27.01.13

EU-Arbeitsmärkte

Jugendarbeitslosigkeit – Die Krise nach der Krise

Die Schuldenkrise scheint nahezu bewältigt. Viel größere Sorgen machen sich Wirtschaft und Politiker nun um die Jugendarbeitslosigkeit. Die EU hat bereits einen Plan zur Lösung des Problems.

Foto: dpa

Hoffnungslosigkeit in Spanien. Diese Jugendlichen protestierten in Madrid gegen die Politik der spanischen Regierung
Hoffnungslosigkeit in Spanien. Diese Jugendlichen protestierten in Madrid gegen die Politik der spanischen Regierung

Hinter verschlossenen Türen und im kleinen Kreis wurde der Minister eines wichtigen europäischen Landes deutlich: "Wir müssen es dieses Jahr schaffen, den Menschen zu zeigen, dass sich die Opfer lohnen", sagt er. Das wichtigste dabei sei: Der Anstieg der Arbeitslosenzahlen müsse endlich sichtbar gebremst werden, vor allem bei den jungen Menschen, und das binnen weniger Monate. "Sonst droht uns das Land auseinander zu brechen."

Das Weltwirtschaftsforum, kurz WEF, in Davos hat ein Problem zu debattieren, das Millionen Menschen angeht. Eine WEF-Expertengruppe konstatiert in ihrem Bericht: "Die Beschäftigungskrise ist das unmittelbarste und dringendste Problem" der Industrieländer, so heißt es in dem Bericht für das Forum in Davos.

Weltweit sind nach Zahlen der Internationalen Arbeitsorganisation ILO 200 Millionen Menschen ohne Arbeit, davon sind 80 Millionen jünger als 25. Eine Umfrage des Beratungsunternehmens PwC ergab: Die Topmanager fürchten nichts mehr als Aufstände der Jungen. Und so lassen sie sich die Not ein Anliegen sein.

Merkel warnt vor Gefahr der "Instabilität"

In Europa hat die Angst vor der Perspektivlosigkeit der Jungen die Angst vor dem dem Auseinanderbrechen der Währungsunion als Megathema abgelöst. Bundeskanzlerin Angela Merkel warnte vor der Gefahr der "Instabilität", sollte sich an der Lage nichts ändern.

Prompt platzten in die Tagung der Wirtschaftselite in Davos in den vergangenen Tagen die nächsten erschreckenden Zahlen: 18 Millionen Europäer sind derzeit ohne Job, die Arbeitslosenquote in Spanien, Griechenland und auch in Frankreich zuletzt erneut von ohnehin hohem Niveau gestiegen, besonders bei den unter 24-Jährigen. In Spanien liegt sie nun bei 55 Prozent, Griechenland bewegt sich auf die 60 Prozent zu.

Vor "erheblichen ökonomischen und sozialen Kosten" der Jungendarbeitslosigkeit warnt ein in Davos präsentierter Bericht zum "Neuaufbau europäischer Wettbewerbsfähigkeit". Diese Folgen, sagt ein Ökonomie-Nobelpreisträger in einer nicht öffentlichen Sitzung, seien noch in Dekaden zu spüren: Die Forschung zeige, wer als junger Mensch lange arbeitslos ist, der bekomme später die schlechteren Jobs, verdiene weniger und sei auch öfter krank. Nur wie ist das Problem zu bekämpfen?

EU-Kommission fordert eine "Jugendgarantie"

EU-Sozialkommissar Laszlo Andor etwa will dabei helfen, die Mobilität in Europa zu erhöhen und Angebot und Nachfrage zielgenauer abgleichen zu können. Und noch eine Antwort hatte der Kommissar parat: Die Kommission kämpft derzeit für eine "Jugendgarantie" in Europa.

Sie will die Lage damit einfach per europäischem Beschluss verbessern. Jugendlichen soll nach höchstens vier Monaten Arbeitslosigkeit ein Arbeitsplatz, eine Lehrstelle oder wenigstens eine Bildungsmaßnahme angeboten werden. "Die Jugendgarantie ist eine große Chance, und sie wirkt", sagte der Kommissar in Davos. "Sie eröffnet Gelegenheiten, vor allem aber gibt sie Hoffnung." Vor allem aber würde sie die Statistiken bereinigen, beschönigen vielmehr, ätzt ein deutscher Teilnehmer im Saal.

An den Ursachen der Jobkrise würde das Projekt des Kommissars nichts ändern: "Geringes Wachstum und starre Arbeitsmärkte", nennt Maurice Levy, Vorstandschef des französischen Werbekonzerns Publicis und Arbeitgeber von über 40.000 Menschen, die Hindernisse für die Erholung des Arbeitsmarktes. "Beide müssen wir angehen."

Arbeitsmärkte sollen flexibler werden

Die Flexibilität des Arbeitsmarktes zu erhöhen und die Qualität der Bildungssysteme zu verbessern, darin sieht die WEF-Studie zur Wettbewerbsfähigkeit den Schlüssel zur Lösung der Jobkrise. Eine Aufgabe vor allem für die Südschiene der EU, die in fast allen Indikatoren der Ökonomen unterhalb des Nordens liegen: Dort ist etwa die Lohnfindung unflexibler, dort arbeiten weniger Frauen, dort sind die Bildungssysteme schlechter den Notwendigkeiten angepasst.

Auch OECD-Generalsekretär Angel Gurría forderte Strukturreformen, die es Unternehmen erleichtern, Arbeit zu schaffen: "Wir dürfen dabei jetzt nicht nachlassen", sagt er, "es gibt immer etwas zu verbessern und noch viel Luft nach oben."

Doch die Bereitschaft der Politik nachzulassen ist naheliegend. Strukturreformen – ist es doch die Rezession, die zum Verlust von Arbeitsplätzen führte, die aber zunächst verstärkt wurde von Sparmaßnahmen und Steuererhöhungen gerade in den Krisenländern. Der Premierminister eines europäischen Reform-Modelllandes aus dem Norden gab seinen Kollegen einen Rat: "Wir wissen doch alle mehr oder weniger, was zu tun ist, welche Reformen nötig sind. Wir sollten uns trauen, es den Menschen auch zu sagen."

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