23.01.13

Berliner Start-up

Wie "GetYourGuide" sich als Goldader entpuppte

Reiseaktivitäten per Online-Portal buchen: Mit dem Start-up "GetYourGuide" gelang fünf Studenten ein Coup in einem Milliarden-Markt. Dabei hatten sie mit Tourismus anfangs gar nichts am Hut.

Foto: Reto Klar

Erfolgsgeschichte: GetYourGuide-CEO Johannes Reck in seinem Berliner Büro
Erfolgsgeschichte: GetYourGuide-CEO Johannes Reck in seinem Berliner Büro

Schaut man sich den Werdegang von Johannes Reck an, würde man nicht vermuten, dass der 28-Jährige heute Chef eines der erfolgreichsten Start-ups Berlins ist. Reck hat in Zürich, Heidelberg und Harvard studiert. Nicht aber Wirtschaftswissenschaften oder International Business.

Nein, der junge Mann mit Fünf-Tage-Bart, kantigem Gesicht und wachen Augen hat einen Master in Biochemie. In seiner Abschlussarbeit schrieb er über molekulare Mechanismen in Verhaltens- und Lernprozessen. Dennoch, dem gebürtigen Kölner und vier seiner Kommilitonen der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich (ETHZ) ist 2008 mit der Gründung des Start-ups GetYourGuide ein Coup in einem Milliardenmarkt gelungen.

Auf der Online-Plattform kann man für seinen Urlaub von zu Hause aus Touren, Ausflüge und sonstige lokale Aktivitäten buchen. Der große Durchbruch kam 2012, in jenem Jahr setzte das Unternehmen rund acht Millionen Euro um.

Einfach nur gern gereist

Bedenkt man, dass die Deutschen Schätzungen zufolge rund ein Drittel ihres Reisebudgets für Unternehmungen am Urlaubsziel ausgeben, muss man sich fragen, wieso vorher noch niemand auf diese Idee gekommen ist. Doch wie es mit guten Ideen oft ist, ahnten auch die fünf Studenten zu Beginn nicht, welche Dimensionen ihr Projekt einmal annehmen würde.

"Wir waren alles, nur keine Touristiker", erzählt Reck heute. Seine Kommilitonen – Elektrotechniker und Informatiker – seien so wie er einfach nur gern gereist. 2008 entschlossen sie sich, mithilfe der ETHZ ein Reiseportal für Studenten aufzubauen. Die ursprüngliche Idee: Studenten sollten in ihren jeweiligen Heimatstädten als Tourguides arbeiten; GetYourGuide sollte sie vernetzen und im Internet auffindbar machen.

Doch statt führungswilliger Studenten meldeten sich andere: "Innerhalb kürzester Zeit haben sich so viele Anbieter von professionellen Sightseeing-Touren gemeldet, die vertrieben werden wollten und bereit waren, Geld dafür zu bezahlen. Da haben wir gemerkt, dass wir auf eine Goldader gestoßen sind", erzählt Johannes Reck. Von da an begann die Gruppe um Reck den Online-Vertrieb von Freizeitaktivitäten zu professionalisieren.

Bereits 2010 unterstütze die Zürcher Kantonalbank und travel.ch-Gründer Roland Zeller das Team von Johannes Reck. 2012 erhält GetYourGuide dann ein Investment in Höhe von zwei Millionen Dollar von Profounders Capital, einer Investoren-Gruppe erfolgreicher Touristikunternehmer wie den Gründern von booking.com und Flugsuchmaschine swoodoo. Mittlerweile kann man mehr als 17.000 Aktivitäten weltweit buchen, von einer Kreuzfahrt auf der Themse bis zur Folklore-Tanzshow in Budapest.

Zürich, Las Vegas – und Berlin

Mit dem Erfolg kam auch der Umzug der Hauptzentrale nach Berlin. GetYourGuide hat zwar nach wie vor einen Sitz in Zürich und ebenfalls in Las Vegas. Doch die meisten der insgesamt 75 Mitarbeiter sitzen heute in einem zweistöckigen Büro-Loft in einem roten Backsteinhaus in der Nähe der Greifswalder Straße.

Die Büroräume sind so groß, dass hier ohne weiteres doppelt so viele Mitarbeiter sitzen könnten. Doch es ist trotz der fehlenden Wände weder laut noch hektisch – lediglich die kleinen Konferenzräume sind mit Glaswänden abgetrennt. Aus der offenen Küche am Kopf des Büros tönt das leise Surren einer Espressomaschine. Daneben befindet sich eine gemütliche Sitzecke mit roten Sofas, Obstschale, Snackbar und Ikea-Stehlampe. Warum die roten Sofas nicht in Zürich stehen, hat für Johannes Reck mehrere Gründe.

Zum einen seien in Berlin die Kosten für einen Unternehmensaufbau verhältnismäßig günstig. Andererseits sei es in Zürich unheimlich schwierig, besonders talentierte Leute für ein kleines Unternehmen zu rekrutieren: "In Zürich ist Google, IBM, selbst Microsoft hat dort einen Standort. Die top zehn Prozent der Leute werden von denen mit unfassbar guten Konditionen vom Markt geholt", sagt Reck.

Marktführerschaft als langfristiges Ziel

In der deutschen Hauptstadt stehe man als Start-up beim Rekrutieren nicht in direkter Konkurrenz zu den Großunternehmen. Außerdem seien die Leute hier schon gut in der Internet-Szene eingearbeitet, der Talente-Pool viel größer als in Städten wie London oder Zürich. "Berlin ist wie San Francisco vor 40 Jahren", vermutet Reck, "die beste Zeit werden die kommenden zehn bis zwanzig Jahren werden."

Der Optimismus ist begründet – zumindest für sein Unternehmen. Erst zu Beginn des Jahres haben die amerikanischen Venture-Kapitalgesellschaften Spark Capital und Highland Capital Partners Europe insgesamt 14 Millionen Dollar (rund zehn Millionen Euro) in GetYourGuide gesteckt. Mit dem Geld will das Unternehmen vor allem weiter wachsen.

"Wir wollen langfristig in Europa und weltweit der Marktführer im Bereich Buchungen von lokalen Aktivitäten werden", lautet der Plan von Johannes Reck. Außerdem stehe 2013 auch im Zeichen der mobilen Endgeräte – es ist wohl davon auszugehen, dass GetYourGuide in diesem Jahr eine eigene App entwickeln wird, um Buchungen auch von unterwegs auf dem Smartphone abwickeln zu können.

Mit der zweiten großen Finanzspritze in Millionenhöhe innerhalb von zwei Jahren ist das Unternehmen derzeit auf der Überholspur – das Arbeitspensum ist dementsprechend hoch, und zwar für alle. Der Umgang mit den Mitarbeitern sei zwar locker und die Hierarchien flach. "Nichtsdestotrotz sind wir extrem leistungsorientiert", sagt Reck. Das Unternehmen sei sehr zahlen- und datenorientiert – jeder Mitarbeiter erhält vierteljährlich ein ausführliches Feedback über den Erfolg einzelner Projekte, an denen er beteiligt war oder ist.

Geschäftsreisen im Grand Canyon

Viel Freizeit bleibt Reck nicht. Doch glücklicherweise führt der 28-Jährige ein Geschäft, dass sein Geld mit der Vermittlung von Freizeitaktivitäten verdient. Und wie jeder gute Chef müsse man selbstverständlich wissen, was man verkauft. "Während meiner Geschäftsreisen muss ich unsere Produkte natürlich auch selbst testen."

Und so lässt sich das Praktische mit dem Angenehmen verbinden. Zum Beispiel bei einem Helikopterflug durch den Grand Canyon oder einer Segway-Tour durch Berlin.

Quelle: dapd
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