01.02.13

Konjunktur

US-Wirtschaft darf auf anhaltenden Aufschwung hoffen

Erst kürzlich hat die Amerikaner ein Wachstumseinbruch erschreckt. Aber der Aufschwung ist wieder da – und er wird stabiler. Besonders der Häusermarkt erholt sich. Doch liegt darin auch eine Gefahr.

Von Martin Greive
Foto: picture alliance / dpa

Menschen vor der S&P-Zentrale in New York. Die US-Wirtschaft erholt sich weiter
Menschen vor der S&P-Zentrale in New York. Die US-Wirtschaft erholt sich weiter

Die Marke Harley Davidson gehört zur DNA der US-Wirtschaft. Mit schweren Motorrädern über die breiten Highways zu brettern, ist für viele Amerikaner der Traum von Freiheit. Doch Harley Davidson ist mehr als nur eine amerikanische Kultmarke. Der Motorradhersteller steht auch sinnbildlich für den Zustand der US-Wirtschaft.

Harley Davidson ist derzeit von den Rekordergebnissen früherer Zeiten weit entfernt. Verkaufte der Motorradbauer 2006 noch rund 350.000 Motorränder, waren es 2012 rund 100.000 weniger. Auf der anderen Seite laufen die Geschäfte für Harley aber seit Ausbruch der Krise von Jahr zu Jahr besser. Im vergangenen Jahr wuchs der Absatz um 6,2 Prozent.

So ergeht es derzeit der gesamten US-Wirtschaft. Die größte Volkswirtschaft der Welt wächst auch rund viereinhalb Jahre nach Ausbruch der Finanzkrise noch nicht in altem Tempo. Laut dem Budgetbüro des Kongresses produzierte die US-Wirtschaft 2012 eine Billion Dollar weniger als sie könnte, die fehlenden Motorräder Harley Davidsons sind ein Teil dieser Statistik.

Aber es geht auch seit Monaten aufwärts mit der US-Konjunktur, der Aufschwung wird stabiler. Daran ändern auch die überraschend negativen Konjunkturdaten aus dieser Woche nichts. Allerdings besteht die Gefahr, dass die Amerikaner ihren Aufschwung wieder einmal auf Pump finanzieren.

Mitte der Woche versetzten die neuesten Konjunkturdaten die USA kurzzeitig in Schrecken. Völlig überraschend verkündete die Regierung den ersten Wachstumseinbruch seit 2009. Die US-Wirtschaft ist zwischen September und Dezember um 0,1 Prozent geschrumpft. Experten hatten im Vorfeld mit einem Wachstum von 1,1 Prozent gerechnet. Ist der Aufschwung etwa schon wieder vorbei? Das war die bange Frage, die sich viele Amerikaner stellten.

Keine neue Rezession

"Die USA stehen nicht vor dem Beginn einer neuen Rezession", beruhigt Harm Bandholz, US-Volkswirt bei Unicredit. "Trotz der negativen Zahlen erwarten wir, dass die US-Wirtschaft ihre stärkste Phase seit Beginn des Aufschwungs hinlegt." Denn die Gründe für den Wachstumsrückgang Ende vergangenen Jahres sind vor allem auf Einmaleffekte zurückzuführen.

Während die US-Regierung in den Vorquartalen noch ordentlich Geld ausgegeben hatte, nahm sie im vierten Quartal die stärksten Einschnitte im Staatshaushalt seit 40 Jahren vor: Die Ausgaben der Regierung gingen um 15 Prozent zurück, beim Militär strich sie sogar 22 Prozent zusammen. Auch dürfte Hurrikane "Sandy" das Wachstum gebremst haben. Laut dem Handelsministerium betrug der Schaden des Sturms, der im Herbst über die Ostküste hinwegfegte, rund 44 Milliarden Dollar.

Zudem bauten Unternehmen ihre Lager deutlich langsamer auf als erwartet, um gerade einmal 20 Milliarden Dollar. "Diese Effekte lösen nur in der Regel keine Rezession aus", schreiben die Ökonomen von Capital Economics. Abschwünge würden stattdessen von einem abrupten Abfall bei Investitionen und Konsum losgetreten.

Doch genau in diesen Bereichen läuft es ganz gut. Die Konsumausgaben zogen im vierten Quartal um 2,2 Prozent an, die Investitionsausgaben für Equipment und Software sogar um 12,4 Prozent. Zudem sorgte am Freitag der US-Arbeitsmarkt für Entspannung. Die US-Unternehmen schufen im Januar 157.000 Jobs. Nicht gut, aber ordentlich. Auch das Verbrauchervertrauen stieg stärker als erwartet. Die US-Notenbank dürfte sich deshalb bestätigt fühlen. Sie hatte am Mittwoch keine neuen Schritte angekündigt, um die Konjunktur zu stützen.

Zugpferd Häusermarkt?

Besonders der lange Zeit schwächelnde Häusermarkt nährt Hoffnung, dass der Aufschwung anhält. Im vergangenen Jahr ist der S&P/Case Shiller Index, ein Gradmesser für den Häusermarkt, um 5,5 Prozent gestiegen – so stark wie seit 2006 nicht mehr. Mit Ausnahme der Region New York stiegen im vergangenen Jahr in allen 20 Metropolregionen die Häuserpreise. Phoenix, San Francisco, Detroit, Minneapolis oder Las Vegas verzeichneten gar zweistellige Wachstumsraten.

Der Häusermarkt hatte nach dem Platzen der Immobilienblase 2007 lange Zeit keinen Boden unter den Füßen gesehen und das US-Wachstum kräftig ausgebremst. Nun könnte der wieder in Gang kommende Immobilienmarkt die Konjunktur beleben. Laut Berechnungen von Unicredit könnte ein zehnprozentiger Anstieg der Häuserpreise das US-Wachstum um einen halben Prozentpunkt erhöhen.

Die Erholung auf dem Häusermarkt ist auch ein wesentlicher Grund, warum deutsche Unternehmen optimistisch in die USA blicken. "Angesichts einer Stabilisierung der Hauspreise, einer niedrigeren Arbeitslosigkeit und einer fortschreitenden Entschuldung der privaten Haushalte stehen die Zeichen für eine sich fortsetzende Erholung des privaten Konsums und der unternehmerischen Investitionen gut", schreibt der Deutsche Industrie und Handelskammertag (DIHK) in einer Analyse.

Etwas mehr als jedes vierte Unternehmen das Auslandsinvestitionen tätigen will, möchte dies in Nordamerika tun. Zudem stiegen die Geschäftserwartungen für die USA deutlich an. "Die Betriebe gehen mit Selbstvertrauen in das Jahr 2013", sagt DIHK-Chefvolkswirt Volker Treier. Entscheidend für diesen Optimismus werde aber sein, ob die USA nach dem kurzfristigen Kompromiss unter dem Eindruck der drohenden Fiskalklippe eine nachhaltige Lösung der Haushaltsprobleme hinbekommen, so Treier.

Finanzierung auf Pump

Bislang hat sich der Schuldenstand in den USA – rechnet man Staat, Privathaushalte und Unternehmen zusammen – seit Mitte 2009 nicht grundlegend verändert. Er liegt weiterhin bei rund 225 Prozent gemessen an der Wirtschaftsleistung. Nur eine Umschichtung zwischen den Akteuren fand statt. Während der Staat neue Schulden machte, bauten Privathaushalte ihre Verbindlichkeiten ab, von 97 auf 81 Prozent.

Auch bei Harley Davidson beobachtet man einen verantwortungsvolleren Umgang der Kunden mit Schulden. Die Quote der nicht erfüllten Kundenkredite ist deutlich gesunken. Lag die Zahl der Zahlungsausfälle vor Ausbruch der Krise 2007 bei 1,9 und während der Krise bei 2,9 Prozent, ist die Quote mittlerweile auf 0,8 Prozent gefallen. Das ist der niedrigste Stand seit zehn Jahren. Laut Harley-Managern ist dies eine "zentrale positive Überraschung" in diesem Jahr.

Allerdings stellt sich zunehmend die Frage, wie lang dieser Trend noch anhält. In den vergangenen Monaten ist die Zahl der Konsumentenkredite bereits stark gestiegen. Bislang wurde der Zuwachs durch die geringere Aufnahme von Hypothekenkrediten kompensiert.

Doch das könnte sich mit fortschreitender Erholung des Häusermarktes ändern – und Schulden könnten wieder vom Staat zu den Haushalten umgeschichtet werden. "Wir stehen vor dem Beginn eines Anstiegs der Privatschulden", warnt Bandholz bereits. Wenn die Amerikaner ihren Aufschwung allerdings wieder auf Pump finanzieren, wird es in ein paar Jahren wieder ein böses Erwachen geben.

Quelle: Reuters
03.01.13 1:23 min.
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