01.02.13

Schiefergasförderung

Fracking revolutioniert Sicherheitsarchitektur

Die neue Fracking-Methode erlaubt es, bislang unzugängliche Gasvorkommen zu fördern. Die USA machen sich dadurch unabhängiger von Energieimporten. Das bekommt auch der Nahe Osten zu spüren.

Foto: dpa

Eine Ölförderungsplattform, die nach dem Prinzip des „Fracking“ arbeitet im US-Bundesstaat Pennsylvania
Eine Ölförderungsplattform im US-Bundesstaat Pennsylvania

Der Leiter der Münchener Sicherheitskonferenz, Wolfgang Ischinger, erwartet durch die sinkende Abhängigkeit der USA von Rohstoff-Importen Auswirkungen auf die Sicherheit im Nahen Osten.

Dass die USA durch neue Verfahren mehr Öl und Gas im eigenen Land fördern könnten, "hat Auswirkungen auf die amerikanische Notwendigkeit, sich um Stabilität und Sicherheit am Golf, am Persischen Golf, täglich zu kümmern", sagte Ischinger im Deutschlandfunk. Zwar würden die USA "sich nicht aus dieser Region völlig zurückziehen". In der Prioritätenliste aber werde der Nahe Osten "nach unten gehen".

Die USA setzen seit einiger Zeit darauf, durch das sogenannte "Fracking" früher schwer zugängliches Öl und Gas aus Gesteinsschichten in bis zu 5000 Metern Tiefemit hohem hydraulischen Druck herauszulösen.

Umweltschützer sehen die Technik kritisch

Dank moderner Bohrtechniken lohnt sich dieses verfahren. Umweltschützer sehen die Technik jedoch sehr kritisch. Die USA haben auf diese Weise aber Zugriff auf sehr große Rohstoff-Vorkommen – und müssen weniger Öl und Gas aus dem Nahen Osten importieren. Dadurch könnten auch die Energiepreise sinken.

Wenn die USA ihr Engagement im Nahen Osten zurückführen, müsse sich Europa dort stärker engagieren, sagte Ischinger voraus. Die hiesigen Regierungen könnten nicht mehr davon ausgehen, "dass wir quasi als Trittbrett-Fahrer der USA immer jemanden haben, der sich um unsere Interessen kümmert".

Zudem werde es ihn "nicht wundern, wenn in den nächsten Jahren China irgendwann auch mit seiner Flagge, also strategisch, militärisch, sich engagiert". Ebenfalls betroffen sei Russland – denn das werde unter den womöglich sinkenden Energiepreisen leiden.

Globale Energie-Landkarte ändert sich

Die Internationale Energieagentur (IEA) konstatierte in ihrem jüngsten Bericht bereits eine dramatische Veränderung der globalen Energie-Landkarte. Die USA könnten schon in fünf Jahren der größte Öl- und Gasproduzent der Welt werden und sich in den nächsten 15 bis 20 Jahren von Importen ganz unabhängig machen.

Der Bundesnachrichtendienst (BND) kommt in einer neuen Studie nach Angaben des "Spiegel" zu dem Schluss, dass die außen- und sicherheitspolitische Freiheit der Regierung von Präsident Barack Obama durch den heimischen Rohstoffboom fundamental steigt.

Das Drohpotenzial von Öllieferanten wie dem Iran könnte schwinden. Eine Sperrung der Straße von Hormus würde ihren Schrecken verlieren. Und die USA müssten keine Kriege mehr führen, um Zugriff auf fossile Rohstoffressourcen zu bekommen.

Milliarden könnten gespart werden

Zudem könnten viele Milliarden Dollar jährlich gespart werden, wenn die Militärpräsenz im Nahen und Mittleren Osten reduziert würde – während gerade Chinas Abhängigkeit von den fossilen Rohstoffquellen dieser Region stark steigen wird.

Ein Verlierer könnte auch Russlands Präsident Wladimir Putin sein, dessen Macht auch auf den Gaseinnahmen seines weiten Reiches gründet. Denn die Revolution kann dazu führen, dass Abnehmer russischen Gases ihre Importe künftig anderweitig abdecken.

Die ING-Bank sieht in einer Studie schon Tanker mit verflüssigtem, billigem Schiefergas aus den USA den Atlantik nach Europa überqueren. Die politische Macht Russlands würde dann rapide schwinden. Gleiches gilt für die aufstrebenden Scheichs im arabischen Raum.

Sicherheitskonferenz thematisiert "Gaswende"

Erstmals steht bei der Münchener Sicherheitskonferenz daher nun die "Gaswende" in den USA oben auf der Agenda. zu dem treffen, das Freitagnachmittag beginnt, kommen Politiker und Experten aus aller Welt. Zu der bis Sonntag dauernden Konferenz werden auch US-Vizepräsident Joe Biden sowie Vertreter Russlands, Israels und des Iran erwartet. Deutschland wird von Verteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU), Außenminister Guido Westerwelle (FDP) und Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) vertreten.

Deutschland könnte sich durch Fracking unabhängiger von Erdgasimporten aus Russland machen. Doch die Bedenken gegenüber der neuen Technik sind groß. In einem Gutachten hatte das Umweltbundesamt (Uba) erst kürzlich vor erheblichen Risiken gewarnt und von einer großtechnischen Anwendung abgeraten. Grundsätzlich sollte vor jeder Bohrung im Einzelfall die Umweltverträglichkeit geprüft werden.

Bundesrat fordert strenge Auflagen für Fracking

Der Bundesrat hat den Bund daher aufgefordert, strenge Auflagen für die umstrittene Gasgewinnung aus tiefen Gesteinsschichten zu erlassen. Auf Antrag von Nordrhein-Westfalen, Schleswig-Holstein, Baden-Württemberg, Bremen und Rheinland-Pfalz forderte die Länderkammer am Freitag, den Einsatz umweltgefährdender Substanzen beim Fracking abzulehnen, bis die Risiken restlos geklärt sind. Bisher fehlt eine bundesweit einheitliche Regelung für diesen Bereich.

Risiken bestünden besonders in Trinkwasserschutzgebieten, Gebieten für die Gewinnung von Trink- oder Mineralwasser und im Umfeld von Heilquellen. Beim Fracking wird unter Chemikalieneinsatz mit hohem Druck Gestein aufgebrochen, damit Gas entweichen kann. Die förderbaren Schiefergas-Lagerstätten in Deutschland werden auf 1,3 Billionen Kubikmeter geschätzt, was den gesamten Bedarf von etwa 13 Jahren decken würde. Die größten Vorräte lagern in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen.

Quelle: afp/dpa/dia
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