03.02.13

Wintersport

Cool? Von wegen – das Snowboard ist tot

Das Snowboard hatte den Skiern einst den Rang abgelaufen. Doch wer heute etwas hermachen will, greift wieder zu zwei Brettern. Die haben mit ihren Vorläufern kaum noch etwas gemein.

Von Jens Hartmann und Andre Tauber
Foto: AFP

US-Snowboard-Profi Kelly Marren bei einem Halfpipe-Weltcup
US-Snowboard-Profi Kelly Marren bei einem Halfpipe-Weltcup

Wenn es nach den Messebesuchern geht, könnte das Wetter immer so im Winter sein. Ein frischer Schneefilm liegt am Morgen auf den Straßen von München. In Daunenjacken gehüllt und mit Pudelmützen auf dem Kopf, strömen die Besucher auf das Messegelände zur weltgrößten Sportartikelschau Ispo.

Die meisten sind um die dreißig. Die Männer sind bärtig und tragen unter ihren Jacken karierte Holzfällerhemden, die Frauen haben Kapuzenpullover an. Man gibt sich locker. Und sportlich.

Das winterliche Wetter passt deswegen, weil sich auf der Ispo vor allem die Outdoor- und Wintersportindustrie in Szene setzt. Bärenstark gibt sich etwa der Straubinger Traditions-Skihersteller Völkl. Menschentrauben drängeln sich um einen sogenannten Free-Ski aus Karbon, den Katana, das Produkt des Jahres der Ispo.

Doch wenn Geschäftsführer Christoph Bronder auf die Geschäftsentwicklung angesprochen wird, dann wird er bescheiden. "Die Händler haben im Jahresverlauf 2012 nur wenige Ski bestellt", sagt er. "Wir sind noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen."

Mit einem blauen Auge rettet sich die Skibranche schon länger von Saison zu Saison. Die Skibranche, zu der Marken wie K2, Völkl, Head, Atomic, Fischer und Salomon zählen, steckt in einem Strukturwandel.

Skifahrer leihen ihre Bretter heute lieber

Zwar hält sich die Anzahl der Skifahrer in Deutschland konstant bei etwas weniger als sechs Millionen. Doch der Weltmarkt für Ski schrumpfte zuletzt rapide, vor allem weil sich die Skifahrer ihre Bretter lieber vor Ort leihen, statt sie bis an den Berg zu schleppen.

Der Verdrängungswettbewerb zwischen den Herstellern ist enorm. Firmenpleiten sind inzwischen nicht ausgeschlossen. Die Branche war zuletzt vom Pech verfolgt. Sie ist dem Wetter auf Gedeih und Verderb ausgeliefert.

Niemand kauft eine warme Jacke, wenn draußen frühlingshafte Temperaturen herrschen. Die Lust aufs Skifahren ist nicht groß, wenn selbst im Voralpenland die Wiesen grün sind.

Vor allem auf frühen Schnee im Dezember ist die Branche angewiesen. Nach Weihnachten beginnt der Winterschlussverkauf. Wer dann noch Ski verkaufen will, muss hohe Rabatte bieten.

Händler haben ihre Lager vom Vorwinter voll

Dass sich auf der Ispo die Skihersteller die Wunden lecken, hängt mit der vergangenen Wintersaison zusammen. Der Winter kam in der Saison 2011/2012 zu spät, um für große Verkaufszahlen zu sorgen.

Die Händler gingen mit vollen Lagern in den Sommer und bestellten deutlich weniger Ski als in den Vorjahren. Der finnische Konzern Amer Sports, börsennotierte Mutter der Skimarken Atomic und Salomon, vermeldete einen Umsatzeinbruch im Wintergeschäft von acht Prozent. Anderen Herstellern erging es nicht besser.

Besser lief das Geschäft für den Handel. Ein früher Winterbeginn im Dezember und ein guter Januar trieben das Geschäft an – trotz der warmen Weihnachtstage.

"Die Wintersport-Umsätze des Handels liegen derzeit etwas über dem Vorjahr", sagt Siegfried Paßreiter, Geschäftsführer von Fischer + Löffler und für den Wintersport zuständiger Vorstand des Bundesverbands der Deutschen Sportartikelindustrie (BSI). "Das gilt aber nicht im gleichen Maße für die Industrie, da der Handel auf Grund gut gefüllter Lager aus dem Vorjahr erst die Bestände abverkaufen musste und entsprechend weniger neue Ware eingekauft hatte."

Sportartikelbranche jenseits der Skier boomt

Das maue Wintergeschäft mag zur Grundstimmung der Sportartikelbranche nicht so recht passen. Wachstumsthemen gibt es außerhalb des Wintersports genügend. Die Fußballeuropameisterschaft bescherte den Händlern im vergangenen Jahr gute Gewinne.

Händler verkauften zahlreiche Trikots der deutschen Nationalmannschaft. Auch das Geschäft mit Laufschuhen boomt. Intersport, Europas größer Sporthändlerverbund, steigerte den Umsatz im vergangenen Jahr um 2,2 Prozent.

Der Wettbewerber Sport 2000 konnte sogar 4,3 Prozent zulegen. Branchenweit legte der Umsatz um zwei Prozent auf 7,34 Milliarden Euro zu und auch für 2013 wird mit einem Plus gerechnet.

Die Skihersteller bemühen sich indes, neue Wachstumstrends zu setzen. Sie setzen vor allem auf Touren- und Free-Ski. "Tourenski verkaufen sich weiterhin sehr gut und wachsen deutlich zweistellig", sagt Sport-Scheck-Chef Stefan Herzog.

Mit Free-Ski kann man springen wie mit Snowboards

Und noch eine weitere Ski-Kategorie kann zulegen, das Geschäft mit Langlaufski ist in diesem Jahr recht gut verlaufen. "Insgesamt können wir uns nicht beschweren", sagt Siegfried Paßreiter von Fischer + Löffler, einer Firma, die besonders stark im Langlauf ist. Was jetzt noch fehle, seien zwei weitere schneereiche Wochen.

Das Thema Snowboard hingegen gehört immer mehr der Vergangenheit an. Um rund ein Viertel sind die Umsätze mit den Brettern in dieser Saison eingebrochen. "Viele frühere Snowboarder wechseln wieder ins Skilager", sagt Sport-Scheck-Chef Herzog.

Viele von ihnen finden mittlerweile Free-Ski cooler. Auch Twintips – Skier, die vorne und hinten nach oben gebogen sind, sind angesagt. Die modernen Bretter erleichtern rückwärtsfahren, Sprünge und andere Tricks.

Die neuen Trends reichen nicht aus, um bei Händlern neue Lust auf den Skimarkt zu wecken. Der Händlerverbund Sport 2000 empfiehlt seinen Mitgliedern, das schwankungsanfällige Wintergeschäft zu reduzieren.

Marktführer Intersport möchte zwar von einem Abschied aus dem Wintergeschäft nichts wissen. Man bleibe der "Partner Nummer eins" der Wintersportindustrie, betont Geschäftsführer Klaus Jost. Doch er räumt ein: Der Skihandel konzentriert sich mittlerweile auf den süddeutschen Raum.

Helme und Brillen gehen besser als die Ski selbst

Einige Händler versuchen, sich den Trend zum Leihski zu eigen zu machen. Der Händlerverbund Sport 2000 kündigt deswegen für die kommende Saison eine Kampagne an, um ihre Kunden davon zu überzeugen, Ski beim Fachhändler in der Heimat zu leihen statt im oft ausländischen Skigebiet.

Darüber hinaus räumen Händler Ausrüstung wie Helmen, Brillen und Handschuhen immer mehr Platz ein. "Aus dem Handel erhalten wir enorm positive Rückmeldungen über die Nachfrage nach unseren Produkten", sagt etwa Alexander Selch, Geschäftsführer von der Uvex Sports Group, einem Helmspezialisten.

Und auch Hersteller von Skischuhen sind guter Dinge. "Das Skischuhgeschäft hat sich trotz des schlechten letzten Winters recht gut gehalten", sagt Head-Wintersportchef Klaus Hotter.

Auch einige Hersteller stellen ihr Geschäftsmodell um. Amer Sports etwa kündigte an, sich künftig mehr auf die Bekleidung zu konzentrieren. "Amer Sports erwartet, dass das Geschäftsumfeld im Jahr 2013 herausfordernd bleibt", sagt Michael Schineis, Wintersportchef des Unternehmens.

Mancher Hersteller spezialisiert sich auf Bekleidung

Die Gesellschaft wird sich deswegen stärker auf Bekleidung konzentrieren. Die Marke Salomon tritt schon jetzt immer stärker als Spezialist für Laufsport im Gelände auf. Das Unternehmen hat auch die aufstrebende Outdoormarke Arc'teryx im Programm.

Bei der Bekleidung gibt es lukrative Bereiche. So sind etwa nach wie vor Produkte aus Merino-Wolle gefragt, die weniger riechen und selbst im feuchten Zustand warm halten sollen.

"Der europäische Markt macht fast die Hälfte unseres weltweiten Geschäftes aus und Icebreaker wächst dort um mehr als 20 Prozent jährlich", sagt Jeremy Moon, Gründer des neuseeländischen Marktführers Icebreaker. "Als Langzeit-Prognose sehen wir auch weiterhin Zuwächse im zweistelligen Bereich."

Auch Jackenhersteller litten zuletzt unter den vollen Lagern der Händler. Dass die aktuelle Wintersaison trotzdem nicht zur Katastrophe wurde, liegt an neuen Modetrends. In diesem Jahr sind vor allem Daunenjacken gefragt.

Die Branche hofft auch auf Olympia 2014

"Daune ist eines der Materialien, das aktuell ganz wichtig ist – nicht mehr nur in der Skibekleidung, sondern auch auf der Straße", sagt Skifahrerlegende und Modeunternehmer Willy Bogner der "Welt", der traditionell auch die deutsche Olympiamannschaft ausrüstet.

Bogner ist guter Dinge. "Wir sind auch in diesem Jahr wieder auf Rekordkurs. Mit der Geschäftsentwicklung bin ich rundum zufrieden." Dazu dürften auch die Olympischen Spiele im kommenden Jahr beitragen.

"Die Eröffnungsfeier ist die größte Modenschau der Welt, und wir wollen auch bei dieser Schau wieder in die Medaillenränge kommen", sagt Bogner. Neue Wachstumsschübe wie die Olympischen Spiele kann die Outdoor-Sportbranche dringend gebrauchen – und das auch abseits des klassischen Wintergeschäfts.

Denn nach den Jahren des Booms setzt nun die Ernüchterung ein. "Es gehen nun nicht die Lichter aus, auch wird die Ispo 2013 keine depressive oder rezessive Messe werden", sagt Peter Schöffel vom gleichnamigen Outdoor-Spezialisten.

Manche Firma hofft schon auf das Sommergeschäft

"Aber Verhaltenheit und Nachdenklichkeit sind schon angesagt. Für Überheblichkeit, wie das bei manchen zuletzt zu spüren war, gibt es jedenfalls keinen Grund." Zu optimistisch sei man angesichts der hervorragenden Vorjahre zuletzt gewesen.

Schöffel hatte für das vergangene Jahr ehrgeizige Ziele gesetzt - und sie am Ende dann doch verfehlt. Die angestrebte Marke von 100 Millionen Euro Umsatz konnte sein Unternehmen trotz einer breit angelegten Werbekampagne nicht erreichen.

Für dieses Jahr erwartet das Unternehmen nur eine leichte Umsatzsteigerung auf 95 Millionen Euro. Bleibt die Hoffnung auf das Sommergeschäft. Und die ist groß.

"Der Start ins Jahr 2013 ist gut gelungen", sagt Intersport-Chef Jost. Vor allem im Laufsport erwartet der Händlerverbund ein starkes Geschäft. Und das liegt auch daran, dass immer mehr Frauen zum Joggen gehen, statt sich auf Nordic Walking zu konzentrieren.

Auch Nordic Walking hat seine besten Zeiten gesehen

"Wir verkaufen mehr Schuhe und weniger Stöcke", sagt Intersport-Chef Jost. Der Sportartikelhersteller Adidas dürfte diesen Trend mit einem neuen Schuh befeuern, der noch im Februar vorgestellt werden dürfte.

Doch auch die Skihersteller üben sich zugleich auch im vorsichtigen Optimismus. Nachdem die Händler ihre Lager ausverkaufen konnten, besteht nun die Chance, dass mehr für die kommende Saison bestellt wird, sagt Völkl-Chef Bronder.

"Der Schnee im Januar hat den Optimismus der Händler wachsen lassen", sagt er. "Sie werden für die kommende Saison hoffentlich wieder kräftig bestellen."

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