29.01.13

ADHS

Deutsche werden zum Volk der Zappelphilipps

Sie sind unkonzentriert, laut und hyperaktiv: Die Zahl der Kinder, bei denen ADHS diagnostiziert wird, ist in den vergangenen Jahren sprunghaft gestiegen. Ein Grund dafür sind überforderte Eltern.

Von Stefan von Borstel
Foto: picture alliance / Julian Strate

Knapp zwölf Prozent der zehnjährigen Jungen und 4,4 Prozent der Mädchen leiden an ADHS
Knapp zwölf Prozent der zehnjährigen Jungen und 4,4 Prozent der Mädchen leiden an ADHS

Die Zahl der ADHS-Diagnosen ist zwischen 2006 und 2011 um insgesamt 49 Prozent gestiegen. Bundesweit leiden knapp zwölf Prozent der zehnjährigen Jungen und 4,4 Prozent der Mädchen in dieser Altersgruppe an Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörungen (ADHS).

Im Laufe des Lebens dürfte etwa jeder vierte Mann und jede zehnte Frau von einer ADHS-Diagnose betroffen sein, ermittelte die Barmer GEK nach Auswertung von acht Millionen Patientendaten für ihren diesjährigen Arztreport. Die meisten Neuerkrankungen lassen sich der Kasse zufolge im neunten Lebensjahr feststellen.

Zur medikamentösen Behandlung werde typischerweise das Betäubungsmittel Ritalin verschrieben. Betroffen waren davon bundesweit knapp sieben Prozent der elfjährigen Jungen und zwei Prozent der Mädchen.

Die Krankenkasse untersuchte auch die Risikofaktoren hinter der ADHS-Diagnose. Danach sinkt das Risiko der Erkrankung mit steigender Bildung der Eltern. Die Kinder von jüngeren Eltern hätten dagegen ein erhöhtes Risiko. Die Forscher vermuten hier Überforderung der jungen Mütter und Väter, was bei den Kindern zu einem häufigeren Auftreten von ADHS-Symptomen beitragen dürfte.

Die auffälligste Häufung von Diagnosen und Verordnungen fand die Barmer GEK dabei in Unterfranken. Die Forscher vermuten hier einen Zusammenhang mit der "relativ gut ausgebauten Versorgung im Hinblick auf niedergelassene ärztliche Kinder- und Jugendpsychiater".

Fast jeder Deutsche war 2011 beim Arzt

ADHS ist Schwerpunkt des diesjährigen Barmer GEK Ärztereports, der seit 2006 einen Überblick über die ambulante ärztliche Versorgung in Deutschland bietet. 92 Prozent der Versicherten gingen danach innerhalb des Jahres 2011 zum Arzt – nur acht Prozent kamen ohne Arztbesuch aus. Die Kasse zählte durchschnittlich zwei Behandlungsfälle je Quartal und Person.

Die durchschnittlichen jährlichen Behandlungskosten beziffert die Kasse auf 485 Euro pro Kopf und Jahr. Je nach Alter und Geschlecht variieren die Kosten erheblich. Männer verursachen Kosten von 419 Euro, Frauen von 548 Euro im Jahr.

Am billigsten für die Krankenkassen sind junge Männer zwischen 20 und 24 Jahren mit 182 Euro, am teuersten Männer im Alter von 85 bis 89 Jahren mit 997 Euro im Jahr. Während im mittleren Alter die Ausgaben der Frauen merklich über denen der Männer liegen, verursachen die Männer ab einem Alter von 70 Jahren höhere Kosten.

Als häufigste Gründe für einen Arztbesuch nennt der Report Rückenschmerzen, Bluthochdruck und eine Infektion der oberen Atemwege. Die höchsten Kosten verursachen die Versicherten in den Stadtstaaten Bremen, Berlin und Hamburg, gefolgt von den Bayern. In allen ostdeutschen Flächenländern liegen die Behandlungskosten unter dem Bundesschnitt.

Dabei bleiben die Deutschen ihrem Arzt treu: Knapp 60 Prozent kontaktierten innerhalb eines Jahres genau einen Hausarzt, nur 3,1 Prozent besuchten vier oder mehr unterschiedliche Hausarztpraxen. Enthalten sind in dieser Zählung allerdings auch "Wechsel", die auf einen Umzug des Patienten oder eine Praxisschließung in der Ferienzeit zurückgehen.

"Arzthopping als Massenphänomen lässt sich nach diesen Ergebnissen für Deutschland ausschließen", heißt es in dem Report.

Foto: Alexander Deutsch

My Doc: Statt zum Arzt zu gehen, greifen Sie beim nächsten Unwohlsein zum iPhone und starten die App MyDoc. Laut Anbieter soll sie als „Arzt für die Hosentasche“ eine Diagnose stellen und Therapien vorschlagen. Das läuft so: Sie tippen auf den Diagnose-Knopf, geben Alter und Geschlecht an, tippen dann auf einem Körperschema an, wo es "zwickt". Die App fragt einige Symptome ab, die Sie jeweils ankreuzen.
Ergebnis: Die Diagnosen gingen im Test meist in die richtige Richtung, die App ermittelte aber nicht immer das Problem. Denn einige Krankheiten haben sehr ähnliche Symptome. Immerhin: Zum Arztbesuch rät die App im Starthinweis – der ist aber so lang wie ein Beipackzettel.
Fazit von Dr. Tobias Pottek: "Die Logik ist gut gemacht, jedoch sind die Ratschläge nicht ungefährlich. Die App ersetzt keinen Arztbesuch."
Download: My Doc als iPhone-Version (4,99 Euro)

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