28.01.13

Wohlstandsindex

So will der Bundestag das Glück der Bürger messen

Der Bundestag will den nationalen Wohlstand neu vermessen lassen. Dabei soll es nicht nur um wirtschaftliche Daten gehen, sondern auch um den Zustand der Umwelt, um Freiheit und Lebensqualität.

Foto: Infografik Die Welt

Die 10 Wohlstandindikatoren
Die 10 Wohlstandindikatoren

Wie es uns Deutschen wirklich geht, das sollen wir künftig an einem großen Armaturenbrett mit bunten Lämpchen ablesen können. Das blinkende Werk soll zentral platziert sein – am besten mitten im Reichstag.

So wünschen es sich die Abgeordneten der Enquete-Kommission Wachstum, Wohlstand und Lebensqualität des Deutschen Bundestags. Mit den Stimmen von Union, FDP und SPD verabschiedete die zuständige Projektgruppe heute ihren Vorschlag, den nationalen Wohlstand neu zu vermessen. Es geht um nicht weniger als die Lebensqualität der Deutschen, vielleicht sogar um Glück.

Wie dieses neue Maß mit insgesamt 20 Indikatoren und so genannten "Warnlampen" denn nun heißen soll, darüber allerdings ist das letzte Wort noch nicht gesprochen. Indikatorensatz? "Zu sperrig", befand die Vorsitzende der Projektgruppe, Stefanie Vogelsang (CDU). Jahreswohlstandsbericht? "Zu technisch." Kompass? Es werde ja gar keine Richtung angezeigt. Nun sollen erneut Fachleute helfen, schlug Vogelsang vor. Sie will einen Kommunikationswissenschaftler mit der Findung eines "griffigen" Namens beauftragen.

Bildung statt Benzinstand

Das vorgeschlagene Wohlstandsmaß soll nach dem Prinzip eines Armaturenbretts funktionieren. Statt Benzinstand und Motortemperatur wird angezeigt, wie es zum Beispiel um Bildung, Gesundheit, Arbeitsplätze und Investitionen steht. Dieses so genannte "Dashboard" hat drei große Bereiche: "Materieller Wohlstand", "Soziales und Teilhabe" sowie "Ökologie".

Für jeden Bereich zeigen Indikatoren exakte Werte an, die Experten jährlich zusammentragen sollen. So geht in die Ökologie der Index für die nationale Vielfalt von Vogelarten ein, genau wie die im Land emittierten Treibhausgase und der nationale Überschuss an Stickstoff in Böden und Gewässern. Im Jahr 2014 könnte der neue Wohlstandsindex zum ersten Mal veröffentlicht werden.

Das neue Wohlstandsmaß – so viel wurde in der Abschlussberatung deutlich – ist nicht das Maß aller Dinge. "Es ist auf jeden Fall ein Kompromiss", sagte die Vorsitzende der gesamten Enquete-Kommission, Daniela Kolbe (SPD). Keines der 11 Mitglieder der Projektgruppe finde seine Vorstellung von Lebensqualität vollständig wieder.

"Abstruses Zahlenspiel mit Hinweislampen"

Die Abgeordneten von Grünen und den Linken freilich fanden allzu wenig Übereinstimmung. "Herausgekommen ist ein abstruses Zahlenspiel mit Warn- und Hinweislampen", kritisierte Matthias Birkwald (Die Linke). Auch die Grünen sowie der von der Union bestellte Sachverständige Professor Meinhard Miegel hätten gern einen übersichtlicheren Indikator gehabt. "Die Projektgruppe hat es nicht geschafft, einen für den Alltagsgebrauch taugliches Indikatorenset zu schaffen", urteilte Miegel.

Die Berliner Volkswirtschaftsprofessorin Beate Jochimsen dagegen verteidigte das Konzept des Armaturenbretts: "Wir haben mehr Vertrauen in die intellektuellen Fähigkeiten von Journalisten und Bürgern gesetzt", sagte sie. Die drei Oberbereiche ließen sich der Bevölkerung problemlos vermitteln. Wer genauer wissen wolle, wie es um die Lebensqualität bestellt sei, könne seine eigenen Schlüsse aus den jeweiligen Unterindikatoren ziehen.

Krisenwarnlampe soll Blasen an den Märkten anzeigen

Dazu gehören zum Beispiel die Artenvielfalt, die gefühlte Freiheit oder die Einkommensverteilung – und nicht allein das bisher alles dominierende Wirtschaftswachstum. Die Abgeordneten und Sachverständigen der Projektgruppe haben sich neun Warnlampen ausgedacht. Sie sollen "die Aufmerksamkeit gezielt auf Fehlentwicklungen lenken, die von den Leitindikatoren nicht ausreichend abgebildet werden", wie es in dem Bericht heißt.

Interessant ist zum Beispiel die "Krisenwarnlampe" für "Finanzielle Nachhaltigkeit des Privatsektors". Sie bildet die Entwicklung von Immobilienpreisen und Aktienkursen zu ihren langfristigen Trends ab und setzt die Kreditvergabe im Land ins Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt.

Der Wohlstandsindex soll nach dem Wunsch der Abgeordneten noch in dieser Legislaturperiode im Bundestag debattiert werden und in einen konkreten Auftrag an Experten münden. Er soll nach Vorstellung der Projektgruppenvorsitzenden Vogelsang auch in den internationalen Diskurs über Wachstum und Wohlstand bei der UN einfließen. Bisher hat allein Australien ein Wohlstandsmaß mit Parlamentsbeschluss.

Die SPD-Abgeordnete Kolbe sagte der Berliner Morgenpost, es freue sie, dass auch die Verteilung von Einkommen und Vermögen in den gemeinsamen Indikator eingeflossen sei. "Es gab einen breiten Konsens darüber, dass unser Wohlbefinden auch davon abhängt, wie es anderen geht. Das ist wohltuend", sagte Kolbe.

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