26.01.13

Mega-Typ

Kim Schmitz – Der Möchtegern-Märtyrer des Webs

Mit einer Tauschplattform im Internet machte der Hacker Kim Schmitz ein Vermögen und sich selbst viele Feinde. Nun schlägt er zurück – und testet ein weiteres Mal die Grenzen des freien Netzes aus.

Foto: Andr Laame

Wirkliche Mega? Kim Schmitz versucht es ein weiteres Mal mit einem Download-Portal
Wirklich Mega? Kim Schmitz versucht es ein weiteres Mal mit einem Download-Portal

Helikopter rattern über das Gelände einer Villa in Neuseeland, schwarz gekleidete Gestalten seilen sich ab, Tänzerinnen schwingen die Hüften. Mittendrin gebärdet sich ein übergewichtiger blonder Hüne als Dompteur der fast grotesk gigantomanischen Partyshow und brüllt "Stop!". Alle hören auf sein Kommando.

Sollte Kim Schmitz alias Kim Dotcom bei seiner Verhaftung durch Spezialkräfte der neuseeländischen Polizei vor genau einem Jahr ein Trauma davongetragen haben, hat er es am vergangenen Wochenende erfolgreich psychisch bewältigt. Die Party zur Eröffnung seines neuen Online-Speichers "Mega" war ein Signal an seine Verfolger, an die US-Filmindustrie, die US-Justizbehörden und an seine Nutzer: Er ist wieder da – größer denn je.

Mega.co.nz ist das neueste Projekt des Deutschfinnen, der inzwischen als das sprichwörtliche Stehaufmännchen der halbseidenen Onlineszene gilt. Der 39-Jährige war bei jedem Internettrend dabei, hatte überall seine Finger im Spiel, nahm stets Geld ein.

Mehrfach verurteilt von deutschen Gerichten

Dabei fiel er allerdings ein ums andere Mal auf die Nase. Er wurde mehrfach von deutschen Gerichten rechtskräftig wegen Betrugs, Insiderhandels und Computermanipulation verurteilt, bevor er 2002 nach Asien und schließlich nach Neuseeland auswanderte. Den Riecher für die geschickte Nutzung der Trends im Netz bewahrte sich Kim trotz dieser Stürze, trotz mehrfacher weiterer Verurteilungen und aktueller Anklagen der US-Strafverfolger.

Mit dem Launch von Mega will er nun endlich alles richtig machen. 50 Gigabyte Umsonst-Online-Speicher verspricht er jedem Nutzer, egal für welchen Zweck. Private Fotos und Dokumente lassen sich dort ebenso speichern wie kopiergeschützte Filme oder Pornografie.

Die beiden bekanntesten Konkurrenten Google und Dropbox liefern maximal fünf Gigabyte umsonst; wer mehr haben will, muss zahlen. Und sie schließen das Speichern von urheberrechtlich geschütztem fremdem Material in ihren Nutzungsbedingungen kategorisch aus.

Kim dagegen will gar nicht erst wissen, wofür die Nutzer seinen Speicher verwenden, deswegen stellt er ein besonderes Upload-Tool zur Verfügung, das die Dateien schon vor dem Übertragen auf Megas neue Server verschlüsselt. So will sich Schmitz gegen eine mögliche Verfolgung durch Rechteinhaber und Justiz wasserdicht absichern.

Mehr als eine Million Nutzer nach einem Tag

Nach eigenen Angaben sammelte Schmitz mit Mega schon am ersten Tag nach dem Start mehr als eine Million Nutzer ein. Der Service ist direkter Nachfolger seines Projektes Megaupload, mit dem er seit 2007 im Netz Furore machte. Damals war das Angebot einer der ersten freien Dateispeicherdienste im Netz und wurde schnell zum digitalen Hafen für Raubkopierer.

Schmitz verdiente mit Werbung sowie Abogebühren bis Anfang 2012 geschätzte 170 Millionen Dollar. Das Geld investierte er unter anderem in das Wohlwollen seiner neuen Heimat Neuseeland. So finanzierte er etwa zu Silvester 2011 ein Feuerwerk für die Stadt Auckland, um sich für die Einbürgerung zu bedanken, und verteilte eigenen Aussagen zufolge Parteispenden an Politiker der Regierungspartei.

Doch im fernen Kalifornien drängten Vertreter der US-Filmindustrie immer lauter auf die Schließung von Megaupload. Zwar gaben Schmitz und seine Partner ein ums andere Mal Bekenntnisse ab, dass sie auf Hinweis der Rechteinhaber rigoros löschen würden, doch das reichte den Studios nicht: Eine halbe Milliarde Dollar Schaden, so rechneten sie vor, habe Megaupload mit den kostenlosen Blockbuster-Filmkopien verursacht.

Auf ihren Druck hin startete die US-Bundespolizei FBI ein Untersuchungsverfahren gegen Megaupload, die US-Strafverfolger schickten Anfang 2012 ein Rechtshilfeersuchen sowie einen Auslieferungsantrag nach Auckland. Die neuseeländischen Behörden beeilten sich, dem nachzukommen.

Bis zu zwanzig Jahre Haft drohen

Am Morgen des 19. Januar 2012 stürmten sie Schmitz' Anwesen, nahmen ihn und drei weitere Kumpane fest, beschlagnahmten sein Vermögen und schickten potenziell belastendes Material direkt in die USA. Dort drohen Schmitz im Falle einer Verurteilung bis zu 20 Jahre Haft.

Doch mit ihrem harschen Vorgehen gaben die Behörden dem Marketing-Genie Schmitz unfreiwillig die Gelegenheit, sich selbst zum Märtyrer für ein freies Internet zu stilisieren. Eine Rolle, in der er sich gefällt. Erst verschoben neuseeländische Gerichte ein ums andere Mal die Auslieferung und entließen Schmitz einen Monat nach seiner Verhaftung aus der Untersuchungshaft.

Dann urteilte der oberste Gerichtshof Neuseelands, das harsche Vorgehen gegen den Neubürger Schmitz sei rechtswidrig gewesen. Schmitz wird zum Präzedenzfall, zum Politikum in seiner neuen Heimat – und zur Belastung für die Beziehungen zwischen Neuseeland und den USA. Mit diesem juristischen Rückenwind und dank der resultierenden weltweiten Berichterstattung will Schmitz nun mit Mega die Grenzen des freien Netzes austesten.

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