27.01.13

Volkswirtschaft

Wohlstand der Deutschen wird neu vermessen

Wie gut geht es den Deutschen wirklich? Das haben Experten eingehend erforscht und ein neues Wohlstandsmaß erfunden. Glücklich machen uns demnach nicht nur Geld und Arbeit.

Von Inga Michler
Foto: Infografik Die Welt

Die 10 Wohlstandindikatoren
Diese zehn Indikatoren sollen künftig zeigen, wie es um die Lebensqualität der Bevölkerung bestellt ist

Der Wohlstand in Deutschland wird neu vermessen. Zehn Indikatoren sollen künftig zeigen, wie es um die Lebensqualität der Bevölkerung bestellt ist. Dazu gehören zum Beispiel die Artenvielfalt, die gefühlte Freiheit oder die Einkommensverteilung – und nicht allein das bisher alles dominierende Wirtschaftswachstum.

Das schlägt die zuständige Projektgruppe der Enquete-Kommission Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität des Deutschen Bundestages in ihrem Abschlussbericht vor, welcher der "Welt" exklusiv vorliegt. Bei der abschließenden Beratung am Montag wollen Union, FDP und SPD das Papier mit großer Mehrheit annehmen. Im Jahr 2014 könnte der neue Wohlstandsindex zum ersten Mal veröffentlicht werden.

"Wir machen das griffig, was eigentlich unsere Großmutter schon immer wusste", sagte die Vorsitzende der Projektgruppe, Stefanie Vogelsang (CDU) der "Welt". Ob es uns gut gehe, hänge eben nicht nur von materiellen, sondern auch von sozialen und ökologischen Faktoren ab. "Unser Indikator hält die Bevölkerung und die Regierung darüber auf dem Laufenden, wie sich die Lage in Deutschland entwickelt und wo Gefahren für die Zukunft lauern."

2014 kommt der Jahreswohlstandsbericht

Die Vorsitzende der gesamten Enquete-Kommission, Daniela Kolbe (SPD), zeigte sich "optimistisch, dass wir im Jahr 2014 neben dem Jahreswirtschaftsbericht auch einen Jahreswohlstandsbericht" haben werden. "Der wird Stoff für große politische Debatten liefern."

Das vorgeschlagene Wohlstandsmaß soll nach dem Prinzip eines Armaturenbretts funktionieren. Statt Benzinstand und Motortemperatur wird mit insgesamt 20 Indikatoren und Warnlampen angezeigt, wie es zum Beispiel um Bildung, Gesundheit, Arbeitsplätze und Investitionen steht. Dieses so genannte "Dashboard" hat drei große Bereiche: "Materieller Wohlstand", "Soziales und Teilhabe" sowie "Ökologie". Für jeden Bereich zeigen Indikatoren exakte Werte an, die Experten jährlich zusammentragen sollen. So geht in die Ökologie der Index für die nationale Vielfalt von Vogelarten ein, genau wie die im Land emittierten Treibhausgase und der nationale Überschuss an Stickstoff in Böden und Gewässern.

Die Abgeordneten und Sachverständigen der Projektgruppe haben sich neun Warnlampen ausgedacht. Sie sollen "die Aufmerksamkeit gezielt auf Fehlentwicklungen lenken, die von den Leitindikatoren nicht ausreichend abgebildet werden", wie es in dem Bericht heißt. Interessant ist zum Beispiel die "Krisenwarnlampe" für "Finanzielle Nachhaltigkeit des Privatsektors". Sie bildet die Entwicklung von Immobilienpreisen und Aktienkursen zu ihren langfristigen Trends ab und setzt die Kreditvergabe im Land ins Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt.

Grüne kritisieren das neue Wohlstandsmodell

Die aktuelle Finanzkrise, so die Theorie, hätte sich daran vorzeitig abgezeichnet. Harsche Kritik an dem neuen Wohlstandsmaß kommt von den Fraktionen der Grünen und der Linken sowie von der Union berufene Sachverständige Meinhard Miegel. Sie alle halten den Vorschlag für zu kompliziert. "So ist das nicht kommunizierbar. Da blickt ja überhaupt keiner durch", sagte Hermann Ott (Bündnis 90/Die Grünen). Seine Fraktion hatte sich in der Enquete für einen Indikator aus lediglich vier Komponenten stark gemacht. "Herausgekommen ist nun ein kompliziertes Armaturenbrett für Experten", so Ott. Der normale Bürger habe damit auch nicht mehr Durchblick als bisher.

Die Vertreterinnen von Union und SPD dagegen nannten diese Kritik "ungerecht". "Niemand hat etwas von einem ganz schmalen Konzept, das im Detail nicht aussagekräftig ist", sagte die Projektgruppenvorsitzende Vogelsang. Man habe sich aus gutem Grund dagegen entschieden, einzelne Indikatoren zu aggregieren und etwa mit einer einzigen Zahl aufzuwarten. "Wir wollen die Menschen doch nicht für dumm verkaufen." Beim derzeitigen Index könne sich jeder Einzelne seinen eigenen Überblick verschaffen und den Fokus auf unterschiedliche Lebensbereiche legen.

Freiheit und Rechstaatlichkeit ist Teil des Index

Augenmerk richtet der Index unter anderem auf Freiheit und Rechtsstaat. Hier hat sich die Projektgruppe für den Weltbank-Indikator "Mitsprache und Verantwortlichkeit" entschieden, der in einem komplexen Verfahren unterschiedliche Befragungen in insgesamt 213 Ländern der Erde gewichtet. Darin schneiden Wachstumsmeister wie China oder Indien schlecht ab – Bruttoinlandsprodukt allein ist eben nicht alles.

Eine Sonderstellung hat in dem Bericht die so genannte "Nicht-Marktvermittelte Produktion". Darunter fallen unter anderem Hausarbeit, die Erziehung von Kindern in der Familie oder Ehrenämter. Und das Problem ist: Über diesen Bereich, der ohne Frage viel zum Wohlbefinden der Menschen beiträgt, gibt es bisher keine regelmäßigen Daten. Lediglich alle zehn Jahre macht das Statistische Bundesamt eine so genannte Zeitbudget-Erhebung. Die Enquete empfiehlt nun, zumindest alle fünf Jahre neue Daten zu sammeln.

Die Vorschläge sollen nach dem Wunsch der Projektgruppe noch in dieser Legislaturperiode im Bundestag debattiert werden und in einen konkreten Auftrag an Experten münden. Ob die Komponenten letztlich vom wissenschaftlichen Dienst des Bundestages, dem Statistischen Bundesamt oder einem Wirtschaftsforschungsinstitut zusammengetragen würden, sei nebensächlich, sagte Vogelsang. "Wichtig ist, dass unser Wohlstandsmaß als Orientierung für die Regierung und die Wissenschaft genauso gut taugt wie für den einzelnen interessierten Bürger."

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