29.01.13

Hauptstadt-Airport

BER muss schon vor Eröffnung erweitert werden

Der Berliner Großflughafen muss bereits zum Start um ein zweites Terminal erweitert werden. Kosten: eine halbe Milliarde Euro. Ein heikles Schreiben bringt den Regierenden Bürgermeister in Bedrängnis.

Von Martin Lutz und Uwe Müller
Foto: EVS Digitale Medien GmbH / Berlin / Animation „Flughafen Berlin Brandenburg“

Eine Computersimulation zeigt das notwendige zusätzliche Terminal (in blau hinter dem Tower zu sehen)
Bisher nur eine Computersimulation: Der Großflughafen in Schönefeld lässt sich durch zwei "Satelliten" (hellblau, vorne) auf dem Rollfeld erweitern

Wann der neue Berliner Großflughafen startklar sein wird, steht in den Sternen. Im Jahr 2014 oder 2015? Vielleicht sogar erst 2016? Nachdem die Eröffnung viermal verschoben werden musste, will sich keiner der am Projekt beteiligten Politiker mehr auf einen Termin festlegen.

Nun macht ihnen ein weiteres Desaster zu schaffen, das den Problemen beim Brandschutz und den damit einhergehenden Bauverzögerungen in nichts nachsteht. Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU), Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit und Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (beide SPD) müssen eingestehen, dass der Airport mit dem Beinamen "Willy Brandt" und internationalen Code BER voraussichtlich schon vor dem Start erweitert werden muss.

Vor allem Minister Ramsauer sieht Handlungsbedarf. "Wenn man die derzeitige Passagierentwicklung am Standort Berlin zugrunde legt, wird der BER von Anfang an stark ausgelastet sein", sagte Ramsauer der "Welt".

Die Flughafen-Gesellschaft FBB prüft jetzt den Bau eines Satellitenterminals. Geschätzte Kosten: rund 500 Millionen Euro. Finanzierung: völlig unklar. Es wird überlegt, den Satelliten schon vor der Eröffnung in Angriff zu nehmen. Nicht ausgeschlossen ist mittlerweile, dass dort auch Check-In-Schalter und Gepäckbänder installiert werden. Müsste noch vor der Eröffnung mit dem Ausbau begonnen werden, wäre das ein Fiasko, das in der Geschichte des modernen Flughafenbaus wohl einmalig ist.

Macht der Fakten lässt sich nicht verdrängen

Bereits Ende November hatte die "Welt" exklusiv über ein Gutachten des Flughafenexperten Dieter Faulenbach da Costa berichtet, der vor drohenden Engpässen warnte und von einer "grandiosen Fehlplanung" sprach. Damals ignorierten die Gesellschafter und die FBB-Geschäftsführung noch den Befund und mokierten sich über den Kritiker. Inzwischen lässt sich die Macht der Fakten nicht mehr verdrängen.

Am vergangenen Donnerstag wurde Faulenbach da Costa sogar ins Bundesverkehrsministerium gebeten. Der scharfzüngige Hesse durfte vor der "Soko BER" immerhin seine Argumente vortragen.

Nach aktuellem Stand ist der "Willy Brandt"-Airport vor den Toren der Hauptstadt für lediglich 27 Millionen Passagiere ausgelegt. Diese Marke wird voraussichtlich bereits im kommenden Jahr überschritten. Laut Planfeststellungsbeschluss vom Sommer 2004 hatte man damit erst im Jahr 2020 gerechnet.

In dem Satellitenterminal mit einer Länge von gut 700 Metern und etwa 100.000 Quadratmetern Bruttogeschossfläche könnten bis zu 7,5 Millionen Passagiere im Jahr zusätzlich abgefertigt werden. Nur so kann der Flughafen voraussichtlich das steigende Passagieraufkommen bewältigen.

Bedeutung dramatisch unterschätzt

Aber selbst der Satellit würde der Airport GmbH nur auf mittlere Sicht ein wenig Luft verschaffen. Denn Fachleute prognostizieren in sieben Jahren sogar schon ein Aufkommen von 33 bis 38 Millionen Fluggästen. Die Bedeutung des Luftverkehrsregion Berlin und Brandenburg ist in der Vergangenheit offenbar dramatisch unterschätzt worden.

Der Münchener Flughafen "Franz Josef Strauß" zeigt, dass vorausschauender geplant werden kann. Dort wird gerade ein 123.000 Quadratmeter großer Satellitenterminal mit 52 Gates hochgezogen. Der Grundstein dafür wurde 2011 gelegt, allerdings erst zwei Jahrzehnte nach der Inbetriebnahme der Anlage im Erdinger Moos.

Das 650 Millionen Euro teure Bauwerk soll dem süddeutschen Luftdrehkreuz ab dem Jahr 2015 mehr Schubkraft verleihen. Zusätzlich können dann elf Millionen Passagiere abgefertigt werden. Sie sollen über den Satelliten nur an- oder abreisen, den Check-In, die Sicherheitskontrollen und die Gepäckausgabe aber weiterhin im Terminal 2 nutzen. Zwischen ihm und dem Satelliten ist ein unterirdisches vollautomatisches Transportsystem für die Fluggäste vorgesehen.

Auf dem BER-Gelände ist sogar Platz für zwei ähnliche Satelliten vorhanden. Beide können auf dem bereits fertigen Rollfeld errichtet werden, das dafür jedoch aufgerissen werden müsste. Ein 300 Meter langer Tunnel soll die Außenstationen mit dem Hauptterminal verbinden.

Weitere Investitionen im Hauptterminal nötig

Das aber würde auch weitere Investitionen im Hauptterminal nötig machen. Dort müssten weitere Gepäckbänder und Check-In-Schalter installiert werden. Das Passagieraufkommen im Hauptterminal wiederum kann mit weiteren Nachrüstungen noch um drei Millionen auf maximal 30 Millionen gesteigert werden. Damit und mit dem Satelliten würde die Forderung von Ramsauer erfüllt, am BER zusätzlich Platz für mindestens zehn Millionen Fluggäste zu schaffen.

Allerdings drängt die Zeit. Von dem Berliner Satelliten gibt es bisher nur eine Computersimulation. Wie München zeigt, ist bei einem solchen Projekt eine Bauzeit von rund vier Jahren realistisch. Mit anderen Worten: Beim BER wäre eine Fertigstellung kaum vor 2017 möglich, selbst wenn das Vorhaben umgehend ausgeschrieben würde.

Ist der Großflughafen erst einmal in Betrieb, kann der Bau des Satelliten nur eingeschränkt vorangetrieben werden. Denn der Flugverkehr hat Vorrang. Viele Arbeiten müssten dann in den Stunden des nächtlichen Flugverbots stattfinden. Das treibt die Kosten.

Nun rächt sich, dass die Projektverantwortlichen nicht früher auf die dynamische Entwicklung des Passagierkommens der vergangenen Jahre reagiert haben. Platzeck, der Wowereit jüngst als Aufsichtsratschef der Flughafen Berlin Brandenburg GmbH ablöste, lässt nun erst einmal eine aktuelle Luftverkehrsprognose erstellen.

"Entweder das Ding fliegt oder ich fliege"

Für den neuen Oberaufseher ("Entweder das Ding fliegt oder ich fliege") dürfte die Erweiterung des BER weniger technisch als vielmehr politisch heikel sein. Denn das Geld für den Satelliten müsste der Steuerzahler aufbringen, was ohne Zustimmung von Bundestag, Potsdamer Landtag und Berliner Abgeordnetenhaus nicht ginge. Viele Parlamentarier fühlen sich schon jetzt verschaukelt. Kostenklarheit sei bei dem Projekt ein Fremdwort, klagen sie.

Ein Schreiben Wowereits an das Landesparlament belegt, wie das Problem der Finanzierung bisher bagatellisiert wurde. In dem der "Welt" vorliegenden Dokument vom 22. Oktober 2012 gesteht er zwar, dass im aktuellen Budget für den Airport-Bau die Mittel zur "Realisierung eines Satellitenterminals nicht enthalten" seien. Doch zugleich machte Wowereit den Abgeordneten weis, "eine Refinanzierung des Satelliten" sei durch "künftige operative Überschüsse" der Airport-GmbH möglich.

Diese aber musste nach dem zuletzt veröffentlichten Geschäftsbericht bei einem Umsatz von 254 Millionen Euro ein Minus von 75 Millionen Euro verkraften.

Das Eigenkapital hat einen bedenklich niedrigen Wert erreicht. Vor diesem Hintergrund ist es auf absehbare Zeit so gut wie unmöglich, dass die GmbH eine 500-Millionen-Investition aus eigener Kraft stemmen kann.

Ramsauer favorisiert Vorziehen der Maßnahme

Wowereits Luftbuchung ist den parlamentarischen Haushältern nicht entgangen. Ohnehin müssen sie bald weitere Schecks ausstellen. So wollen die BER-Gesellschafter die neuerliche Verschiebung des Eröffnungstermins dazu nutzen, die Sanierung der alten Start- und Landebahn in Schönefeld vorzuziehen. Auch davon war im vergangenen Jahr noch keine Rede.

Das Argument, mit dem die Abgeordneten geködert werden sollen, lautet: Es ist billiger, die Piste vor dem Flugbetrieb auf dem BER zu erneuern. Dies koste "nur" 100 Millionen Euro. Muss später und damit nachts gebaut werden, wäre es nach dieser Logik rund 40 Millionen Euro teurer.

Das Vorziehen der Maßnahme favorisiert Minister Ramsauer: "Die Zeit sollte jetzt genutzt werden, um die Nordbahn in Schönefeld von Grund auf zu sanieren. Diese Aktion spart Geld, denn die Arbeiten müssten sonst nach Inbetriebnahme des BER Stück für Stück unter laufenden Verkehr durchgeführt werden", sagte Ramsauer der "Welt".

Bald eine "5" vor dem Komma

Der verschobene Starttermin verursacht jedenfalls außerplanmäßige Ausgaben für die alten Airports Tegel und Schönefeld. Beide werden zwar nur noch für eine Übergangszeit gebraucht, müssen aber wegen ihres maroden Zustandes trotzdem renoviert werden. Laut Regierungskreisen schlägt das mit bis zu 40 Millionen Euro zu Buche.

Auch die spätere Eröffnung des BER kostet viel Geld – gut und gerne 15 Millionen Euro pro Monat. Schließlich kommen auf die Airport-GmbH irgendwann Schadenersatzansprüche von Ladenbesitzern und Fluggesellschaften hinzu. Summa summarum dürfte ein Gesamtbetrag von nochmals gut einer Milliarde Euro auflaufen, konservativ gerechnet, Satellit inklusive.

Woher die Mittel kommen sollen, ist ungewiss. Schon Ende 2013 mussten Berlin, Brandenburg und der Bund ihre Flughafen-Gesellschaft mit 1,2 Milliarden Euro stützen. Damit hatten sich die ursprünglich mit zwei Milliarden Euro kalkulierten Gesamtkosten des Projekts mehr als verdoppelt.

Die Rede war seinerzeit von 4,3 Milliarden Euro, ein Betrag, der angeblich jede Menge Sicherheitspuffer enthielt. Nun ist damit zu rechnen, dass bald eine "5" vor dem Komma stehen wird.

Gespräche mit EU-Kommission notwendig?

Die weiteren staatlichen Finanzhilfen für das Pannenprojekt im märkischen Sand müssen sich die drei BER-Eigner aller Voraussicht nach auch wieder in Brüssel absegnen lassen müssen. Hierzulande empfinden das Oppositionspolitiker als "schwere Blamage", weil sich die Bundesrepublik bereits im zweiten Halbjahr 2012 an die EU wenden musste.

Brandenburgs Wirtschaftsminister Ralf Christoffers kündigt im Gespräch mit der "Welt" an: "Aufgrund der Verschiebung des Eröffnungstermins halte ich Gespräche in Brüssel für notwendig, um Irritationen bei der EU-Kommission zu vermeiden."

Der pragmatische Linke-Politiker, der im Aufsichtsrat der Flughafen-Gesellschaft sitzt, bereitet sich schon auf den Gang nach Brüssel vor. Dort will er gemeinsam mit Ramsauers Verkehrs-Staatssekretär Rainer Bomba (CDU) sondieren, welche finanziellen Spielräume die EU noch sieht.

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Belästigungsvideo "Ich betreibe Kampfsport und habe trotzdem…
Vorsicht Kamera! Hochzeit aus der Sicht einer Whiskey-Flasche
Nach Pokalsieg Pep Guardiola denkt nur noch an Borussia Dortmund
Israel Radikaler Rabbiner überlebt Attentat
Top Bildershows mehr
Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Kleine Horror-Show

Halloween, das Fest des Gruselns

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote