25.01.13

Pannenserie

Boeing muss weiter um seine Dreamliner zittern

Die zuständige US-Behörde tappt bei der Untersuchung der Brände weiterhin im Dunkeln, wann das Flugverbot aufgehoben wird, ist nicht absehbar. Für Boeing steigt das finanzielle Risiko.

Von Andre Tauber
Foto: REUTERS

Der Dreamliner von Boeing, eine Maschine der All Nippon Airways (ANA), muss weiter am Boden bleiben
Der Dreamliner von Boeing, eine Maschine der All Nippon Airways (ANA), muss weiter am Boden bleiben

Im Drama rund um Boeings Pannenflieger 787 Dreamliner ist kein Ende in Sicht. Die US-Behörden stellten klar, dass es noch nicht absehbar sei, wann ein Untersuchungsergebnis der jüngsten Pannenserie vorliege.

Noch wie vor sei die Ursache des Feuers vollkommen unklar, sagte Deborah Hersman, Chefin der US-Behörde für Sicherheit im Transportwesen (NTSB). "Das ist ein bislang nie da gewesener Vorfall. Wir sind sehr besorgt."

Boeing droht damit noch eine lange Zitterpartie. Die Untersuchung der Ingenieure, die unter der Aufsicht von Hersman arbeiten, ist entscheidend dafür, wann der Flieger endlich wieder starten darf. Seit vergangener Woche gilt ein weltweites Flugverbot für alle Jets des Typs.

Hohe Schadenersatzforderungen drohen

Mit jedem Tag, an dem die Flugzeuge am Boden stehen, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Fluggesellschaften hohe Schadenersatzforderungen stellen. Die NTSB untersucht die Ursachen des Feuers an Bord eines Dreamliners in Boston. Parallel laufen Untersuchungen japanischer Behörden wegen eines Brands auf einem Flug der All Nippon Airways.

Der Imageschaden ist für Boeing schon jetzt immens. Mit dem Dreamliner betritt der Flugzeugbauer technologisches Neuland. Das Flugzeug besteht zu einem großen Teil aus Kohlefaserverbundstoffen, die sehr leicht sind und daher helfen, Sprit zu sparen. Dabei hinaus nutzt der Flieger elektrische Energie um etwa die Flügel zu enteisen – auch das gilt als spriteffiziente Methode.

Der europäische Flugzeugbauer Airbus dürfte die Entwicklung sehr genau verfolgen. Immerhin entwickelt das Unternehmen derzeit mit dem A350 ein direktes Konkurrenzmodell für Dreamliner.

Der neue Airbus-Flieger verwendet auch Lithium-Ionen-Batterien, wenn auch mit anderen elektronischen Systemen und von einem anderen Zulieferer. EADS-Strategiechef Marwan Lahoud beschwichtige vor wenigen Tagen: Die Pannen des Dreamliners hätten keine Auswirkung auf den Zulassungsprozess des A350.

Untersuchungen können sich über Wochen hinziehen

Wie lange die Untersuchung dauern wird, sagte Hersman nicht. Sie sagte allerdings, dass Tests durchgeführt werden, die mitunter eine Woche in Anspruch nehmen können. Luftfahrt-Experten werteten die Äußerungen als Anzeichen dafür, dass die Untersuchungen sich über Wochen hinweg hinziehen könnten.

"Es gab die Hoffnung auf eine schnelle Lösung des Problems und schnelle Fortschritte. Nun sieht es aus, als läge noch sehr viel Arbeit vor ihnen", sagte Luftfahrtexperte Richard Aboulafia von der Teal-Group.

Die US-Behörden kämpfen in der Frage auch um ihren eigenen Ruf. Die US-Flugbehörde FAA war in die Kritik geraten, weil sie sich bei der Zertifizierung des Dreamliners mitunter auf Untersuchungen von Boeing verlassen hat statt eigene, unabhängige Tests durchzuführen.

Darüber hinaus sollen Hinweise auf mögliche Probleme ignoriert worden sein. Die FAA wird auch die Entscheidung darüber fällen, wann der Dreamliner wieder abheben darf. Die NTSB ist für die Aufklärung des Unfalls verantwortlich.

Zwei Vorfälle in zwei Wochen

Die NTSB kündigte an, auch den Zertifizierungsprozess der betroffenen Batterien unter die Lupe zu nehmen. "Wurden die Zertifzierungsstandards eingehalten und waren sie angemessen?", fragte Hersman.

Dass es überhaupt zum Feuer kommen konnte, wirft Fragen auf. Die FAA hatte Boeing im 2007 Sicherheitsauflagen gemacht, die eben verhindern sollten, dass ein möglicher Brand einer Lithium-Ionen-Batterie auf andere Komponenten übergreift. "Zwei Vorfälle innerhalb von zwei Wochen, das hätten wir nicht erwartet", sagte Hersman.

Die US-Ermittler legen nach eigenen Angaben ein gewaltiges Tempo vor, um zügig Ergebnisse vorlegen zu können. NTSB-Ingenieure arbeiteten in zwei Schichten und damit "rund um die Uhr", sagte Hersman.

Im Labor der Behörde ist die betroffene Batterie auf einem Tisch in Einzelteilen ausgebreitet. Die einzelnen Zellblöcke werden nun mit Röntgen- und CT-Geräten durchleuchtet und überprüft.

Aufhebung des Flugverbots noch offen

Die US-Behörde kooperiert unter anderem mit Behörden und Herstellern in Frankreich und Japan, aus diesen Ländern kommt das Batteriesystem, sowie dem Flugzeughersteller Boeing.

Außerdem ist eine Behörde der US-Marine beteiligt, das sich mit Batterietechnologie gut auskennt. Untersuchungen werden unter anderem bei Boeing in Seattle und dem Dienstleister Securaplane Technologies in Arizona durchgeführt.

Boeing begrüßte in einer Mitteilung "die Fortschritte, die bei der 787 Untersuchung gemacht wurden". Das Unternehmen arbeite "unermüdlich" daran, den Dreamliner wieder zum fliegen zu bringen. Über die Aufhebung des Flugverbots wird die US-Luftverkehrsbehörde FAA entscheiden.

US-Transportminister Ray LaHood hatte bereits vor wenigen Tagen eine harte Linie angekündigt: Der Dreamliner werde nicht abheben, bevor die FAA nicht eine Vorstellung davon habe, was die Brände verursachte und wie man sie verhindern könne.

Unterstützung erhält Boeing indes von einem seiner Kunden. Jess Smisek, Chef von United Continental Airlines, sagte: "Das Flugzeug ist großartig und Kunden lieben es." United hat derzeit sechs Dreamliner in der Flotte. "Wir möchten, dass das Flugzeug wieder sicher abhebt. Ich bin zuversichtlich, dass es dazu kommen wird. Ich weiß nur nicht, wann es geschehen wird. Sicher werden die eine Lösung finden."

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  • Was sind Lithium-Ionen-Akkus?

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  • Was sind die Vorteile?

    Lithium-Ionen-Akkus sind meist leichter und auch leistungsfähiger als andere Akkus gleicher Größe, deshalb werden sie gerne in tragbaren Geräten wie Laptops und Handys eingebaut. Auch Autohersteller setzen bei Elektroautos daher auf Lithium-Ionen-Akkus. Zudem haben die Akkus keinen „Memory-Effekt“, das heißt, sie können sehr oft geladen werden, ohne dass ihre Leistung nachlässt. Dafür dürfen sie aber nicht komplett entladen werden.

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    Lithium-Ionen-Akkus sind teurer als herkömmliche wiederaufladbare Nickel-Cadmium-Batterien oder Nickel-Metallhydrid-Akkus. Wird der Lithium-Ionen-Akku überladen, kann er aufheizen und sogar in Brand geraten – ein Problem, das in den vergangenen Jahren schon zu Rückrufen von Laptops und Handys führte. Auch Opel verschob den Start seines Elektroautos Ampera, nachdem es bei abgestellten Testautos zu Bränden gekommen war.

  • Was ist an Bord der Dreamliner

    Experten halten eine Überhitzung auch im Fall der Dreamliner-Batterien für wahrscheinlich. Sie könnte zwei Ursachen haben: Entweder die Batterien selbst sind fehlerhaft oder die Elektronik, in die die Batterien eingebaut sind. Die Untersuchungen der Behörden in Japan und in den USA umfassen beide Szenarien.

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