28.01.13

Konjunktur

Japan will beim Wachstum den Turbo einschalten

Seit zwei Jahrzehnten kämpft Japan um Wachstum – ein gigantisches Konjunkturpaket soll die Wirtschaft jetzt zum Brummen bringen. Doch die neue Geldpolitik gefährdet den Exporterfolg.

Foto: Infografik Die Welt

Entwicklung der japanischen Wirtschaft und Veränderung der Preise
Entwicklung der japanischen Wirtschaft und Veränderung der Preise

"Bokura ni donna sekai", singt das japanische Pop-Duo Yuzu in seinem aktuellen Hit "Reason", der derzeit in Japan rauf- und runtergespielt wird, "ga michinaki michi no saki ni matteru?" Sie singen von einem Zeichentrickhelden, der in einer Parallelwelt lebt, und er fragt: "Was für eine Welt wartet auf uns am Ende dieses unbekannten Weges?"

Doch ebenso gut könnte die Frage von jedem einfachen Japaner stammen, der dieser Tage auf die Wirtschaftspolitik seines Landes schaut. Denn die neue Regierung, die Mitte Dezember gewählt wurde, startet gerade ein Experiment, das in diesem Ausmaß bisher noch niemand gewagt hat. Es soll Japans Wirtschaft aus der Parallelwelt herausholen, in der sie sich seit rund zwei Jahrzehnten befindet, geprägt von Null-Wachstum, Null-Zinsen und Deflation.

Als erstes Signal, dass das Land endlich auf dem richtigen Weg sei, hob der neue Premier Shinzo Abe am Montag die Wachstumsprognosen für das am 1. April beginnende Steuerjahr von 1,7 auf 2,5 Prozent an. Doch ob diese am Ende eintrifft und wie das Experiment insgesamt ausgeht, das ist die große Frage dieser Tage.

Staatsanleihen in unbegrenzter Menge

Denn es klingt zunächst wie Zauberei. Die Regierung plant keine neuen Strukturreformen, keine steuerlichen Entlastungen, keine Einschnitte ins soziale Netz. Der gemeine Mann wird kaum etwas von dem merken, was sie vorhat und was sie schon eingeleitet hat. Dennoch sind die Auswirkungen enorm.

"Es ist wirklich eine enorme Veränderung, die da vor sich geht", sagt Ewen Cameron Watt, Chefstratege am Investment-Institut der amerikanischen Fondsgesellschaft Blackrock, der größte Vermögensverwalter der Welt.

Denn der neue Premierminister hat sich die japanische Zentralbank unterworfen. Er machte den bisher weitgehend autonom handelnden Notenbankern klar, dass er eine andere Geldpolitik will und sie diese umzusetzen hätten. Sollten sie sich weigern, so würde er sie per Gesetz zwingen. Die Herren des Geldes verstanden – und rissen das Ruder herum.

Japan finanziert Wachstum auf Pump

Vor einer Woche verkündeten sie, alles tun zu wollen, um Japan endlich aus der Deflationsspirale herauszuholen. Neues Ziel ist eine Inflationsrate von zwei Prozent, und so lange diese nicht erreicht ist, wird die Zentralbank Staatsanleihen in unbegrenzter Menge auf kaufen. Zusätzlich brachte die Regierung ungeachtet der bereits gigantischen Staatsverschuldung von 235 Prozent des Bruttoinlandsprodukts ein Konjunkturprogramm über 20 Billionen Yen (rund 163 Milliarden Euro) auf den Weg.

Japan finanziert nun also zusätzliches Wachstum auf Pump und druckt dazu Geld, so wie die meisten anderen Notenbanken dies schon lange machen. Da Japan sich dessen bislang weitgehend enthalten hatte, ist der Außenwert des Yen seit Jahren immer weiter gestiegen. Die Exportpreise haben dadurch in den vergangenen fünf Jahren um rund 80 Prozent angezogen, was Japans Firmen weltweit Marktanteile kostete, vor allem zugunsten der Konkurrenz aus dem benachbarten Korea – Samsung statt Sony.

Das eigentliche Ziel von Regierung und Notenbank ist es daher jetzt, den Wert des Yen zu schwächen. "Denn der Yen ist in der Tat stark überbewertet", sagt Watt, "und die neue Politik wird ihn deutlich schwächen." Das zeigte sich schon in den vergangenen Wochen. Seit sich der Politik-Schwenk ankündigte hat die japanische Währung gegenüber dem Dollar bereits über zehn Prozent an Wert verloren.

Mehr Exporte und diverse staatliche Investitionen im Rahmen des Konjunkturprogrammes – das soll das Wachstum treiben. Daraus wiederum soll sich eine Initialzündung für einen nachhaltigen, dauerhaften Wachstumstrend ergeben.

Der Staat macht Schulden, Privatleute sparen

Und wenn die Wirtschaft dann erst wieder richtig wächst, kann man sich auch wieder um die Bewältigung der gigantischen Schulden kümmern, so der Plan der Regierung. "Abenomics" wird dieses Programm sogar schon in Anspielung auf den Premierminister genannt.

Die große Frage ist, ob das in der Praxis auch klappt. "Es besteht die Gefahr, dass es am Ende wieder nur ein teures konjunkturelles Strohfeuer von kurzer Dauer gibt", warnen die Ökonomen der DZ Bank in einer aktuellen Analyse. Denn Fiskalpakete wie das jüngste gab es in den vergangenen 15 Jahren immer wieder. Nie schaffte es Japan jedoch, der Deflation und den minimalen Wachstumsraten zu entkommen. Stattdessen wuchs der Schuldenberg unaufhörlich weiter.

Dass dies bislang noch nicht zu einer Schuldenkrise geführt hat, liegt vor allem daran, dass der Staat zum weit überwiegenden Teil beim eigenen Volk verschuldet ist. Die Japaner sparen für ihre Altersvorsorge, indem sie dem Staat das Geld leihen.

Das Problem: Der demografische Wandel ist nirgends so weit vorangeschritten wie in Japan, mit der Folge, dass immer mehr Menschen in Rente gehen und immer weniger Menschen noch auf die Rente sparen.

Steuerlasten werden neu verteilt

Die Sparquote der Japaner sinkt daher seit Jahren, und in nicht allzu ferner Zukunft wird sie unter Null sinken. Das bedeutet, dass die Menschen mehr Geld aus ihrer Vorsorge abziehen als neues Geld hinzukommt. Spätestens dann hat der Finanzminister ein Problem.

Insofern dürfte jetzt die letzte Möglichkeit für Japan sein, dem Strudel in den Abgrund zu entkommen. Allerdings werden eine gelddruckende Notenbank und ein Konjunkturpaket dafür nicht reichen. Diese können im besten Fall die gewünschte Initialzündung liefern.

Folgen müssten jedoch strukturelle Reformen, von der Liberalisierung einiger abgeschotteter Branchen wie der Agrarwirtschaft über eine Neuverteilung der steuerlichen Lasten (die Mehrwertsteuer liegt gerade mal bei fünf Prozent und soll erst 2015 auf zehn Prozent erhöht werden) bis hin zu einer Ausweitung des Arbeitskräftepotenzials, sei es durch vermehrte Zuwanderung oder verstärkte Teilhabe von Frauen am Arbeitsmarkt.

Ob Shinzo Abe auf diesen Gebieten etwas plant und was das gegebenenfalls ist, hat er bislang noch nicht kundgetan. Erst Mitte des Jahres will er Auskunft geben. Immerhin hat er ein neues Gremium aus Spezialisten und Industrieführern gebildet, die ihm dabei mit Rat und Tat zur Seite stehen sollen. Von ihnen hängt letztlich ab, was Japan am Ende dieses unbekannten Weges erwartet, ob "Abenomics" grandios scheitert oder daraus am Ende vielleicht sogar ein Vorbild für andere Länder werden könnte.

Verbinden Sie sich mit dem Berliner Morgenpost-Autor auf Twitter: Frank Stocker schreibt schwerpunktmäßig zu den Themen: Geldanlage, China und Schwellenländer.

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