04.02.13

OECD-Studie

Das falsche Deutschland-Bild vieler Ausländer

Für den Erfolg des Wirtschaftsstandorts Deutschland scheint der Zuzug von Fachkräften aus außereuropäischen Staaten unerlässlich zu sein. Doch die zögern – auch, weil sie falsche Vorstellungen haben.

Von Stefan von Borstel
Foto: Infografik Die Welt

Kaum Zuzug aus dem außereuropäischen Ausland: Deutschland scheint wenig attraktiv zu sein. Doch neue Reformen werden verkannt
Kaum Zuzug aus dem außereuropäischen Ausland: Deutschland scheint wenig attraktiv zu sein

Trotz niedriger Hürden kommen nur vergleichsweise wenige hochqualifizierte Arbeitskräfte aus Ländern außerhalb Europas nach Deutschland. Das geht aus dem Bericht "Zuwanderung ausländischer Arbeitskräfte: Deutschland" der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) hervor.

Demnach kommen jährlich rund 25.000 Arbeitsmigranten aus Ländern außerhalb der EU und der Europäischen Freihandelsregion EFTA nach Deutschland. Das seien etwa 0,02 Prozent der Bevölkerung.

Australien, Dänemark, Kanada und England verzeichneten dagegen fünf bis zehn Mal so viele beschäftigungsorientierte Zuwanderer. Die OECD kritisierte auch, dass nur die Hälfte dieser Zuwanderer länger als drei Jahre in Deutschland bleibe.

Das deutsche Zuwanderungssystem werde "im In- und Ausland als restriktiv und schwer zugänglich wahrgenommen": als "Anwerbestopp mit Ausnahmen". Aus OECD-Sicht sollte Deutschland einen Perspektivwechsel vornehmen und Arbeitsmigration unter klar definierten Voraussetzungen grundsätzlich erlauben.

Aber auch die deutschen Unternehmen nutzten die neue Offenheit für qualifizierte Zuwanderer nur beschränkt. Trotz Fachkräftemangels hat jedes zweite Unternehmen die Möglichkeit, Personal im Ausland zu rekrutieren, noch gar nicht in Erwägung gezogen. Jedes dritte erklärte in einer Befragung unter 1100 Unternehmen, das Anwerben im Ausland sei zu kompliziert.

Eigentlich ein offenes System

Dabei ist das deutsche Zuwanderungssystem nach den Worten von OECD-Vizegeneralsekretär Yves Leterme mittlerweile eines der offensten der Welt. In Deutschland gebe es keine Begrenzung für die Zahl hochqualifizierter Einwanderer pro Jahr, die Bearbeitungszeit der Anträge sei kurz, das Verfahren kostengünstig und nur selten würden Bewerber abgelehnt.

Leterme empfahl, Arbeitgeber, insbesondere kleine und mittlere Unternehmen, bei der Personalsuche im Ausland stärker zu unterstützen. "Reformen ändern die Wahrnehmung der Menschen nicht über Nacht, weder hier in Deutschland noch bei potenziellen Migranten im Ausland", sagte der Vize-Generalsekretär der OECD.

In den vergangenen drei Jahren hatte die Bundesregierung die Zuwanderung insbesondere für Akademiker deutlich erleichtert. Im vergangenen Jahr traten Gesetze zur leichteren Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse und geringeren Einkommensgrenzen für Zuwanderer in Kraft. Die "Vorrangprüfung" der Arbeitsagenturen in Mangelberufen wie Arzt oder Ingenieur wurde abgeschafft.

Außerdem dürfen Hochschulabsolventen, die in Deutschland studiert haben, jetzt länger im Land bleiben, um sich hier eine Stelle zu suchen. Leterme betonte, Universitäten seien ein "ideales Zugangstor" für Arbeitsmigranten. Ein Drittel der Zuwanderer, die im Jahr 2010 einen Aufenthaltstitel erhalten hatten, waren internationale Studenten.

Allerdings gehe Deutschlands Anteil am umkämpften Markt für internationale Talente zurück. Leterme empfahl verstärkte Sprachförderung und eine bessere Vermarktung des Studienstandorts Deutschland.

Nachholbedarf sieht die OECD auch bei der Zuwanderung von Nicht-Akademikern. Deutschland müsse neue Wege für die Migration von Arbeitskräften mit mittleren Qualifikationen eröffnen. Vor allem im Mittelstand sei der Mangel an Fachkräften ohne Universitätsabschluss schon jetzt ein Problem.

Neue Reformen geplant

Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) kündigte an, die Beschäftigungsverordnung zu ändern, um auch für diese Mangelberufe Ausgebildete aus Ländern außerhalb der EU nach Deutschland holen zu können. Die geänderte Beschäftigungsverordnung soll noch im Februar vom Bundeskabinett verabschiedet werden und bereits im Juli in Kraft treten.

Die Ministerin nannte unter anderem den Bereich der Kranken- und Altenpflege. Aber auch Lokomotivführer, Klempner, Heizungsbauer, Elektrotechniker und Fachkräfte im Sanitärbereich würden gebraucht.

Als großes Hindernis für die Zuwanderer bezeichnete die OECD die deutsche Sprache. Es gebe in Europa immer weniger Menschen, die Deutsch sprechen. Gute Deutschkenntnisse seien jedoch die wichtigste Einstellungsvoraussetzung für die deutschen Arbeitgeber, insbesondere der kleineren Unternehmen.

Das aktuelle Zulassungssystem ignoriere dies weitgehend. Berufsspezifische Deutschkurse für Mangelberufe sowohl vor Arbeitsaufnahme als auch nach der Einstellung könnten eine große Hilfe sein. Außerdem müsse die "Infrastruktur für die Vermittlung der deutschen Sprache im Ausland" ausgebaut werden. Leterme lobte das vor kurzem aufgelegte deutsche Programm für arbeitslose Jugendleiche aus anderen EU-Ländern.

Ministerin von der Leyen verwies auf erste Erfolge der Einwanderungspolitik. So war der Wanderungssaldo in den vergangenen zwei Jahren wieder positiv: Es kamen mehr Menschen nach Deutschland, als abwanderten.

Mehr Einwanderer aus Europa

Weitaus bedeutender als die Einwanderung aus Drittstaaten sind für Deutschland die Einwanderer aus Europa, vor allem aus Osteuropa. Das wichtigste Herkunftsland für Arbeitsmigranten bleibt Polen, erklärte die OECD. Aber auch die Zahl der Arbeitsuchenden aus den Krisenländern Südeuropas steige ständig an.

Mittelfristig werde Deutschland seine offenen Stellen aber nicht allein durch Inländer und Europäer füllen können. Leterme kritisierte die Debatte um die "Willkommenskultur" in Deutschland als "überzogen". Deutschland sei als Zielland durchaus attraktiv, viele gut gebildete Migranten würden gerne nach Deutschland kommen.

In Rumänien, Bulgarien, Griechenland, Russland, Polen, Türkei und Serbien belegt Deutschland der OECD zufolge bei der Frage nach dem beliebtesten Zielland Platz eins.

Lesen Sie auch den Kommentar: "Der Anfang ist gemacht".

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Starke Unwetter Erneut Überschwemmungen im Westen
Geplatze Wasserleitung Neun Meter hohe Fontäne überschwemmt Teile von…
Paris Die Luxus-Ratten vom Louvre
Hollywood-Stars So wild feiern Lopez und Bullock Geburtstag
Top Bildershows mehr
Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Solinger Uhrenmodel

Ben Dahlhaus, der Hype um das neue Sex-Symbol

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote