02.02.13

Smartphone

Tippen, appen, zwittern – Der Blackberry-Check

Bringt das Blackberry Z10 die Wende für den strauchelnden Handy-Hersteller? Die Kanadier machen tatsächlich vieles richtig – doch am Ende bleiben Zweifel, ob das im Kampf gegen Apple und Co. reicht.

Foto: AFP

Blackberry greift auf dem Smartphone-Markt wieder an.

10 Bilder

Das spricht für Blackberry

Wischen: Blackberry-Nutzer blickten bislang neidisch auf iPhone-Besitzer, die fröhlich auf ihren Displays herumwischten. Mit dem Blackberry 10 dürfen sie das nun auch: von links nach rechts, rechts nach links, oben nach unten und unten nach oben. In kaum einem anderen Handy-Betriebssystem sind die Einstellungen und Nachrichten so einfach erreichbar wie in Blackberry 10.

Tippen: Bei der Texteingabe dürften iPhone- und Android-Nutzer künftig sogar neidisch auf Blackberry-Besitzer schauen. Nach kurzer Eingewöhnung lässt sich die virtuelle Tastatur nämlich besser bedienen als bei den Konkurrenten. Sie macht Wortvorschläge über den Buchstaben, die dann durch ein kurzes Wischen nach oben akzeptiert und in das Textfeld eingetragen werden. Wer mal Deutsch, mal Englisch schreibt, muss nichts umstellen. Blackberry 10 erkennt die Sprache. Auf diese Weise könnte Blackberry wieder zum Crackberry werden. So wurden früher in Anlehnung an die Droge Crack die Smartphones aus Kanada genannt, als kein Manager ohne konnte.

"Appen": Kein anderes Smartphone-Betriebssystem hatte zum Start so viele Anwendungen im Angebot wie Blackberry 10. Als Windows Phone im November 2010 vorgestellt wurde, gab es gerade einmal 2000 Apps für die Handys. Blackberry 10 kann auf mehr als 70.000 Anwendungen zugreifen. Die wichtigsten sind dabei beispielsweise Facebook und Twitter.

Zwittern: Blackberry 10 lässt seinen Nutzern die Wahl – beruflich oder privat. Das Smartphone ist zweigeteilt, die Bereiche sind gesondert verschlüsselt, es lassen sich keine Daten austauschen. Das dürfte auch Unternehmen gefallen: Ist die berufliche Nutzung gewählt, lassen sich auch nur Anwendungen ausführen, die vom Arbeitgeber zugelassen wurden. Der Wechsel zwischen privat und beruflich gelingt blitzschnell.

Mischen: Research in Motion (RIM) hat es geschafft, seine Abhängigkeit von Unternehmenskunden zu verringern. Während vor fünf Jahren noch mehr als zwei Drittel der Kunden Unternehmen und Behörden waren, sind es heute kaum mehr ein Viertel. Das könnte sich auszahlen, denn die Kaufentscheidung wird heute hauptsächlich von Privatnutzern getroffen.

Gerngesehen: Ohne Netzbetreiber geht es nicht, weil die meisten Smartphones über sie verkauft werden. Blackberry ist bei ihnen gern gesehen, weil die Geräte wegen ihrer Robustheit wenig Ärger machen und weil sie eine Alternative sind zum mächtigen Smartphone-Duo Apple/Samsung.

Das spricht gegen Blackberry

Zu spät: Für Blackberry ist der Zug abgefahren. Etwa 90 Prozent des Smartphone-Marktes ist fest in der Hand von Apple und Google. Kaum jemand steigt heute noch um, wenn er sich erst einmal an ein "Ökosystem" gewöhnt hat. Entwickler mit begrenzten Ressourcen werden sich auf ein neues System kaum einlassen, wenn sie bei den Konkurrenten mehr Kunden finden und somit auch mehr Geld verdienen können.

Zu langsam: Blackberry ist zum neuen Betriebssystem gleichsam gestolpert. Die Veröffentlichung musste immer wieder verschoben werden, zuletzt haben die Kanadier sogar das wichtige Weihnachtsgeschäft verpasst. Und auch beim neuen Vorzeigegerät Z10 gibt es im wichtigen US-Markt Verzögerungen. Dort dürfte es wohl erst im März zu kaufen sein. Keine gute Referenz in einem Markt, in dem die Innovationszyklen immer kürzer werden. Möglich, dass Samsung sein neues Galaxy auch bereits im März vorlegt.

Zu teuer: Das künftige Wachstum kommt vor allem aus Märkten, in denen die Kaufkraft schwach ist. Blackberry 10 aber stellt hohe Anforderungen an die Hardware, Billig-Handys sind Blackberrys Sache nicht. Hier baut das Betriebssystem Android seinen Vorsprung aus. Vor allem chinesische Hersteller wie Huawei und Lenovo dürften kräftige Wachstumsraten erwarten. Überhaupt wird es schwieriger, mit Smartphones Gewinne abzuschöpfen, das merken sogar die Marktführer. Apple konnte zuletzt trotz Absatzrekord seine Gewinne nicht mehr steigern, Samsung erwartet sogar einen Wachstumsrückgang im globalen Smartphone-Markt.

Zu uncool: Blackberrys Ruf ist ruiniert. Die Smartphones aus Kanada gelten gemeinhin als spaßfrei, als Arbeitsgerät, mit dem man sich eigentlich nicht auseinandersetzen will. In der Vergangenheit hatten viele Blackberry-Nutzer deswegen noch ein zweites Smartphone bei sich. Wiederholte Ausfälle führten dazu, dass viele Nutzer ihre Blackberrys nicht mehr als so zuverlässig einschätzen wie in der Vergangenheit.

Zu schwach: Research in Motion steht mit seinem Blackberry weitgehend allein da. Zwar verfügt das Unternehmen über Barmittel in Höhe von 2,9 Milliarden Dollar. Doch die könnten nun schnell abschmelzen. Blackberry wird mit dem Duo Microsoft/Nokia um den dritten Platz auf dem Smartphone-Markt kämpfen. Es ist allerdings absehbar, dass Microsoft mit seinem Windows Phone 8 den längeren Atem hat.

Zu ungewiss: Mehr als ein Drittel seines Umsatzes macht Blackberry mit dem Verwalten und Durchleiten der E-Mails an die Blackberry-Kunden. Netzbetreiber müssen je Kunde ungefähr sieben bis zehn Dollar pro Monat an die Kanadier weiterreichen. Hinter den Kulissen wird derzeit hart verhandelt. Die Netzbetreiber nutzen die Schwäche von Blackberry, um die Gebühren zu drücken. Das dürfte Research in Motion hart treffen. Blackberry selbst erwartet denn auch schon weniger Einnahmen aus dem Dienstleistungsgeschäft.

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