,6 Cent pro Münze höher liegen als der eigentliche Geldwert liegen. Die kanadische Regierung erklärt den Schritt mit den gestiegenen Metallpreisen, Produktionskosten und Löhnen, die die Herstellung des Penny unrentabel machen.

Elf Millionen Dollar werden durch das Aussetzen der Produktion im Jahr eingespart – das käme auch dem Steuerzahler zu Gute, heißt es in der Regierungserklärung aus Ottawa.

Ein Glas Wein für elf Euro

Doch der Steuerzahler wittert galoppierende Inflation. Die Metropole Vancouver an der Westküste Kanadas ist zur teuersten Stadt Nordamerikas aufgestiegen. Hier bekommt man für Kleingeld so gut wie nichts mehr gekauft.

Auch deshalb haben sich in den Haushalten unglaublich viele Münzen angesammelt. Ein Brot kostet den Vancouveraner umgerechnet rund fünf Euro, ein Stück Butter vier Euro und ein Glas Wein mittlerweile sogar bis zu elf Euro.

Die Mietpreise haben sich innerhalb von zehn Jahren verdoppelt, die Lebenshaltungskosten liegen weit über dem Landesniveau, weil die Bodenpreise ins Unermessliche gestiegen sind. Die Stadtverwaltung verkauft mittlerweile einzelne Autostellplätze in der Innenstadt für sagenhafte 60.000 Dollar.

"Für mich ist die ganze Entwicklung ein deutliches Zeichen der globalen Krise, die auch vor Kanada nicht halt macht", sagt Innendesignerin Ariane Behrend aus Vancouver, die heute ihre zwei Jahre alte Pennysammlung im Rucksack zu ihrer Bank bringt. Der Münzautomat hat 56 Dollar gezählt, über die sich Ariane mittelmäßig freut.

"Davon kann ich meinem Hund ein paar Snacks kaufen", scherzt die Designerin, die sich mit Malerarbeiten über Wasser hält. Das letzte Jahr verlief in der schicken Stadt Vancouver für sie keineswegs so rosig. Seit gut drei Monaten hat sie keinen Auftrag mehr bekommen.

Schere zwischen Arm und Reich geht auseinander

Auch in Kanada geht die Schere zwischen Arm und Reich immer mehr auseinander. Seit Mitte der 90er-Jahre ist die Armutsrate jedes Jahr angestiegen. Sie liegt bei Kanadiern im arbeitsfähigen Alter bei 11,1 Prozent.

Im Vergleich mit anderen westlichen Staaten belegt Kanada einer aktuellen Studie des Canada Conference Board zur Lebensqualität nur den 7. Platz und fällt hinter sämtliche skandinavischen Länder, die Niederlande und Österreich zurück. Die Kinderarmut ist in den letzten zehn Jahren von 12,8 Prozent auf 15,1 Prozent gestiegen.

Im ganzen Land – zwischen Quebec und British Columbia – wird nun in Geschäften, Betrieben, Firmen und Großunternehmen der große Cash-Out des Penny organisiert. Viele Ladenbesitzer stehen vor dem Problem, Kunden bei krummen Beträgen keine Pennies mehr herausgeben zu können.

"Viele Geschäftsinhaber sind noch gar nicht auf die neue Situation vorbereitet und haben zu spät davon erfahren", sagt Dan Kelly, Vorsitzender des nationalen Unternehmerverbands Canadian Federation of Independent Business (CFIB). "Spätestens am Schalter bei der Bank werden viele begreifen, dass es überhaupt keine Pennyrollen mehr zu kaufen gibt und sie kein Wechselgeld mehr herausgeben können. Es wird sicher einige Probleme bei der Umstellung geben."

Finanzministerium schlägt Runden der Beträge vor

Das Finanzministerium schlägt in der Übergangsphase bis zum endgültigen Verschwinden des Penny deshalb das Auf- und Abrunden der Beträge vor. Wenn ein Produkt 1,02 oder 1,06 kostet, soll auf 1,00 Dollar oder 1,05 Dollar abgerundet werden. Umgekehrt werde dann ab 1,03 oder 1,08 auf 1,05 bzw. 1,10 Dollar aufgerundet.

"Das Runden ist keine schlechte Sache", sagt Einzelhändler Michael Whynot, der in der besten Wohngegend Vancouvers einen Feinschmeckerladen betreibt, "doch könnten Kunden das Vertrauen in die Händler verlieren, weil sie fürchten, übers Ohr gehauen zu werden."

Bei einer Umfrage der Baumarktkette Home Depot hätten 88 Prozent der Kunden erklärt, sie wüssten gar nicht, dass der Penny abgeschafft sei. "Da wird es jede Menge Erklärungsbedarf geben", meint auch Dan Kelly von der CFIB.

Einige Kanadier sehen nun auch die anderen kleinen Münzen wie das aus Nickel gepresste 5-Cent-Stück oder gar die 10-Cent-Münze in Gefahr. "Viele Leute zahlen schon lange nicht mehr mit Metallgeld und kaufen sogar ihren Kaffee mit Kreditkarte. Ich denke, dass Münzen eine Art Auslaufmodell sind."

Privates Einschmelzen ist verboten

Der Vorstoß der Kanadier, das Kupfergeld einzuschmelzen, hat auch im Nachbarland USA und sogar in Großbritannien eine politische Debatte zur Abschaffung der kupferhaltigen Münzen angestoßen.

Bis die letzten kanadischen Kupfer-Pennies aus dem Alltag verschwunden sind, werden wohl noch viele Jahre vergehen. Seit dem Jahr 1908 wurden 35 Milliarden Pennies in Kanada gepresst.

Wer aber jetzt auf die Idee kommt, seine Münzsammlung selbst einzuschmelzen und das Kupfer zu verkaufen, muss mit empfindlichen Strafen rechnen. Das private Einschmelzen der Münzen ist in streng verboten und wird mit einem Jahr Gefängnis und 250 Dollar Strafgebühr bestraft.

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