02.02.13

Insolvenzen

Justiz versteigert die Reichtümer der Italiener

Italien steckt tief in der Rezession. Nun häufen sich die Pleiten von Privatleuten und Firmen – und die Gerichte versteigern Luxusautos, Immobilien, Teppiche. Und das oft zu einem Schnäppchenpreis.

Von Tobias Bayer
Foto: Tobias Bayer

Motorräder, Ferraris, Kunst und Teppiche: In Italien kommt der Luxus unter den Hammer
Motorräder, Ferraris, Kunst und Teppiche: In Italien kommt der Luxus unter den Hammer

An den Fahrer des schwarzen Mercedes 500 mit den weißen Ledersitzen erinnern nur noch zwei goldene Buchstaben: "LM" steht auf der Konsole der Luxuskarosse, direkt über dem Autoradio. "LM" ist das Kürzel von Lele Mora.

Der schillernde Unternehmer war Inhaber einer Künstleragentur, die Talente an italienische TV-Shows vermittelte – und er soll den intimen Kontakt zwischen Ex-Premier Silvio Berlusconi und der damals minderjährigen Ruby hergestellt haben. Berlusconi muss sich derzeit wegen Ruby vor Gericht verantworten, das Urteil wird nach den Wahlen Ende Februar erwartet.

Vermittler Mora stand dagegen bereits vor dem Kadi. Sein Sündenregister reicht von Beihilfe zur Prostitution im Fall Ruby über Insolvenzverschleppung bis hin zur Steuerhinterziehung. Mehrere Monate saß er in Haft. Seinen Mercedes 500 nahm ihm die Justiz weg. Nun soll der Wagen verkauft werden, damit Moras Gläubiger zumindest an einen Teil ihres Geldes kommen.

Bis dahin ist der Mercedes das Prunkstück in einem Kuriositätenkabinett auf 6000 Quadratmetern, das sich im Mailänder Vorort Segrate befindet. In den Hallen sammelt das Unternehmen Sivag im Auftrag der Justiz alles, was nach einer Pleite in der lombardischen Metropole übrig bleibt – und versteigert es an den Meistbietenden.

Jeden Mittwoch strömen die Bieter zur Auktion: Waschmaschinen, Motorräder, Schuhe, meterhohe Spiegel, Teppiche, sogar Urnen kommen unter den Hammer.

Komplette Büroausstattung ab 500 Euro

In einem Prospekt sind die Objekte aufgelistet, inklusive eines Mindestpreises. Dort heißt es beispielsweise "Pleite der Gesellschaft Newfin Milano. Couch mit zwei Sitzplätzen, Kristalltisch, fünf Personal Computer, ein Laptop, 13 Sessel, ein Fax der Marke Canon, Kopiergeräte der Marken Oki und Ricoh sowie Kleiderbügel". Gesamtpreis: 500 Euro.

Vom Auktionserlös erhält die Sivag neun bis 18 Prozent als Kommission. Seit 40 Jahren hält die private Firma die Exklusivlizenz des Mailänder Gerichts. Derzeit liefen die Geschäfte so gut wie nie, freut sich Inhaber Albino Bertoletti. "Wir sind ein bisschen wie Totengräber", sagt der 63-Jährige. "Wenn es Tote gibt, muss sie auch jemand begraben."

Die Nachlässe weiterer abgewickelter Firmen kann Bertoletti schon fest einplanen. Denn durch Italien schwappt eine Pleitewelle. Das Land steckt in einer tiefen Rezession. Die Banken, die in Boomzeiten großzügig Darlehen vergaben, geizen heute mit Krediten. Kunden wiederum zahlen die Rechnungen nicht oder nur mit großer Verzögerung.

Gerade kleinen und mittelständischen Unternehmen geht deshalb das Geld aus. Vielen bleibt nichts anderes übrig, als die Bücher zum Gericht zu bringen und Insolvenz zu beantragen. In den ersten neun Monaten 2012 gaben 8822 Unternehmen auf, zwei Prozent mehr als im gleichen Zeitraum des Vorjahres.

2013 wird für Italien ein Jahr der Pleiten

Hart getroffen hat die Krise vor allem den Bausektor. Auch Logistik- und Transportfirmen geht es schlecht. Besser werden dürfte es in diesem Jahr nicht, sagt Gianandrea De Bernardis voraus, Chef der Cerved-Gruppe, die Daten zur Bonität und Firmenpleiten erhebt:

"2013 dürfte die Zahl der Pleiten ein historisch gesehen deutlich erhöhtes Niveau erreichen." Der Cerved-Index für Insolvenzen, der von 0 bis 100 reicht, werde dieses Jahr auf einen neuen Höchststand von 72,3 Zählern klettern und dann erst langsam abfallen, sagt De Bernardis.

Was von den insolventen Firmen übrig bleibt, landet bei Sivag-Chef Bertoletti. Er hat deshalb ein feines Gespür für die wirtschaftliche Lage. "Wir fühlen den Puls", formuliert er es. Im vergangenen Jahr hat er Güter im Wert von 25 Millionen Euro versteigert. Vor zehn Jahren seien es nur sechs bis sieben Millionen Euro gewesen.

Sein Lager ist prall gefüllt. Und: "Wir kriegen das Zeug gar nicht alles los." Die Leute hätten kein Geld, um an den Auktionen teilzunehmen. Früher hätten viele professionelle Käufer mitgemacht, um sich Schnäppchen zu sichern. Inzwischen blieben die fern. "Die haben ja selbst viel zu viel Zeug, das sie nicht verkaufen können", klagt Bertoletti.

Wohnungen lassen sich kaum verkaufen

Dramatisch sei die Situation auf dem Immobilienmarkt. Zahlt ein Hauseigentümer seine Hypothek nicht, schalten die Banken das Gericht ein. Die Wohnung wird gepfändet – und die Sivag übernimmt sie treuhänderisch. 1500 Wohnungen betreut Bertoletti mit seinen 40 Angestellten inzwischen, acht seiner Mitarbeiter kümmern sich ausschließlich darum.

"Der Großteil der Wohnungen sind wirkliche Bruchbuden in Problemgebieten Mailands." Sie seien meistens illegal untervermietet worden. "Für solche Wohnungen finden wir keinen Abnehmer." Es brauche manchmal drei Jahre, bis sich ein Interessent melde. Der Grund: Viele Italiener haben keinen festen Arbeitsplatz, einen Kredit gibt ihnen die Bank nicht. Da locken sie auch Tiefstpreise nicht an.

Es sind manchmal herzzerreißende Szenen, die Bertoletti in seinem Alltag erlebt. In Erinnerung geblieben ist ihm der Fall des Inhabers einer kleinen Druckfirma. Bei der Steuerbehörde und der Rentenversicherung stand er mit nahezu 300.000 Euro in der Kreide. Er starb und hinterließ den Schuldenberg seinem arbeitslosen Sohn und seiner Tochter, geschieden mit drei Kindern.

Das Haus, das der Vater gebaut hatte und in dem die ganze Familie wohnte, wurde gepfändet. "Das hat mich sehr berührt", sagt Bertoletti, der damals an der Tür klingelte, um die Nachricht von der Räumung zu überbringen. "Das waren alles ehrliche Leute." Immerhin einigte man sich auf eine humane Lösung: Das Haus bestand aus drei Abschnitten. Zwei wurden verkauft, im dritten wurden Sohn und Tochter untergebracht, allerdings auf engem Raum.

Gläubiger verlieren oft fast ihr ganzes Geld

Trotz aller Anstrengungen Bertolettis sind die Gläubiger selten zufrieden. Oftmals verlieren sie in Italien 95 Prozent ihres Einsatzes – deutlich mehr als in den meisten anderen europäischen Ländern. Das liegt einerseits daran, dass die Unternehmer bis zum letzten Moment warten, bevor sie die Insolvenz beantragen. Andererseits dauern die Gerichtsverfahren sehr lange.

Hinzu kommt, dass Bilanzbetrug zwar geahndet wird, das Gesetz aber diverse Ausnahmen vorsieht. Die Missbrauchsgefahr ist hoch. "Das Regelwerk für Bilanzbetrug ist sehr umstritten", sagt Valentina Miscischia, Expertin für Insolvenzrecht bei dem Verband Assonime, der sich für die Interessen der Kapitalgesellschaften starkmacht.

Die Regierung, die 2012 bereits einige Aspekte des Insolvenzrechts verbessert habe, müsse auch hier nachbessern: "Insolvenzbetrug wird nach dem Rahmen von 1942 gehandhabt. Das ist nicht mehr zeitgemäß."

Commodore-Rechner als mahnendes Beispiel

Mit Insolvenzen hat Bertoletti auch ganz persönliche Erfahrungen. Bevor er 2001 bei Sivag einstieg, war er unter anderem Italienchef des Computerherstellers Commodore. In den 70er- und 80er-Jahren war die Firma sehr erfolgreich, brillierte mit Produkten wie dem C64 und dem Amiga 500.

Ihr Name prangte auf den Trikots von Bayern München. Doch dann schlingerte das Unternehmen in die Zahlungsunfähigkeit. Bertoletti hat das Kapitel nicht vergessen. Die alten Commodore-Rechner besitzt er bis heute. Sie stehen nicht in seinem Lager. Sondern bei ihm zu Hause.

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Champions-League Guardiola will "überragende Leistung"
Brasilien Jagdszenen an der Copacabana
Drohung USA schicken 600 Soldaten nach Polen und ins Balti…
Chaos Panik in indischer Stadt durch verirrten Leopard
Die Welt - Aktuelle News
  1. 1. AuslandApokalypse in Aleppo"Wir versprechen dir, dich das nächste Mal zu töten"
  2. 2. DeutschlandEuropawahlSPD zittert schon vor dem "Katastrophen-Ergebnis"
  3. 3. DeutschlandWahlkampf-GeldAfD setzt umstrittene Kreditfinanzierung fort
  4. 4. AuslandBrasilienMann bei Straßenschlachten in Rio erschossen
  5. 5. 1. FC NürnbergAbstiegskampf1. FC Nürnberg trennt sich von Trainer Verbeek
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Mode

Kate – die unangefochtene Fashion-Queen

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote