23.01.13

Ex-Bundesbankchef

"Wir leben jetzt auf Kosten künftiger Generationen"

In Davos hat das Treffen Tausender Spitzenvertreter aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft begonnen. Ex-Bundesbankchef Weber rechnet mit der Euro-Rettungspolitik ab – die Lage sei "sehr gefährlich".

Von Olaf Gersemann
Quelle: dapd
23.01.13 1:38 min.
Das 43. Weltwirtschaftsforum im schweizerischen Davos hat begonnen. Etwa 2500 Teilnehmer aus mehr als 100 Ländern werden bis zum Ende der Woche erwartet.

Dieses Jahr könnte das erste werden seit 2007, in dem sich keine große Wirtschaftskrise verschärft und keine neu hinzukommt. Im Gegenteil, vielleicht hat die Weltwirtschaft im Großen und Ganzen das Schlimmste hinter sich, bis auf Weiteres jedenfalls.

Diese Hoffnung prägt das diesjährige Weltwirtschaftsforum in Davos, das am Mittwoch begann. "Widerstandsfähige Dynamik" lautet so auch das offizielle Motto der Konferenz in den Schweizer Alpen, zu der fünf Tage lang 2500 Spitzenvertreter aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft zusammenkommen.

Scharfe Kritik an Rettungspolitik

Tatsächlich zeigten die ersten Diskussionsrunden in Davos, dass die Skepsis bei den Wirtschaftsführern nicht verschwunden ist. Und es dauerte auch nur eine Stunde, ehe zum ersten Mal ein prominenter Teilnehmer Wasser in den Wein goss: Axel Weber, mächtiger Verwaltungsratspräsident und vormals ohnmächtiger Bundesbankchef, kritisierte die Euro-Rettungspolitik scharf.

"Ich bin sehr besorgt über die verbreitete Ansicht, dass die Zentralbanken die einzigen Spieler in der Stadt sind. Zentralbanken können Brücken bauen, sie können Liquidität bereitstellen, aber keine Solvenzprobleme lösen", sagte Weber, der vor zwei Jahren aus Frust über die Euro-Rettungspolitik als Präsident der deutschen Notenbank zurückgetreten war.

"Gefährliches Umfeld"

Die Debatten über die Lösung der Schuldenkrisen beiderseits des Atlantiks würden "absurde Dimensionen" erreichen, so Weber. "Wir bewegen uns auf ein sehr gefährliches Umfeld zu", in dem hohe Verschuldung von Privatsektor, Banken und Staaten durch noch mehr Verschuldung zu lösen versucht werde. "Wir kaufen uns nur Zeit. Wir leben jetzt auf Kosten künftiger Generationen. Das ist keine langfristig nachhaltige Lösung."

Hochrangige Vertreter des Finanzsektors, die mit Weber in Davos diskutierten, teilen die Sorgen des früheren Wirtschaftsprofessors. Der Preis langfristiger Schulden in den USA und Europa werde durch die Praxis der Zentralbanken, Staatsanleihen aufzukaufen, "stark verzerrt", sagte Paul Singer, Gründer und Chef des amerikanischen Hedgefonds Elliott Management. Die Entscheidungsträger in den Regierungen seien "zu dem Glauben verführt worden, dass diese Politik nichts kosten werde".

Bank-Chef Dimon ist optimistisch

Jamie Dimon, Chef der US-Großbank JP Morgan, zeigte sich verhalten optimistisch. Europa habe sich "stabilisiert", die US-Wirtschaft sei sogar "in ziemlicher guter Verfassung". Doch auch Dimon hält die Schuldenprobleme beiderseits des Atlantiks für ungelöst. "Die Amerikaner wissen, was zu tun ist, sie bringen nur den Willen nicht auf. Die Europäer haben den Willen, aber da es keine Alternative zum Euro gibt, wird es wirklich kompliziert für sie", sagte der Banker. "Wenn wir alles richtig machen, könnten wir da noch rauskommen." Wenn nicht, könne die Krise noch volle zehn Jahre dauern.

Deutlich wurde auch, dass auch ein halbes Jahrzehnt nach Beginn der Weltfinanzkrise immer noch keine Einigkeit herrscht darüber, wie solche Krisen verhindert werden können. "Der Finanzsektor ist weiterhin zu groß", sagte Zhu Min, der Vizechef des Internationalen Währungsfonds (IWF).

Die Produkte der Finanzdienstleister seien weiterhin "zu kompliziert", auch das Schattenbankensystem sei noch nicht verschwunden. Der gesamte Sektor "habe noch immer einen weiten Weg vor sich".

Marktgläubigkeit beim Kapitalistentreff

"Wir sollten das Kind nicht mit dem Bade ausschütten", hielt Tidjane Thiam, Chef der britischen Versicherungsgruppe Prudential dem entgegen. "Niemand kann sagen, was die optimale Größe der Bankenbranche ist." Zugleich mahnte Thiam die Aufsichtsbehörden zu mehr Bescheidenheit: "Wer versucht, Finanzkrisen für immer zu verhindern, verschwendet seine Zeit."

Das Publikum im Saal sah das offenbar ähnlich. Von der Moderatorin gefragt, ob es mehr Regulierungen des Finanzsektors geben müsse, gingen nur wenige Hände hoch. Deutlich mehr Zuschauer hoben die Hand, als sie gefragt wurden, ob es stattdessen weniger, aber bessere Regulierung geben müsse.

Da konnte IWF-Vertreter Min nur noch resigniert seufzen ob der Marktgläubigkeit bei dem Kapitalistentreff: "Das ist halt Davos."

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    Die Jahrestagung des Weltwirtschaftsforums (WEF) im Schweizer Kurort Davos gehört zu den wichtigsten Treffpunkten für Spitzenpolitiker, Top-Manager und Wissenschaftler aus aller Welt. Erklärtes Ziel des WEF (World Economic Forum) ist es, „den Zustand der Welt zu verbessern“. Bei öffentlichen Seminaren sowie bei vertraulichen Begegnungen geht es um Lösungsansätze für globale Herausforderungen. Das dabei mögliche „Networking“, das Knüpfen beruflicher und geschäftlicher Kontakte, gilt als wichtiger Nebeneffekt.

  • Gründung

    Gegründet wurde das WEF von dem Wirtschaftsexperten Klaus Schwab. 1971 organisierte der im oberschwäbischen Ravensburg geborene Sohn eines Schweizer Fabrikdirektors auf eigenes finanzielles Risiko ein Symposium für europäische Unternehmer. Später legte er den Schwerpunkt auf allgemeine wirtschaftliche und politische Fragen und gründete die WEF-Stiftung.

  • Treffen

    Das Jahrestreffen in Davos ist deren bekannteste Aktivität, aber längst nicht die einzige. Zum WEF-Jahresreigen gehört das Treffen der „New Champions“ in China. Auch zu diesem „Davos für Schwellenländer“ reisen Entscheidungsträger aus etlichen Staaten an. Hinzu kommen spezielle Treffen für Südamerika, Ostasien und Indien, den Nahen Osten, Eurasien sowie Afrika.

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