27.01.13

Fachkräftemangel

Kaum Anerkennungsanträge für Auslandsabschlüsse

Migranten sollen helfen, den Fachkräftemangel zu lindern. Doch es gibt viel weniger Anträge zur Anerkennung von Qualifikationen als erwartet. Aus dem Ausland ist die Resonanz fast gleich Null.

Von Dorothea Siems
Foto: dapd

Ungenutzter Arzt-Kittel: Viele Stellen bleiben in Deutschland frei, weil ausländische Qualifikationen nicht anerkannt werden
Ungenutzter Arzt-Kittel: Viele Stellen bleiben in Deutschland frei, weil ausländische Qualifikationen nicht anerkannt werden

Im Kampf gegen den zunehmenden Fachkräftemangel setzt die Bundesregierung große Hoffnung auf die hier lebenden Migranten. Mit dem seit dem vergangenen April geltenden Gesetz zur Anerkennung ausländischer Berufsabschlüsse soll eine bessere Integration in den Arbeitsmarkt erreicht werden.

Doch die bisherige Bilanz dieser Neuregelung ist ernüchternd. So wurden bei den für die Prüfung zuständigen Industrie- und Handelskammern (IHK) bislang nur 592 Bescheide erteilt: In 410 Fällen wurde dabei die volle Gleichwertigkeit des Abschlusses bescheinigt, in 182 Fällen erhielten die Migranten eine Teil-Anerkennung.

Auch beim Handwerk blieb der erwartete Ansturm ausländischer Interessenten aus. Nach Angaben des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) gab es hier rund 730 Bescheide über eine vollständige Anerkennung eines Berufsabschlusses und knapp 460 Teil-Anerkennungen.

Viele arbeiten unter ihrer Qualifikation

Knapp drei Millionen Beschäftigte in Deutschland haben ihre Ausbildung im Ausland absolviert. Viele von ihnen arbeiten jedoch in Berufen unter ihrer Qualifikation. Mit dem Anerkennungsgesetz sollte diese Vergeudung von Talenten ein Ende haben.

Jeder, der einen Antrag stellt, hat nun einen Rechtsanspruch, dass innerhalb von drei Monaten über die Gleichwertigkeit eines ausländischen Berufsabschlusses entschieden wird. Beim Start des Anerkennungsgesetzes im vergangenen Frühjahr verkündete Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU): "Wir gehen von 300.000 Antragsstellern aus allen Berufsgruppen aus."

Bislang läuft die Initiative aber nur schleppend an. "Das Bedürfnis nach Beratung ist groß, aber die Zahl der Anträge bisher nicht", sagt Claudia Moravek vom Bundesinstitut für Berufs- und Bildungsforschung (BIBB). Das Institut betreibt im Auftrag der Bundesforschungsministerin das Online-Portal "Anerkennung-in-Deutschland".

Im neuen Kompetenzzentrum wird geprüft

Die Industrie- und Handelskammern haben eigens ein Kompetenzzentrum, die IHK Fosa (Foreign Skills Approval) in Nürnberg, gegründet. 19 Mitarbeiter, die zusammen 19 Sprachen beherrschen, beraten und prüfen die Anträge für die rund 250 dualen Berufe aus den Bereichen Industrie, Handel, Gastronomie und Dienstleistungen.

Die neue Organisation "prüft sachkundig, inwieweit ausländische Qualifikationen als gleichwertig mit entsprechenden deutschen Qualifikationen eingestuft werden können", sagt der stellvertretende Hauptgeschäftsführer des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Achim Dercks. Das neue Anerkennungsverfahren für die IHK-Berufe funktioniere.

Die meisten Anträge kommen aus Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg. Schlusslichter sind die ostdeutschen Länder. Als Herkunftsländer führen Polen, Russland und die Türkei die Liste an.

Bei den Handwerkskammern wurden bis Dezember zwar knapp 7300 Anfragen bearbeitet, am Ende aber nur rund 1300 Anträge gestellt. Dennoch sieht auch der ZDH die Neuregelung als Fortschritt. Das Gesetz sei "ein wichtiger Baustein für eine nachhaltige Fachkräftesicherung im Handwerk", betont der ZDH-Generalsekretär Holger Schwannecke.

Signal ins Ausland

Mit dem Anerkennungsgesetz werden nicht nur bessere Arbeitsmarktchancen für die hier lebenden Migranten angestrebt. Erklärtes Ziel der Bundesregierung ist auch ein Signal ins Ausland, dass Zuwanderer hierzulande willkommen sind und ihre Qualifikationen wertgeschätzt werden.

Bei den Handwerkskammern ist allerdings bisher noch kein Antrag aus dem Ausland eingegangen. Die IHK Fosa registrierte 44 Anträge von Personen mit Wohnsitz im Ausland, wobei die Nachbarländer Österreich, Polen und die Schweiz an der Spitze stehen.

Der Schwerpunkt liegt derzeit eindeutig in Deutschland. Aber sukzessive kommen mehr Aufträge aus dem Ausland", sagt die Geschäftsführerin der IHK Fosa, Heike Klembt-Kriegel. Das Anerkennungsgesetz sei neben der Integration ein wichtiges Instrument zur Fachkräftesicherung.

Für den Ansturm gewappnet

"Vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels in Deutschland sollte das Gesetz ein Selbstläufer sein", sagt Klembt-Kriegel. Sie ist zuversichtlich, dass die Antragszahlen künftig steigen werden, auch aus dem Ausland. Die IHK Fosa wäre für einen Ansturm gewappnet. Auch im Inland sei das Gesetz noch keineswegs überall bekannt.

Es müsse sich auch weiter herumsprechen, dass nicht nur der Arbeitnehmer profitiert. Es liege im Interesse der Arbeitgeber, wenn ein Mitarbeiter seiner Qualifikation entsprechend eingesetzt werden könne. "Unsere Gesellschaft kann es sich nicht leisten, dass Fachkräfte als Helfer beschäftigt werden", betont die Chefin der IHK Fosa.

Die Experten des BIBB beobachten indes, dass es ein größeres Interesse an den regulierten Berufen wie Lehrer, Ingenieur, Arzt oder Erzieher gibt. In vielen Fällen ist hier nicht der Bund zuständig, sondern die Länder. Doch bislang haben nur fünf der 16 Bundesländer – Hamburg, Hessen, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen und Saarland – entsprechende Anerkennungsgesetze umgesetzt.

Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt mahnt zur Eile: "Um die Potenziale von Menschen mit Migrationshintergrund besser zu erschließen, müssen auch die Länder zügig Gesetze für die Abschlüsse verabschieden, die auf Länderebene geregelt sind." Da die bisherigen Regelungen der Länder unterschiedlich sind, fällt es den Interessierten oft schwer, sich einen Überblick zu verschaffen.

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