06.02.13

Ratingagentur

S&P wusste schon früh von windigen Geschäften

Nachdem die USA die weltgrößte Ratingagentur auf fünf Milliarden Dollar verklagt haben, kommen alle schmutzigen Details ans Licht. Mitarbeiter machen sich über die unsaubere Arbeitsweise lustig.

Foto: REUTERS

Eine US-Flagge spiegelt sich im Fenster der S&P-Zentrale in New York
Eine US-Flagge spiegelt sich im Fenster der S&P-Zentrale in New York

Einen Tag, nachdem die US-Regierung die Ratingagentur Standard & Poor's (S&P) wegen zweifelhafter Bonitätsnoten auf fünf Milliarden Dollar verklagt hat, kommen Details aus der Anklageschrift ans Tageslicht. Und die werfen kein gutes Licht auf die Bonitätswächter, die über die Kreditkosten und damit über das Wohl und Wehe von Unternehmen und Staaten auf der ganzen Welt herrschen.

Demnach wussten S&P-Analysten schon frühzeitig über die unsauberen Bewertungen Bescheid. Zudem vermittelt die Anklageschrift den Eindruck, dass die Rating-Manager ihre Regeln bewusst für den schnellen Profit aufgeweicht haben. Einige S&P-Mitarbeiter warnten vor den Folgen, andere machten sich über die Vorgänge dagegen lustig.

In der Anklage des US-Justizministeriums geht es um so genannte verbriefte Immobilienkredite (CDO). Vor der Finanzkrise 2007 hatte S&P diese Papiere als sehr sicher bewertet – dabei waren sie eigentlich hochriskant. Dies war ein zentraler Auslöser für die Finanzkrise. S&P wurde bei diesen Ratings üblicherweise von den Banken bezahlt, die die Papiere zusammengeschnürt hatten. Es war ein einträgliches Geschäft.

Ratings für Verbriefungen waren ein großes Geschäft

Bei Konkurrent Moody's etwa machte der Geschäftszweig vor der Finanzkrise fast die Hälfte des Umsatzes aus, auch für S&P waren diese Ratings eine wichtige Stütze. Das US-Justizministerium wirft der Ratingagentur nun vor, aus eigenem Geschäftsinteresse Anlegern die Kreditwürdigkeit der Papiere vorgegaukelt zu haben.

S&P weist die Vorwürfe zurück. Die Agentur teilte mit, die Bewertungen hätten "stets die besten Urteile der Ratingagentur reflektiert". Zudem bestehe kein Interessenskonflikt, wenn die Ratingagenturen von den bewerteten Unternehmen selbst bezahlt würden.

Genau diese beiden Argumente zweifelt das Justizministerium an. Es stützt seine Anklage auf E-Mails und Geschäftsabläufe.

Peinliche E-Mails von S&P und seinen Kunden

So heißt es in einer E-Mail eines S&P-Analysten aus dem April 2007 an einen Investmentbanker: S&P gehe es "nicht vornehmlich darum, saubere Ratings auszustellen", sondern "nicht zu viele Kunden anzupissen".

Der Investmentbanker stimmte zu: "Ich meine, wir bezahlen Euch ja auch, um unsere Deals zu bewerten. Und je besser die Ratings, desto mehr Geld können wir machen?!?!? Wo ist das Problem? Wie solltet Ihr unabhängig sein????"

In einer internen Nachricht an einen Kollegen aus dem April 2007 schreibt ein S&P-Mitarbeiter: "Wir bewerten jeden Deal. Er könnte auch von einer Kuh strukturiert sein, wir bewerten es."

Zu dieser Zeit ging es auf dem US-Immobilienmarkt bereits bergab. Aber schon lange davor gab es laut Anklageschrift interne Bedenken gegen die laxe Handhabe der Ratings. So beschwerten sich 2004 S&P-Analysten über eine Veränderung in der Methodik, wie Ratings vergeben werden. S&P bat darum, solche Beschwerden nicht per E-Mail, sondern persönlich vorzutragen.

Neues Ratingverfahren schafft "große Lücken"

Trotzdem sickerten immer wieder E-Mails durch. Im März 2005 schrieb ein Analyst, die neuen Vergaberichtlinien seien nicht dazu da, die Analyse zu verbessern, sondern um den "Immobilienmarkt zu massieren und Marktanteile zu sichern". Ein anderer Analyst schrieb, das neue Rating-Verfahren hätte "so große Lücken" geschaffen, dass "ein ganzer Truck" durchfahren könne.

Dass das alles nicht ohne Folgen bleiben würde, wusste man bei S&P schon frühzeitig, schreiben die Ankläger. Sie zitieren David Tesher, Co-Direktor der Abteilung für verbriefte Immobilienkredite, mit einer Aussage aus dem Dezember 2006: "Dieser Markt wird noch wilde Kreise drehen, und es wird böse enden."

Noch kurz darauf, im August 2007, sollen mehrere S&P-Manager darüber diskutiert haben, die Rating-Regeln so zu ändern, dass Banken größeren Einfluss auf sie nehmen können.

Ode an den US-Immobilienmarkt

Ein Beweis sticht in der Anklageschrift besonders heraus: Im März 2007 zog ein S&P-Analyst im Großraumbüro von Zelle und Zelle und heiterte seine Kollegen mit einer Ode an den amerikanischen Immobilienmarkt auf.

Den Song "Brennt das Haus nieder" von den Talking Heads dichtete er wie folgt um: "Der Häusermarkt gibt nach/kühlt sich ab/der starke Markt ist deutlich schwächer/der Immobilienmarkt kocht über/brennt das Haus nieder." Der Vortrag kam bei den Mitarbeitern gut an und sorgte für Gelächter, heißt es in der Anklageschrift.

Die Darbietung fand genau zu dem Zeitpunkt statt, an dem Immobilienkrise ihren Anfang nahm. Aus heutiger Sicht ist der Song an Zynismus kaum zu überbieten: Millionen Amerikaner haben im Zuge der Immobilienkrise ihr Eigenheim verloren.

Sind die Ermittlungen ein Racheakt der Regierung?

Doch fraglich ist weiterhin, ob die US-Regierung Ermittlungen auch aufgenommen hat, um Revanche zu nehmen. S&P hatte im Jahr 2011 die Kreditwürdigkeit der USA heruntergestuft und ließ zuletzt durchscheinen, bei einer Fortsetzung des Haushaltsstreits die Bonität erneut zu senken.

Der Rechtsanwalt von S&P, Floyd Adams, sagte dem Fernsehsender CNBC: "Es ist wahr, dass sich die Ermittlungen nach der Herabstufung 2011 verschärft haben. Wir wissen nicht, warum." Ob die US-Regierung aber tatsächlich Revanche für die Herabstufung nehmen wolle, wisse niemand.

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