28.01.13

Scientology

Die Geheimnisse eines gefährlichen Glaubens

Leidenschaftslosigkeit als Erkenntnisprinzip: Lawrence Wright hat ein sensationelles, materialreiches und mutiges Buch über Scientology und Hollywood geschrieben. Juristen waren immer an seiner Seite.

Foto: REUTERS
People walk past the Church of Scientology of Los Angeles building in Los Angeles
Die Scientology-Kirche in Los Angeles: Millionen Anhänger in aller Welt verehren Lafayette Ronald Hubbard, einen dubiosen Seelenfischer

Der Messias mit dem Titel eines Commodore, der Anfang der Siebzigerjahre mit einer kleinen Flotte und einer Schar von Jüngern das Mittelmeer auf der Suche nach einem Exil durchkreuzte, war von plumper Gestalt.

Er wog 100 Kilogramm, war schwerhörig, sah schlecht, die Finger seiner Hände, seit einer Kinderlähmung zitternd, waren vom Kettenrauchen bräunlich verfärbt wie seine Zähne: Lafayette Ronald Hubbard (1911–1986), im folgenden LRH genannt, wie unter Scientologen üblich, macht in dem Buch von Lawrence Wright "Going Clear: Scientology, Hollywood, and the Prison of Belief" weder als sagenhaft reicher Religionsstifter noch als untergetauchter Heiliger bella figura.

LHR liebte Autos, Motorräder und seine Rolex, er schlug Frauen, entführte eine Tochter, ließ Matrosen wegen Verfehlungen über Bord werfen. Viele hielten LRH schon vor 1950, als er sein Wissenschaftspamphlet "Dianetics" veröffentlichte und zum Bestseller-Autor aufstieg, für einen Lügner und Betrüger. Mindestens zwei von drei Ehefrauen nannten ihn verrückt.

Lebenshilfe für die Besten

Doch unzählige Geliebte und Millionen Anhänger in aller Welt wollen nicht irren. Sie verehren in LHR einen brillanten Denker und Seelenfischer, den Entdecker weltheilender Kosmologien und unerhörter sozialtherapeutischer Konzepte: "Die Fähigen mehr befähigen" (Make the able more able) war die Mission.

Lebenshilfe für die Besten. Die Kirche der Scientologen beharrt darauf, dass ihre Religion Menschen von Drogen befreit und zu ihrem wahren inneren Wert führt. Sie mag glauben, was sie will. Heikel wird es für jede Religion, wenn sie beansprucht, Wissenschaft zu sein.

LRH glaubte an seine übersinnlichen Kräfte intergalaktischer Spiritualität und an Geld. "Macht Geld! Macht mehr Geld!", soll er seine Jünger angewiesen haben. "Lasst andere noch mehr Geld für euch machen!" Dass ein Psychiater bei ihm "paranoide Schizophrenie" diagnostizierte, seriöse Wissenschaftler ihm Scharlatanerie vorwarfen, beirrte ihn nicht.

Totalitäre Auslese-Religion?

Kritiker beschuldigen Scientology der Entführung, der Versklavung "krimineller" Mitglieder, der Erpressung und einer misogynen, schwulenfeindlichen Auslese-Religion mit totalitären Zügen. Böswilliger, ahnungsloser Unsinn, erwidert ihnen die Kirche.

Als LHR im Januar 1986 starb, ein Eremit in einem Wohnwagen in Kalifornien, hinterließ er einen mächtigen, geheimnisumwitterten Kult, der Starjünger wie Tom Cruise und John Travolta umschmeichelt und Gegner wie Abtrünnige mit Prozessen verfolgt. Deshalb legt der Autor dieses Artikels Wert auf die Feststellung, dass alle hier als Fakten geschilderten Begebenheiten auf Lawrence Wrights Buch gründen.

Umso mehr muss man Wright bewundern, der 372 Seiten Text, 45 Seiten mit Erläuterungen und 21 Seiten Index von Anwaltsteams prüfen lassen musste, um sich nicht zu ruinieren. Seine Referenzen als Redaktionsmitglied des "New Yorker" und Buchautor sind erstklassig. Er verwandte Jahre auf die Recherche über Scientology. Wer liest, welchen Repressalien Sektenkritiker ausgesetzt sind, weiß seinen Mut zu schätzen.

Leidenschaftslos und ironiefrei

Klug wählt Wright einen ironiefreien, leidenschaftslosen Ton und übt sich in strikter Fairness: "Das knirschende Geräusch, das Sie hören, ist Lawrence Wright, der sich verrenkt, um fair zu Scientology zu sein", lautet der treffende Einstiegssatz einer (rühmenden) Rezension in der Buchbeilage der "New York Times".

Das Wissen über den Geheimkult, so Wright, leide an hysterischer, schlampig belegter Kritik und Hörensagen. Er nennt Quellen für jede Anekdote über LRH und erst recht alle Vorwürfe krimineller Machenschaften. Wright beschreibt ein Treffen im September 2010 mit führenden Scientologen und zwei Anwaltsteams, bevor sein Porträt des abtrünnigen Scientologen und Drehbuchautors Paul Haggis ("Crash") im "New Yorker" erscheint.

Die Sprecher der Kirche erscheinen mit 48 Ringbüchern voller eidesstattlicher Erklärungen und Dokumente, die Haggis und Wright der Lüge und Verleumdung überführen sollen. Der Artikel erscheint unter dem Titel "The Apostate". Haggis lebt seither als einer der prominentesten Verfemten. Er erwartet laut Wright die Vergeltung durch irgendeinen Skandal, der ihn in Hollywood zum Paria erniedrigen soll.

4,4 Millionen jährlich angeworben

Es ist unmöglich, der Detailfülle von Wrights Buchs annähernd gerecht zu werden. Der Autor beklagt, dass die Kirche ihm Zugang zur Führung verweigere und nicht einmal Zahlen über ihre Mitglieder- und Finanzstärke veröffentliche. Von 4,4 Millionen jährlich geworbenen neuen Mitgliedern weltweit ist in einer Werbung Scientologys die Rede.

In den USA bezeichnen sich laut anderen Quellen 25.000 Menschen als Scientologen. Wright spricht von etwa einer Milliarde Dollar in flüssigen Mitteln, neben ungezählten Liegenschaften und Zentren in Kalifornien und Florida. Das Geld fließt aus Spenden und Tantiemen aus 18 Millionen verkauften LRH-Büchern, wie die Kirche verbreitet. In den USA genießt Scientology den Schutz der in der Verfassung garantierten Religionsfreiheit, Steuerbegünstigung inklusive.

Zu den Glanztaten des Führers (und Tom-Cruise-Trauzeugen) David Miscavige zählt die erfolgreiche Abwehr einer US-Steuerschuld in Milliardenhöhe. Miscavige, der mit fünfzehn den erleuchteten "Clear"-Status erlangte und mit Anfang zwanzig in einem Machtkampf um die Nachfolge LRHs siegte, ist ein gefürchteter Mann. "Little Napoleon" nannte Hubbards Ehefrau Mary Sue ihren Widersacher, bevor sie 1979 zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Geopfert, so scheint es, um den Propheten zu schützen.

Tom Cruise: Held der letzten 200 Seiten

Tom Cruise tritt erst auf Seite 201 des Buchs auf; verlässt die Story aber nie mehr. Seine Ehen mit Nicole Kidman und Katie Holmes werden von der Kirche begleitet, wenn nicht gestiftet, und zerstört, als die Frauen in Ungnade fallen. Cruise' Anwälte kommen in Fußnoten regelmäßig zu Wort.

Sie bestreiten alles, was ihrem Mandanten nicht passt. Das bedeutet: fast alles, was Wright schreibt. Dem Star wurden nie ausgewählte Frauen zugeführt, es gab keine Manipulationen und Vorteilsnahmen.

Tom Cruise hat der Kirche Millionen Dollar gespendet. Als er 2003 in Washington bei Spitzenpolitikern dafür lobbyiert, etwas gegen die Angriffe auf ihn und die Kirche im Ausland zu unternehmen, kehrt er zufrieden nach Los Angeles zurück: "Wenn fucking Arnold Gouverneur werden kann, kann ich Präsident werden", prahlt er.

John Travolta gilt als schwierig

So jedenfalls will es ein Zeuge gehört haben. Wendete sich der Filmstar eines Tages von der Kirche ab, wäre das eine Katastrophe, vielleicht das Ende ihrer Macht.

John Travolta, der schon auf Seite 150 als unsicherer, Halt suchender Schauspieler eingeführt wird, gilt wegen des Verdachts, seine Homosexualität zu verbergen, als schwierig. Lawrence Wright berichtet von vorsorglichen Materialsammlungen der Kirche über Travolta für den Ernstfall, dass man sich von ihm distanzieren müsse. Miscavige habe offen Schwulenwitze über den Schauspieler gerissen. Travolta, der als Pilot mit eigener Boeing 707 der Kirche gern zu Diensten war, schweigt.

Könnte Scientology gewalttätig werden, fragt Wright, wie 1995, als der japanische Kult Aum Shinrikyo den mörderischen Giftgasanschlag auf die Tokioter U-Bahn und weitere Morde verübte? Die Antwort bleibt offen.

Paul Haggis, der mit 21 Jahren in den Kult eintrat, kommt gegen Ende noch einmal zu Wort. Er begreife nun, dass in den 34 Jahren seiner Mitgliedschaft viele Menschen Scientology durchschaut hätten: "Ich weiß nicht, warum ich es nicht konnte."

Lawrence Wright: "Going Clear: Scientology, Hollywood, and the Prison of Belief". Alfred A. Knopf, 430 Seiten, 28,95 Dollar

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