01.02.13

Neuemission

LEG geht an die Börse, Aktie gleich im Minus

Der Wohnungskonzern LEG ist der bisher größte Börsengang des Jahres. Gleich zu Beginn rutscht die Aktie ins Minus. Aber Alt-Eigentümer Goldman Sachs darf sich trotzdem über Milliarden freuen.

Von Karsten Seibel
Foto: dpa

LEG Immobilien verfügt über 91.000 Wohnungen. Es ist der bislang größte Börsengang in diesem Jahr
LEG Immobilien verfügt über 91.000 Wohnungen. Es ist der bislang größte Börsengang in diesem Jahr

LEG-Vorstandschef Thomas Hegel wollte sich die Stimmung nicht vermiesen lassen. "Wir waren zwei Wochen bei den Investoren unterwegs. Jetzt wissen wir, dass der Laden auch ohne uns läuft", rief er, ein Sektglas in der Hand, seinen Mitarbeitern zu.

Doch jetzt komme der Vorstand zurück, fügte er halb drohend, halb lachend hinzu und erhob das Glas, um auf das Debüt seines Unternehmens an der Börse anzustoßen. Hegel steht auf dem Parkett in Frankfurt. Er durfte kurz zuvor mit Kollegen die gusseiserne Glocke läuten, so wie es jedem Börsenneuling zusteht.

Der Wohnungskonzern LEG Immobilien ist nicht irgendein Börsenneuling. Aktien im Wert von 1,3 Milliarden Euro wurden an Anleger verkauft. Nur der Mobilfunkkonzern O2/Telefónica sammelte in den vergangenen fünf Jahren in Deutschland mehr Geld ein. Sogar im Weltmaßstab kann sich der Vermieter von 91.000 Wohnungen in Nordrhein-Westfalen sehen lassen. Es war die bislang größte Neuemission im Jahr 2013.

Banken bremsen mit Stützungskäufen die Verluste

Trotz aller Jubelstimmung des Managements, ausgerechnet die neuen Aktionäre, um die sich Hegel in den vergangenen Wochen so intensiv gekümmert hatte, konnten sich nicht freuen. Nur neun Minuten, nachdem der erste Kurs für die Aktie bei 44,50 Euro ausgerufen war, sackte die Notierung unter den Ausgabepreis von 44 Euro. Bis auf 43,75 Euro ging es im weiteren Tagesverlauf nach unten. Noch tiefere Kurse wurden offenbar durch Stützungskäufe der den Börsengang begleitenden Banken verhindert.

Damit durften sich all jene bestätigt fühlen, die früh davon sprachen, dass dieser Börsengang nur einer Gruppe half: den Altaktionären rund um die US-Investmentbank Goldman Sachs und ihre Kunden. Sie hatten das Unternehmen vor fünf Jahren für 800 Millionen Euro vom Land Nordrhein-Westfalen gekauft und konnten bereits Dividendenausschüttungen in Höhe von 350 Millionen Euro verbuchen.

Und nun kassieren sie für bis zu 57,5 Prozent der LEG rund 1,3 Milliarden Euro - je nach Ausübung des sogenannten Greenshoes, der zur Kurspflege verwendet werden kann, können sich die Zahlen in den kommenden Tagen noch leicht verändern.

Emission war mehr als dreifach überzeichnet

Stimmen aus dem Bankenkonsortium, das von Goldman Sachs selbst und der Deutschen Bank angeführt wurde, soll es an Nachfrage nicht gemangelt haben. Dem Vernehmen nach lagen zu dem festgelegten Ausgabepreis von 44 Euro Zeichnungsaufträge im Volumen von 4,5 Milliarden Euro vor. Die Emission war damit mehr als dreifach überzeichnet.

Doch offenbar hatte kein Anleger das Gefühl, dass er bei der Zuteilung zu kurz gekommen war. Sonst wäre der Kurs nicht am ersten Handelstag derart unter Druck geraten. Die Zeichnungsspanne hatte zwischen 41 Euro und 47 Euro gelegen. In einem halben Jahr können Altaktionäre die nächsten Anteile verkaufen, dann endet die Haltefrist.

Dominiert wurde das Orderbuch von institutionellen Investoren wie Pensionskassen, Versicherungen und Fondsgesellschaften mit Sitz in den Vereinigten Staaten und Großbritannien. Deutsche Anleger sollen lediglich zehn Prozent der verkauften Aktien erhalten haben, wobei Privatanleger – trotz der Sympathie vieler für Immobilien – mal wieder fast keine Rolle spielten. Ihr Anteil an den zugeteilten Aktien lag lediglich bei 0,6 Prozent. Das ist einer der tiefsten Werte bei einem großen Börsengang der vergangenen Jahre.

Es ist einfacher große Aktienpakete zu verkaufen

"Wir sind halt nicht mehr in den Jahren um 2000, als noch der Schauspieler Manfred Krug für Aktien warb", sagte Thomas Schweppe, der für Goldman Sachs den Börsengang begleitete. Er geht nicht davon aus, dass Privatanleger bei kommenden Börsengängen eine größere Rolle spielen werden.

Das geringe Interesse der Anleger an Aktien ist das eine, das geringe Interesse der Emittenten und begleitenden Banken das andere. Es ist einfacher, ein paar große Pakete an große Investoren zu verkaufen, als viele kleine Pakete an private Sparer.

Die Kurse der Neulinge haben sich in den vergangenen fünf Jahre sehr unterschiedlich entwickelt. Neben zwei Ausfällen, darunter mit SMA Solar ausgerechnet das Unternehmen mit dem höchsten Privatanlegeranteil, gibt es mit Brenntag und Kabel Deutschland auch zwei Unternehmen, bei denen sich der Kurs mehr als verdoppelte.

Börse will Privatanleger stärker einbinden

Die Deutschen Börse sieht die Abstinenz der Privatanleger unabhängig der Frage, inwieweit sich mit Neuemissionen Geld verdienen lässt, mit Sorge. "Wenn wir einen lebhaften Kapitalmarkt haben wollen, müssen wir auch Privatanleger stärker einbinden", sagte Alexander Höptner, der bei der Deutschen Börse verantwortlich für das Emissionsgeschäft ist, am Rande des LEG-Debüts.

Nur auf diese Weise sei es möglich, in der Öffentlichkeit mehr Verständnis für die Aktie zu gewinnen. Die Börse werde künftig in Gesprächen mit Unternehmen und Banken auf höhere Zuteilungen hinarbeiten. Dass ein fester Anteil im Regelwerk der Börse festgeschrieben werde, sei aber nicht geplant, sagte Höptner - dabei klang ein "Noch nicht" mit.

Bei dem für Frühsommer anstehenden Milliarden-Debüt des Lichtunternehmens Osram muss sich die Börse über die Zuteilung keine Gedanken machen. Jeder Anteilseigner des Mutterkonzerns Siemens, ganz gleich ob klein oder groß, bekommt für zehn Siemens-Aktien eine Osram-Aktie in sein Depot gebucht.

Marktumfeld so gut wie seit Jahren nicht mehr

Neben dieser speziellen Form des Börsengangs erwarten die Experten der Banken eine Reihe klassischer Neuemissionen. "LEG Immobilien war das Signal, dass auch große Transaktionen funktionieren", so Schweppe von Goldman Sachs.

Auch Foruhar Madjlesse von der Deutschen Bank gab sich zuversichtlich: "Das Marktumfeld für Börsengänge ist so gut wie seit Jahren nicht mehr." Das Extremszenario eines Euro-Austritts spiele bei Investoren keine Rolle mehr, andere Risiken wie beispielsweise die Diskussion um die Anhebung der US-Verschuldungsgrenze hätten keine vergleichbare Bedeutung.

Niedriger VDax erleichtert Börsengänge

Gradmesser ist der Schwankungsindex VDax. Notiert dieser nicht sehr viel höher als 20, funktioniert ein Börsengang in der Regel, denn dann sind die Investoren entspannt und risikobereit. Aktuell liegt der VDax unter 13. Zuletzt lag er Ende 2006 auf dem Niveau.

Springer Science, Iglo, Kion, die Autosparte von Rheinmetall, das sind Namen von Kandidaten, die gern genannt werden. Mit der Deutschen Annington könnte spätestens im vierten Quartal ein weiteres Immobilienunternehmen auf dem Kurszettel stehen. Noch vor Ostern einen Börsengang über die Bühne zu bekommen, wird schwierig. Schließlich müssen die Unternehmen dafür zunächst die Geschäftszahlen 2012 vollständig aufgearbeitet haben. Madjlessi: "Für die Zeit um Ostern bis Mitte Mai erwarte ich eine Reihe weiterer Transaktionen."

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