27.01.13

Harvard-Ökonom

"Wie bekommen wir Frankreich wieder flott?"

Kenneth Rogoff hat das vielleicht wichtigste Buch über Finanzkrisen mitverfasst. Für ihn hängt die Überwindung der Euro-Krise an den Franzosen. Paris müsse seine Wirtschaft voranbringen.

Foto: Bloomberg

Havard-Dozent Kenneth Rogoff ist ein vielgefragter Experte bei Staatsschuldenkrisen
Havard-Dozent Kenneth Rogoff ist ein vielgefragter Experte bei Staatsschuldenkrisen

Er lässt sich nichts vormachen, nicht von Panik verschrecken oder Euphorie treiben. Harvard-Professor Kenneth Rogoff hat die vergangenen 800 Jahre Geschichte der Staaten und ihrer Schuldenmacherei untersucht, mit den daraus entstehenden Folgen für die Volkswirtschaften.

Eine Geschichte von Aufschwüngen und Crashs, die sich ständig wiederholt. Die Berliner Morgenpost traf den ehemaligen Chefökonomen des Internationalen Währungsfonds auf dem Weltwirtschaftsforum, um den nach Davos zurückgekehrten Optimismus einem Realitätscheck zu unterziehen.

Berliner Morgenpost: Professor Rogoff, ist Davos 2013 anders als in den Vorjahren?

Rogoff: Auf jeden Fall. Die Stimmung hat sich komplett gewandelt. Aus einer pessimistischen Übertreibung ist eine optimistische geworden. Wir leben in einer Blase der Ruhe, die sich dank des Chefs der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi, gebildet hat.

Berliner Morgenpost: Viele Politiker, Notenbanker und Konzernlenker hier in Davos haben die internationale Schuldenkrise für beendet erklärt.

Rogoff: Das Nachspiel der Krise ist weit davon entfernt, vorbei zu sein. Nimmt man die Schulden der Staaten und den Privatsektor zusammen, hat sich noch nicht wirklich etwas getan. Die privaten Haushalte und Unternehmen haben sich zwar etwas entschuldet, aber diese Verbindlichkeiten sind zum großen Teil bei den Staaten gelandet.

Berliner Morgenpost: Und wie steht es speziell um die Krise in Europa?

Rogoff: Ich glaube, dass die Euro-Zone dramatische größere politische Integration braucht. Nicht eine halbherzige Bankenunion oder die Kontrolle nationaler Staatshaushalte durch Brüssel, sondern eine Zentralregierung, die 30 bis 40 Prozent der Steuereinnahmen bekommt, ein Präsident, der über den nationalen Staats-und Regierungschefs steht. Sonst, glaube ich, wird die Euro-Zone kein stabiles Gebäude sein. Mario Draghi hat mit seiner unkonventionellen Geldpolitik Zeit gekauft, vielleicht zwei Jahre, vielleicht auch fünf oder sieben. Aber sicher keine 20 Jahre.

Berliner Morgenpost: Aber ein bürokratischer Koloss Brüssel kann doch auch nicht die Lösung sein in einer Welt, wo die Flexiblen und Schnellen gewinnen.

Rogoff: Die Euro-Zone kommt mir vor wie ein Paar, das nicht heiraten will, sich aber gegenseitig Zugriff auf seine Bankkonten gibt. Das funktioniert nicht. Europa braucht eine einheitliche Politik. Momentan haben wir die Europäische Zentralbank, die gigantische Transfers unterm Tisch vornimmt - ohne jede politische Legitimierung.

Berliner Morgenpost: Sie wollen also ganz offizielle Transferunion schaffen. Wie wollen Sie uns Deutschen überzeugen?

Rogoff: Die Deutschen müssen das Gefühl haben, etwas zurückzubekommen. Nehmen Sie Bayern. Das Bundesland hat auch mal Transfers erhalten, jetzt zahlt es für andere Länder in den Topf ein. Und genau diesen Prozess muss die Politik den Bürgern klar machen, damit sie mitziehen. Der Vereinigungsprozess wird vielleicht 20 Jahre dauern, aber damit muss man heute anfangen. Das Beispiel der Vereinigten Staaten zeigt, dass es funktionieren kann, wenn Europa ein wirklicher einheitlicher Wirtschaftsraum mit gemeinsamer Politik wird.

Berliner Morgenpost: Glauben wirklich, dass aus Spanien oder Griechenland einmal Geberländer werden?

Rogoff: Jedes Land hat seine Stärken. Vielleicht werden einige Staaten den Arbeitsmarkt mit klugen Köpfen bereichern. Frankreich bringt etwa großartige Manager hervor. Und Deutschland würde es ohne Polen heute viel schlechter gehen. Die Konkurrenz der preiswerteren Arbeitskräfte hat den Reformdruck erhöht und damit auch die Wettbewerbsfähigkeit.

Berliner Morgenpost: Wie kann Europa wieder wachsen?

Rogoff: Europa braucht zwei Wachstumsmotoren: Deutschland und Frankreich. Frankreich ist daher der entscheidende Faktor. Wenn das Land sich nicht reformiert und die französische Wirtschaft nicht wieder wächst, können wir alles andere vergessen. Die allererste Frage muss daher lauten: Wie bekommen wir Frankreich wieder flott? Wenn Frankreich sich wandelt, dann kann es Europa schaffen.

Berliner Morgenpost: Sie haben herausgefunden, dass Schuldenkrisen das Wachstum für lange Zeit niedrig halten. Wie kann man die Bremseffekte reduzieren?

Rogoff: Am besten wäre es, die Schulden aus der Welt zu schaffen, durch Schuldenschnitte oder durch Inflation. Dann käme Europa rascher aus der Rezession heraus.

Berliner Morgenpost: Welchen Weg würden Sie vorziehen?

Rogoff: Eleganter ist eine Inflationierung. Solch ein Schuldenabbau verläuft weniger chaotisch. Und diesen Weg wollen wohl auch die Regierungen und Notenbanken gehen, wie die momentane Politik zeigt. Die Verbraucher werden in den kommenden Jahren mit Inflationsraten zwischen zwei und fünf Prozent leben müssen.

Berliner Morgenpost: Brauchen wir Schuldenbremsen, um nicht in zehn Jahren wieder im gleichen Schlamassel zu stecken?

Rogoff: Die Maastricht-Schuldengrenze von 60 Prozent der Wirtschaftsleistung, die sich Europa zu Beginn des Euro gesetzt hat, war eine Innovation. Das hat mich sehr überrascht, aber es hat mich nicht gewundert, dass dieses Limit wenig später wieder gebrochen wurde. Ich halte nichts von solchen Schuldengrenzen und würde die schon gar nicht in Verfassungen schreiben.

Berliner Morgenpost: Aber was brauchen wir dann?

Rogoff: Wir müssen einfach die Natur der Kreditvergabe an den Finanzmärkten verändern. Banken müssen einfach verpflichtet werden, mehr Eigenkapital vorzuhalten, und das muss auch für Staatsanleihen gelten. Dann können sich die Regierungen gar nicht mehr so stark verschulden, weil sie kein Geld mehr bekommen. Eine solche Schuldenbremse durch die Märkte ist viel wirkungsvoller als jede Limitierung in einer Verfassung.

Berliner Morgenpost: In Japan scheint kein Limit zu gelten. Hier ist der Schuldenstand weit über 200 Prozent hinausgeschossen. Neue Schulden sollen die stagnierende Wirtschaft stimulieren. Die Notenbank greift jetzt so aggressiv ein, dass einige schon von einem beginnenden Währungskrieg sprechen. Sie auch?

Rogoff: Japan tut jetzt das, was es bereits vor zehn Jahren bereits hätte tun sollen. Ich fürchte keinen Währungskrieg. Intern sprechen doch die Notenbanken sowieso ab, welche Wechselkurse sie für akzeptabel halten. Mal wertet der eine etwas ab, mal der andere. Am Ende ist irgendwie allen geholfen. Erinnern Sie sich an die 30er-Jahre. Da fuhren jene Staaten am besten, die sich vom Goldstandard als erste lossagten und damit sozusagen in den Währungskrieg zogen.

© Berliner Morgenpost 2013 - Alle Rechte vorbehalten
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Alle Hoffnungen ruhen auf ihr: Cascada tritt für Deutschland an
17.05.13ESC 2013
Eurovision Song Contest - Die Teilnehmer und ihre Chancen

Am Sonnabend tritt Cascada mit ihrem Dance-Song "Glorious" für Deutschland beim Eurovision Song Contest in Malmö an. Bei den Buchmachern stehen aber Dänemark und Norwegen ganz vorn. mehr...


Monumental: Anish Kapoor steht in seiner Installation aus Wachs „1st Body“
07:34Ausstellung
Starkünstler Kapoor zeigt sein Universum im Gropius-Bau

Tonnenschwere Installationen: Starkünstler Anish Kapoor aus London bespielt den Martin-Gropius-Bau mit spektakulären Großskulpturen aus Wachs, Pigmenten und PVC - seine erste große Schau in Berlin. mehr...


Hoch hinaus: Breakdancer am Blücherplatz stimmen auf das Multi-Kulti-Fest ein
07:36Karneval der Kulturen
Kreuzberg ist bis Pfingstmontag wieder die Bühne der Welt

Der Karneval der Kulturen hat mit dem obligatorischen Straßenfest am Blücherplatz begonnen. Höhepunkt ist wieder der große Umzug am Pfingstsonntag. Dazwischen machen viele Events Kreuzberg schön bunt. mehr...


Knut Hechtfischer (li.) und Frank Pawlitschek haben Ubitricity gegründet
11:17Elektromobilität
Warum Ubitricity Berlins liebstes Öko-Start-up ist

Das junge Duo entwickelt Ladegeräte für E-Autos. Damit wollen sie Berlins Straßenlaternen ausrüsten. Von der Idee ließ sich auch ein namhafter Investor wie Ex-Bahnchef Heinz Dürr locken. mehr...

Leser-Kommentare Kommentare
Leserkommentare sind ausgeblendet.
Kommentare einblenden
Die Technik der Kommentarfunktion "DISQUS" wird von einem externen Unternehmen, der Big Head Labs, Inc., San Francisco/USA., zur Verfügung gestellt. Weitere Informationen, insbesondere darüber, ob und wie personenbezogene Daten erhoben und verarbeitet werden, finden Sie in unseren Datenschutzbestimmungen

Die Moderation der Kommentare liegt allein bei MORGENPOST ONLINE.
Allgemein gilt: Kritische Kommentare und Diskussionen sind willkommen, Beschimpfungen / Beleidigungen hingegen werden entfernt. Wie wir moderieren, erklären wir in der Netiquette.
blog comments powered by Disqus
 
Top-Thema
title
Start-ups in Berlin

Gründerzeit: Die Serie und das Blog der Berliner Morgenpost.

Video Nachrichten mehr
Der Futiklub Absolutely Ferguson
Zeit für Neues Beckham beendet seine aktive Fußballkarriere
Parlament Bundestag debattiert über Atommüllendlager
Cannes Emma Watson spielt Kriminelle in Coppolas Film
 
tb_airberlin.gif
airberlin - Destination…

airberlin baut die Verbindungen nach Polen aus. Erfahren…mehr

tb_Erste-Adressen.jpg
Berlins Erste Adressen

Eine Initiative der Berliner Kaufleute und der Berliner…mehr

Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Großeinsatz

Feuer in Berliner Autowaschanlage

 
In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote