27.01.13

Weltwirtschaftsforum

Davos – Der Traum von einer besseren Welt

Zum Abschluss des Weltwirtschaftsforums lassen es die Jungen richtig krachen. Orientalische Schönheiten rauchen Cohibas, Deutsche und Russen prosten sich zu, das Gedränge ist unbeschreiblich.

Von Torsten Krauel
Foto: dpa

Teilnehmer des Weltwirtschaftsforums verlassen eine Veranstaltung. Im Hintergrund die Schweizer Berglandschaft
Teilnehmer des Weltwirtschaftsforums verlassen eine Veranstaltung. Im Hintergrund die Schweizer Berglandschaft

Es ist halb acht abends, und der Maestro hat gesimst. Der Dirigent, Gast des Davoser Weltwirtschaftsforums, wartet im Restaurant des Hotels "Morosani" und hat ungefähr eine Stunde Zeit. Also im Sturmschritt hinaus in die beißende Kälte, hinein in einen der vielen Shuttle-Busse, die nonstop alle Davoser Hotels ansteuern. Rück-SMS: Bin in fünf Minuten da.

Denkt man. Der Bus rollt im Schritttempo. Die Promenade von Davos ist ein einziger Stau aus Benzinsparboliden deutscher Herkunft. "Made in Germany" beherrscht die Straße, was auch so manchem Gast aus Übersee auffällt.

Der Bus hält: "Hotel 'Schatzalp'!" Der Bus hält wieder: "Hotel 'Post'!" Der Bus hält zum dritten Mal: "Hotel 'Grischa'!" Die russische Basis, im Zelt probt bereits ohrenbetäubend die St. Petersburger Punkband Leningrad. Gleich steigt hier eine große Party, deren Musik das ganze Tal dann sehr vernehmlich beschallt. Der Bus unterquert die Bahnlinie. "Wann kommt das Hotel 'Morosani'?" "Das haben wir bereits passiert." Himmel! SMS an den Maestro: Komme zehn Minuten später.

Was in Davos geschieht, bleibt auch dort

Verspätet zu sein hat aber sein Gutes. Beim nächsten Busstopp steigt ein bekannter Erfinder aus dem Silicon Valley zu und fährt zwei Hotelstationen mit. Verabredung zum Kaffee morgen früh um acht. So etwas geht in Davos problemlos. Das Weltwirtschaftsforum wäre ein Paradies für Namedropper, aber die Regeln besagen: Was in Davos geschieht, bleibt auch dort.

Der Bus hält: "Hotel 'Morosani'!" Danke. Drehtür, Halle, Sicherheitsschleuse wie am Flugplatz und eine sehr lange Schlange vor ihr. In jedem Davoser Hotel finden an jedem Abend der Forumswoche etliche Veranstaltungen statt. Ab ins Restaurant. In einer Ecke sitzt ein ziemlich bekannter Banker. Das wäre interessant, aber nicht jetzt. Rundblick: Kein Dirigent zu sehen. Hat er einen Tisch gebucht?

Nein, sagt der Restaurantchef. Anruf beim Maestro: "Wo sind Sie?" "Im Restaurant! Und wo sind Sie?" "Auch im Restaurant, sehe Sie aber nicht." Verwirrung. Der Restaurantchef weiß Nützliches: "Es gibt zwei Hotels 'Morosani'." Wundervoll! Genau das, was man jetzt braucht. SMS: Leider noch weitere fünf Minuten später.

Hotel "Morosani" Nummer zwei. Drehtür, Halle, wieder Sicherheitsschleuse, wieder eine lange Schlange. Laptop raus, Jackett in den Kasten. Wo ist das Restaurant? "Dort hinten." Der Dirigent sitzt an einem Tisch und ist entgegen aller Befürchtung bester Laune.

Hotels nicht zu kennen ist ein Anfängerfehler

Die Anfängerfehler eines Davos-Novizen können zahlreich sein. Die Hotels nicht zu kennen ist einer davon. Der Maestro gibt dem Gast die Zeit, darüber nachzudenken. Er springt auf und begrüßt einen namhaften Bekannten aus Washington, der des Weges kommt. Davos ist der größte intellektuelle Flashmob der Erde - und ein Ort für erstaunliche Begegnungen.

Wer aus seinem Hotelzimmer tritt, trifft im Etagenflur unvermutet auf Personen des internationalen Lebens, bekannt aus Funk und Fernsehen, wie es so schön heißt, und im Kongresszentrum auf noch viel mehr von ihnen, darunter das halbe deutsche Kabinett, mit ein wenig Glück auch Bill Gates.

Von den Grünen ist Cem Özdemir da und macht sehr aktiv seine Runden. Derzeit führende deutsche Sozialdemokraten haben den Weg nach Davos nicht gefunden. Hannelore Kraft hält am Zauberberg die Fahne der SPD hoch.

1300 Seiten Teilnehmer-Biografien

Beim Einchecken im Konferenzzentrum bekommen die Gäste zwei Taschenbücher. Jedes ist so voluminös wie die kommentierte Bibel. 1300 Seiten Teilnehmerbiografien, 1200 Seiten Mitgliederbiografien, sämtlich mit einem Porträtfoto versehen. Zu den Mitgliedern zählen natürlich zahlende Sponsoren – die Konferenz kostet Unsummen. Zu den Teilnehmern aber, und das ist extrem wichtig für die Sonderrolle von Davos in der Weltpolitik, gehören inzwischen überwiegend Vertreterinnen und Vertreter von Nichtregierungsorganisationen aus aller Herren Länder.

Die beiden Bücher sind auch als schicke Handy-App vorhanden. Als einziges Manko bietet sie freilich noch keine Möglichkeit, die Lebensläufe nach Ländern oder Berufsgruppen durchforsten zu können.

Das macht die Suche nach interessanten Kontakten jenseits der westlichen Prominenz schwierig. Aber mit suchenden Augen sieht man in der Bar hinter der gewaltigen Lobby eine Staatsministerin aus Katar oder Wissenschaftler aus Myanmar, früher Burma geheißen. Letztere sind gleichfalls Davos-Neulinge. Nach der Öffnung des Landes streben seine Politiker – der Vizepräsident des Landes ist auch da – und seine Aktivisten nun mit Macht zur alpinen Ideen- und Kontaktbörse.

Im Frühsommer soll das Weltwirtschaftsforum seine Asienkonferenz in Rangun abhalten. Das Forum hat Ausgründungen auf mehreren Kontinenten ins Leben gerufen, wie es amerikanische Universitäten bereits praktizieren.

Perfekter Service von Zürich bis Davos

Noch freilich ist Davos der zentrale Tagungsort. Im Flughafen Zürich gibt es eine eigene Forum-Lounge, eine eigene Gepäckabgabe, einen eigenen Reisebus-Service zum Skiort. Die erste Polizeisperre steht weit vor Davos. Der Ort selbst ist eine Phalanx von Kontrollpunkten, das Konferenzzentrum umgeben von taghell erleuchteten Drahtzaunsperren. Die Dächer rundum sind ein Überwachungsparadies. Kamerabündel auf Masten stehen allerorten, und die Vögel, die sie neugierig umkreisen, sind womöglich auch von der Polizei.

Journalisten werden auf weißen Golf-Elektrokarren durch den verschneiten Kurpark dorthin gefahren. Wer läuft, bekommt Spikes gestellt, sehr aufmerksam. Das Tagungsgebäude ist ein einziger Irrgarten aus weitläufigen Lobbys und verwinkelten Treppen, aus Anzugträgern, Kamerateams, Laptopträgern, aus Chinesisch-Vokabeln, melodiösen Arabischlauten, Englischfetzen, aus weißen Kaffeetassen und grünen Äpfeln in Glasvitrinen.

Für solche Orte hat man im Silicon Valley wohl die Navis erfunden. Alles wirkt peinlich aufgeräumt und ordentlich und geordnet, manchmal erinnert das Ambiente in seiner Anmutung an den einstigen Werbespruch "Nicht nur sauber, sondern rein". Raucher müssen vor die Tür und dann noch einen vereisten, verschneiten Weg hinab vor den Liefereingang. Die neue Welt aus Glück und Wandel wird dereinst vielleicht nicht als Rokoko, sondern als Ökoko in die Geschichte eingehen.

Reuters sitzt in der Stadtbücherei

Das Dorf Davos ist von der Welt besetzt. Die Stadtbücherei ist das Hauptquartier der Nachrichtenagentur Reuters, in einem Café hat sich "Time Magazine" einquartiert, mit großen Eisskulpturen vor den Fenstern. Wenige Meter weiter lädt der mongolische Staatspräsident in einer Bar zum Cocktail.

Sakiagin Elbegdorj steht unter einem Jurtenzelt und ist von eher unauffälligem Wuchs, lässt aber ein sehr zielbewusstes Auftreten erahnen und blickt seine Gäste mit einem hellwachen, in renommierten Universitäten geschulten Selbstbewusstsein an. Sein Land ist sehr viel wichtiger, als es traditionell vielleicht scheinen mag. Es hat Bodenschätze, die Deutschland dringend benötigt, und gute Verbindungen nach Nordkorea ebenso wie in die USA. Entsprechend groß ist an diesem Abend der Andrang, trotz des Afrika-Abends im Museum Kirchner hundert Meter die Straße hinunter.

In dieser Atmosphäre aus Workshops, Vorlesungen, Debatten, Büfettrunden, aus Partys, Cocktails und Kaminzimmertreffs lernt man in wenigen Tagen mehr über die Zukunft als sonst in einem ganzen Jahr – so weit es darum geht, die Menschen hinter den Entwicklungen einschätzen zu können. Der Direktor des Europäischen Kernforschungsinstituts ist genauso ansprechbar wie eine Aktivistin gegen Kinderehen oder die Universitätspräsidenten von Harvard und Stanford, eine Sozialunternehmerin aus Äthiopien findet ebenso Gehör wie Eric Cantor, als republikanischer Fraktionschef der Mehrheitsführer im Unterhaus des amerikanischen Kongresses.

Cantor hat für die "Welt" die Sätze parat: "Ich möchte zusammen mit Kollegen im Kongress und der Regierung dabei helfen, die Wettbewerbsfähigkeit und Chancen amerikanischer Exporteure zu verbessern – besonders mit Blick auf die EU-Staaten. Jeder Weg, diese Verbindung zu stärken, erhöht solche Chancen, und daran sind wir sehr interessiert."

Das klingt ein wenig gewunden, der Amerikaner hat derzeit innerhalb seiner Abgeordnetenschar manche politischen Konfliktlinien zu berücksichtigen. Für Berliner Politiker, die an einer transatlantischen Freihandelszone feilen, sind die Sätze dennoch ein Fingerzeig, in welche Richtung die stärkste Fraktion im US-Repräsentantenhaus denkt.

Google stellt fahrerloses Auto vor

Wenige Räume weiter hat kurz zuvor einer der deutschen Stars des Silicon Valley, Google-Teamchef Sebastian Thrun aus Solingen, das Konzept des fahrerlosen Autos vorgestellt. Allegorien auf die Politik sollte man darin nicht suchen. Thruns Projekt ist eine faszinierende Vorschau auf Großstädte ohne Parkplatzsorgen. Denn solche Autos sollen in nicht allzu ferner Zeit aus Großparkhäusern auf Anforderung vor die Tür rollen, bitte einsteigen, Anruf genügt.

Man testet das Vorhaben jetzt auf dem Google-Campus. Eine Computerprofessorin aus Stanford stellt derweil ihre weltweite Online-Schule vor. Der Zuspruch aus Ländern jenseits der sogenannten industrialisierten Welt ist enorm.

Bevor sich die Konferenzteilnehmer am Samstag in einem Berghotel dem Dinner widmen, singt ein A-Capella-Chor in der Lobby des Konferenzzentrums vielstimmige klassische europäische Musik, Ouvertüren von Mozart oder Walzer. Ein junger chinesischer Unternehmer, der Bildungssoftware für Kinder entwickelt, filmt den Chor fasziniert. Oben vor dem Berghotel spielen Alphornbläser.

Stille im Hotel, Party im Tal

Die bittere Kälte der Woche weicht an diesem Abschlussabend erträglichen Temperaturen. Ein einsamer Weihnachtsbaum illuminiert noch immer den Berghang. Ein einsamer Helikopter mit einem großen roten Blinklicht und viel Überwachungstechnik patrouilliert vor den mondbeschienenen Schneegipfeln, und im Hotel wird die Sicherheit großgeschrieben. Das ist auch sinnvoll, denn, so viel Namedropping sei gewährt, draußen auf der Terrasse genießt Barack Obamas UN-Botschafterin Susan Rice bei einem Käsefondue die Aussicht, und drinnen auf der Tanzfläche freut sich Norwegens Kronprinz Haakon des Lebens.

Nachts um eins herrscht auf der "Schatzalp" wieder Stille. An fernen Berghängen kriechen Schneeflüge mit gleißend hellen Lichtkegeln wie Polarglühwürmer einher. Dort oben findet die Konferenz am heutigen Sonntag mit einem Skirennen ihr Ende.

Aber tief unten im Tal wummert jetzt noch immer Popmusik. Sie kommt aus der "Piano-Bar" im Hotel "Europa", wo es die jung gebliebenen Konferenzgäste aller Altersstufen zum Abschluss so richtig krachen lassen. Orientalische Schönheiten rauchen Cohibas, Brasilianer und Deutsche und Russen prosten sich zu, das Gedränge ist einfach unbeschreiblich – aber alle eint ja nun einmal, so pathetisch und irrelevant es angesichts des physischen und geistigen Gemetzels im Nahen Osten klingen mag, dieser ebenso kitschige wie notwendige Traum von der gemeinsamen besseren Welt.

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Trotz Handelsverbot Kanada eröffnet die alljährliche Robbenjagd
Premiere Hollywoodstars bringen "Spiderman" nach…
Coachella Festival Hier ist Promis nichts peinlich
Schiffsunglück Fähre mit fast 500 Menschen gekentert
Die Welt - Aktuelle News
  1. 1. AuslandUkraine-KriseProrussische Milizen verweigern Entwaffnung
  2. 2. Literarische WeltAutorin Sofi OksanenWird der Westen Osteuropa wieder verraten?
  3. 3. Henryk M. Broder"Rettet Europa!"Ein Experiment mit 500 Millionen Versuchskarnickeln
  4. 4. WirtschaftKonjunkturKritische Prognose für den deutschen Arbeitsmarkt
  5. 5. DeutschlandBundeswehrDer "schlampige" Haushalt der Ursula von der Leyen
Top Bildershows mehr
Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Fernsehprogramm

Von Jesus Christus bis Hitler – Das läuft über…

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote