01.02.13

Armut

"Afrikas Landwirte brauchen vor allem Know-how"

Steht Afrika vor dem Verkauf? Der Chef des Landmaschinenherstellers Agco sagt, warum Pachten besser als Kaufen ist – und wie er Entwicklungshilfe mit Geschäft verbindet.

Foto: Reuters

Bauern im südafrikanischen Klippoortie. Sie brauchen Kleintraktoren und keine großen Landmaschinen
Bauern im südafrikanischen Klippoortie. Sie brauchen Kleintraktoren und keine großen Landmaschinen

Der US-Konzern Agco ist einer der größten Landmaschinenhersteller der Welt. Zum Konzern gehört unter anderem der deutsche Traktorenhersteller Fendt. An der Spitze von Agco steht ein Deutscher: der studierte Religionslehrer Martin Richenhagen. Er hat Investoren, Produzenten und Politiker ins Berliner Hotel "Adlon" geladen. Auch Ex-Bundespräsident Horst Köhler, Investor Lars Windhorst und der europäische Bauernpräsident Gerhard Sonnleitner sind gekommen. Es geht um Afrika – wie man dort mehr Lebensmittel produzieren und nebenbei auch noch Geld verdienen könnte.

Berliner Morgenpost: Was soll ein Kleinbauer in Afrika mit einem 370-PS-Traktor?

Martin Richenhagen: Den braucht er wirklich nicht. Wohl aber eine kleinere Maschine, die ihm schwerste Arbeit wie das Pflügen abnimmt. Solch einen Volks-Traktor haben wir vor einigen Jahren nach einem Gespräch mit dem damaligen brasilianischen Präsidenten Lula entwickelt. Der fragte mich, was wir eigentlich für seine Kleinbauern tun könnten, die ohne Landmaschinen ihre Felder beackern. Ich wusste ehrlich gesagt gar nicht, dass es davon in Brasilien überhaupt noch so viele gibt.

Berliner Morgenpost: Dann hat der Sozialist Lula den Konzern aus dem kapitalistischen Amerika bei der Entwicklung unterstützt?

Richenhagen: Entwickelt haben wir nach den Spezifikationen der Brasilianer selber. Aber Lula hat seinen Bauern nach einer simplen Bonitätsprüfung zinsgünstige Kredite gegeben, um unsere Traktoren zu kaufen. Das Stück kostete 10.000 Dollar. Binnen drei Jahren haben wir 50.000 Schlepper verkauft.

Berliner Morgenpost: In Afrika sind die Bauern noch ärmer. Sie sind ein Wirtschaftsunternehmen. Wie wollen Sie dort mit Kleintraktoren Geld verdienen?

Richenhagen: Natürlich sind die Gewinnmargen kleiner als bei den großen Landmaschinen. Deshalb werden wir Traktoren künftig auch vor Ort produzieren. Und das können wir dann deutlich günstiger als bisher. Gerade haben wir unser erstes afrikanisches Werk in Algerien eröffnet. Bis 2015 sollen dort 700 Arbeitsplätze entstehen. In Sambia haben wir außerdem 120 Hektar Brachland gepachtet und sind dabei, dort einen Demonstrationsbetrieb mit 30 festen Mitarbeitern aufzubauen. Dort wollen wir zeigen, wie man in Afrika effektiver Landwirtschaft betreiben kann.

Berliner Morgenpost: Durch die neuen Maschinen sterben aber auch alte Traditionen. Und es braucht weniger Hände, um das Land zu bewirtschaften.

Richenhagen: Ich kann darin eigentlich überhaupt nichts Negatives erkennen. Bisher lastet die harte Arbeit der Landwirtschaft vor allem auf den Frauen. Eine gut meinende Mutter, die sich abrackert, ihrem Acker minimale Erträge abzugewinnen und dann doch ihre Kinder hungern und sterben sieht, daran ist nichts Romantisches.

Berliner Morgenpost: Mit Maschinen allein ist es allerdings kaum getan. Ein neuer Trecker geht auch schnell wieder kaputt.

Richenhagen: Deswegen bieten wir vor Ort auch Reparaturservice und Ersatzteile an. Konkurrenten aus China zum Beispiel tun das nicht. Die liefern billig für den Schrottplatz. Und natürlich reichen Maschinen allein nicht aus. Afrikas Landwirtschaft braucht vor allem Know-how. Noch heute verdirbt die Hälfte aller dort produzierten Lebensmittel nach der Ernte, weil zum Beispiel falsch oder gar nicht gelagert wird. An zweiter Stelle stehen die Produktionsmittel, um die Effizienz zu erhöhen. Dazu gehören, richtig angewandt, Dünger und Pestizide genauso wie Landmaschinen. Und drittens braucht es Investoren. Die Bauern selbst haben nicht viel Geld und auch viele Staaten sind überfordert.

Berliner Morgenpost: Nicht-Regierungsorganisationen wie Oxfam oder Misereor dagegen fürchten, dass viel zu viele Investoren Land in Afrika unter den Pflug nehmen wollen. Sehen Sie die Gefahr eines Ausverkaufs des Landes in einigen Ländern des Kontinents?

Richenhagen: Die Diskussion um ausländische Landkäufer wird überall auf der Welt sehr unsachlich geführt. Ob das Amerikaner sind, die Land in Brasilien kaufen, oder umgekehrt: Brasilianer, die in den USA Grundstücke erwerben oder gar Deutsche, die in Polen kaufen. In Afrika haben vor vielen Jahren die Chinesen für Aufsehen gesorgt, die Land kauften, eigene Arbeiter mitbrachten und die produzierten Lebensmittel wieder nach China verschifften. Solchen Geschäftsmodellen stehen auch die Regierungen in Afrika inzwischen sehr viel kritischer gegenüber.

Berliner Morgenpost: Würden Sie Regierungen in Afrika überhaupt raten, Land zu verkaufen?

Richenhagen: Noch immer liegen die Preise für Lebensmittel in Afrika um 30 bis 50 Prozent über dem Weltmarktpreis. Nur durch Transfer von Technologie und Wissen kann es gelingen, vor Ort günstiger zu produzieren. Aber überschaubare Pachtverträge wären sicherlich die bessere Lösung – für beide Seiten. Für westliche Investoren sinkt damit das Risiko, bei einem politischen Umsturz riesige Summen zu verlieren. Und die Afrikaner geben das Land nicht für immer aus der Hand und haben regelmäßige Einnahmen. Ich fände es eine gute Idee, wenn sich westliche Investoren grundsätzlich einigen würden, zu pachten anstatt zu kaufen.

Berliner Morgenpost: Sie sitzen im Beirat von Lars Windhorsts Investment-Firma Sapinda. Eine Tochter hat gerade 25.000 Hektar in Sambia gekauft und gepachtet. Der hat nicht auf Sie gehört.

Richenhagen: Es handelt sich um Brachland und die Sapinda-Tochter Amatheon baut mit Hilfe von deutschen Experten derzeit einen vorbildlichen Landwirtschaftsbetrieb auf. Da wird bereits jetzt viel Wissen an Afrikaner weitergegeben und die wollen für den afrikanischen Markt produzieren. Es wäre schon ein Erfolg, wenn der Westen keine Lebensmittel mehr nach Afrika schicken müsste. Auf dem Kontinent liegen rund 60 Prozent der weltweiten Reserven an Ackerfläche. Davon werden derzeit nur 20 Prozent überhaupt genutzt. Die Bevölkerung wird sich in den kommenden 20 Jahren auf zwei Milliarden Menschen verdoppeln. Da muss die Landwirtschaft deutlich leistungsfähiger werden. Wenn wir die wachsende Bevölkerung Afrikas ernähren wollen, müssen wir vor Ort helfen Landwirtschaft mit modernen Maschinen, Dünge- und Pflanzenschutzmitteln produktiver zu betreiben. Importe aus Europa oder Brasilien sind langfristig bestimmt keine Lösung des Ernährungsproblems

Berliner Morgenpost: Ins Berufsleben gestartet sind sie als Religionslehrer in Frechen bei Köln. Könnten Sie sich vorstellen, als Rentner eine Farm in Afrika zu betreiben?

Richenhagen: Ich verstehe leider nichts von Landwirtschaft. Wir verkaufen Maschinen – aber zu einem guten Landwirt braucht es viel mehr. Ein Freund von mir, ein Priester, hat mit seinem Erbe eine Schule in Mosambik aufgebaut. Ich könnte mir schon vorstellen, dort als Rentner zu unterrichten.

Berliner Morgenpost: Was mögen Sie an Afrika?

Richenhagen: Es ist beeindruckend, mit welcher Lebensfreude die Menschen ein sehr einfaches Leben führen. Da wird Vieles, was wir hier haben und glauben zu brauchen, unwichtig. Außerdem hat Afrika wunderschöne Natur. Die Sahara ist ein Erlebnis, Länder wie Malawi oder Sambia sind Schönheiten.

Quelle: Reuters
11.12.12 1:59 min.
Auf der Ernährungskonferenz in Berlin kritisierte Annan Großkonzerne, die in Afrika Land aufkaufen, um für die eigene Märkte zu produzieren. Diese Praxis käme effektiv einem Landraub gleich, so Annan.
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