23.01.13

Davos

Wirtschaftselite hat Angst vor der Straße

Die Vorstandschefs aus aller Welt fürchten soziale Unruhen. Beim Weltwirtschaftsforum in Davos, das am Mittwoch begann, dominiert die Angst.

Von Florian Eder
Foto: dpa

Sicherheitskräfte riegeln den Kurort hermetisch ab
Sicherheitskräfte riegeln den Kurort hermetisch ab

Was fürchten Sie als Vorstandschef eines großen Wirtschaftsunternehmens am meisten? Auf diese Frage könnte es viele Antworten geben, zum Beispiel das Auseinanderbrechen der Euro-Zone, eine Rezession in den USA, die Verlangsamung des Wachstums in China, Naturkatastrophen. Die häufigste Antwort, die die Führungskräfte geben, ist allerdings folgende: größere soziale Unruhen dort, wo Krisen hart zuschlagen.

75 Prozent der Befragten nennen das als das schlimmstes mögliche Ereignis. Erst danach kommt die Sorge vor einer Rezession in den USA (67 Prozent) und eine Abkühlung in China – beides wohl schon eingepreist, im Gegensatz zur unberechenbaren Lage auf den Straßen der rezessionsgeplagten Länder auch Europas. Die Wirtschaftselite hat neue Sorgen.

Mit einem Auf und Ab der Wirtschaft ist doch immer irgendwie umzugehen. Und auch wenn Griechenland gerettet ist, selbst wenn der Euro-Raum vorerst zusammenbleiben will: Die Frage drängt, zu welchem Preis die momentane Ruhe an der Währungsfront erkauft ist, und sie stellt sich der globalen Business-Elite mit einiger Wucht. Das zeigt recht deutlich die 16. Ausgabe der "Global CEO Survey", einer Umfrage der Beratungsgesellschaft PwC unter gut 1300 Vorstandschefs weltweit.

Jugendarbeitslosigkeit bereitet Sorgen

Bei mehr als 50 Prozent liegt die Jugendarbeitslosigkeit in Griechenland und Spanien, Teile Italiens und Portugals sind kaum besser dran. Die Sorge, das könne für Friktionen sorgen, für Zorn auf der Straße, ist spürbar. Beim World Economic Forum (WEF), das am heutigen Mittwoch in Davos begonnen hat, treibt die Teilnehmer deshalb vor allem eines um: Wie lange lassen sich diejenigen, für die die Folgen der Schuldenkrise ihrer Länder persönliche Perspektivlosigkeit bedeuten, noch mit der Aussicht auf gesunde Staatsfinanzen und eine Zukunft für kommende Generationen beruhigen?

Auch die Politik fragt sich das längst: Die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit vor allem unter jungen Menschen nannte der am Montagabend gewählte neue Chef der Euro-Gruppe, Jeroen Dijsselblom, als eine seiner Prioritäten. Die Strukturreformen der europäischen Krisenländer, verbunden mit der Rezession, in der weite Teile der Euro-Zone stecken, haben zunächst Jobs vernichtet. Langsam zwar beginnen sie zu wirken, bauen Vertrauen auf in den Staat, ohne das Unternehmen ungern investieren. So sehen es Politiker wie Italiens amtierender Regierungschef Mario Monti und Spaniens Wirtschaftsminister Luis de Guindos. Doch die Konzernchefs, merken die schon etwas davon, sind sie bereit, an Besserung zu glauben?

Überregulierung als Bedrohung

Die Aussichten auf Wachstum, Voraussetzung für neue Arbeitsplätze in der Privatwirtschaft, sehen die Vorstandschefs weltweit nüchtern. Lediglich knapp ein Fünftel der Vorstandschefs rechnet für das Jahr 2013 mit einem weltweiten Aufschwung. 28 Prozent fürchten dagegen eine Verschlechterung der Wirtschaftslage – und weltweit 70 Prozent der Befragten planen in diesem Jahr Programme zur Kostensenkung in ihren Unternehmen.

Noch größer ist die Sorge vor einem weiteren Abschwung bei den Westeuropäern, und auch die Deutschen können sich der Krise und ihren Folgen kaum entziehen. Von den befragten deutschen Vorstandschefs ist fast die Hälfte pessimistisch, was die Aussichten der Gesamtwirtschaft angeht. "Insgesamt sind die deutschen Manager da skeptischer als ihre Kollegen weltweit", sagt Norbert Winkeljohann, Sprecher des Vorstands von PwC Deutschland.

Die Zuversichtswerte liegen weit unter den optimistischen Prognosen aus der Zeit, in der die Graphen stets nur aufwärts zu zeigen schienen, die Zeit vor dem Herbst 2008, als die Insolvenz der Investmentbank Lehman Brothers die Wende nach unten einleitete. Die Einschläge hörten ja nicht auf: Schweinegrippe, Tsunami in Japan und die Atomkatastrophe von Fukushima, im vergangenen Jahr der Hurrikan "Sandy", der die Ostküste der USA verwüstete, alles neben der Schuldenkrise in Europa und zwei Hilfsprogrammen für das klamme Griechenland.

Amerikaner zuversichtlicher als Europäer

Genauer allerdings als die allgemeine Lage sollten Vorstandschefs die Chancen ihres eigenen Unternehmens beurteilen können. Die Umfrage, die am Dienstagabend in Davos präsentiert werden sollte, belegt: Auf die eigene Kraft verlassen sich Spitzenmanager noch eher. Mehr als ein Drittel von ihnen ist "sehr zuversichtlich", in den kommenden zwölf Monaten expandieren zu können. 2012 waren es mit 40 Prozent noch leicht mehr, 2011 lag der Wert noch bei knapp der Hälfte. In Westeuropa aber glaubt nur ein gutes Fünftel an eine Umsatzsteigerung im Lauf des Jahres, ein deutlicher Rückgang seit 2012.

Die Europäer stellen mit gut 300 von 1300 Befragten eine der größten Gruppen. Es war ein ernüchterndes Jahr für sie, und das gilt auch für die deutschen Spitzenmanager. Mit 31 Prozent der Befragten liegt Deutschland zwar auf dem sechsten Platz der größten Optimisten weltweit, und im europäischen Vergleich damit ganz vorne. Selbst in den USA sehen weniger Manager ihr Unternehmen 2013 auf Wachstumskurs. 2012 aber glaubte noch fast die Hälfte der Deutschen an steigende Umsätze. "Wachstum bedeutet nicht unbedingt Umsatzwachstum", sagt Peter Terium dazu, Chef des Energieversorgers RWE. "In unsicheren Zeiten wie diesen legen wir mehr und mehr Aufmerksamkeit auf Gewinnwachstum."

Schädlich für die Aussichten sind laut der Umfrage vor allem vier Dinge: Weltweit fürchtet eine große Mehrheit von 62 Prozent der Befragten eine steigende Steuerlast und gleichzeitig sinkende Auftragszahlen von der öffentlichen Hand – und sie fürchten, dass Regierungen dafür Vorschriften und Auflagen verschärfen. Beides, Mehrausgaben und Überregulierung, fürchten die CEOs im weltweiten Durchschnitt auch bei den Energiekosten.

Gerade die deutschen Teilnehmer sorgen sich um den Erfolg der Energiewende. Ein weiteres aufschlussreiches Ergebnis der Studie ist: In unsicheren Zeiten vertraut die Wirtschaftselite nicht mehr recht darauf zu wissen, was ihre Kunden genau wollen. "Änderungen im Kundenverhalten", Konsumausgaben eingeschlossen, versteht sich, sind eine weitere große Bedrohung für das Wachstum.

© Berliner Morgenpost 2014 - Alle Rechte vorbehalten
P.S.: Sind Sie bei Facebook? Dann werden Sie Fan von der Berliner Morgenpost.
Die Favoriten unseres Homepage-Teams

Top-Thema
title
Die besten Berlin-Videos

Das sind die Youtube-Favoriten der Redaktion.

Video Nachrichten mehr
Sonderabgabe Zukunft des "Soli" spaltet Länderchefs
Ebola Dieses Flugzeug soll Leben retten
Fans besorgt Angelina Jolie hat gesündigt
Per Zufall Bibliothekar findet Shakespeare-Original
Top Bildershows mehr
Willkommen in Berlin

Hurra, ich bin da! Das sind Berlins süße Babys

Fotogalerie

Das sind die Berliner Bilder des Tages

Jeden Tag

Kopfnoten für Politiker, Manager und Prominente

Transport mal anders

Unterwegs per Elektro-Einrad oder schwimmendem Bus

In eigener Sache
Weitere Morgenpost Angebote