23.01.13

Nach BER-Debakel

Bosch-Chef fürchtet um Ruf der deutschen Industrie

Nach einem enttäuschenden Jahr 2012 soll bei Bosch ein Sparprogramm den erhofften Gewinnsprung auslösen. Konzernchef Denner weist jede Schuld am Debakel um den Hauptstadtflughafen zurück.

Foto: dpa

Volkmar Denner ist seit einem halben Jahr Vorsitzender der Geschäftsführung bei Bosch
Volkmar Denner ist seit einem halben Jahr Vorsitzender der Geschäftsführung bei Bosch

Volkmar Denner ist seit einem halben Jahr "G1". So wird hausintern bei Bosch der Vorsitzende der Geschäftsführung abgekürzt. Der Start als Unternehmenschef hätte für den 56-Jährigen Naturwissenschaftler besser verlaufen können. Die Entwicklung des Geschäftsverlaufs 2012 sei "nicht zufriedenstellend" gewesen, sagte Denner beim traditionellen Kamingespräch mit Journalisten in Stuttgart. Man habe zu spät auf den Abschwung reagiert. Bosch verfehlte seine eigenen Umsatz- und Gewinnerwartungen deutlich.

Das Unternehmen, das zu 92 Prozent der Bosch-Stiftung gehört, konnte lediglich mit einem Umsatzplus von 1,6 Prozent auf 52,3 Milliarden Euro (2011: 51,5 Milliarden Euro) aufwarten. Das Ergebnis vor Finanzergebnis und Steuern (Ebit) lag bei gerade einmal zwei Prozent vom Umsatz und damit bei rund 1,1 Milliarden Euro.

Damit hat Bosch das Ziel, das hausintern "Doppel-Acht" genannt wird, deutlich verfehlt. Demnach soll der Umsatz jährlich um acht Prozent zulegen und die Ebit-Rendite bei acht Prozent liegen.

Lage in Europa schwierig

Mit großartigen Wachstumsimpulsen für 2013 rechnet Denner nicht. Das Umsatzplus wird seinen Prognosen zufolge leicht höher als noch 2012 liegen. So bleibe die Lage in Europa auf Jahre schwierig, auch weil die Schuldenkrise nicht abschließend gelöst sei.

Die Bosch-Prognose zum Jahresanfang wird traditionell beachtet, da der Zulieferer in vielen Branchen zuhause ist und einen Trend vorgibt. Der lautet: Wer Gewinn machen will, sollte sich aufs Sparen und schlankere Strukturen konzentrieren und nicht unbedingt auf Wirtschaftswachstum setzen.

Bosch macht mehr als die Hälfte seines Umsatzes in Europa. Das Europa-Geschäft werde auf Jahre allenfalls schwach wachsen oder stagnieren. Die Konsequenz für Bosch: Man werde gezielt alle Standorte in Europa auf den Prüfstand stellen, allerdings "nicht mit der Rasenmähermethode" vorgehen, sagte Denner.

Kein konkretes Sparziel genannt

Das Finanzergebnis lag, vor allem gespeist aus dem Verkauf des Anteils am japanischen Konkurrenten Denso, bei 1,5 Milliarden Euro. Zwölf Milliarden Euro hat Bosch derzeit auf der hohen Kante. Bosch will sich 2013 darauf konzentrieren, die Ertragskraft zu erhöhen. Denner stellte eine "deutliche Ergebnisverbesserung" in Aussicht.

Was nur möglich ist, wenn das Unternehmen die Kosten stark drückt. Man werde sich die Fixkosten "sehr genau" anschauen und restriktiver als bisher vorgehen bei Investitionen und Unternehmenszukäufen. Anders als etwa Siemens, das bis 2014 insgesamt sechs Milliarden Euro einsparen will, nannte Bosch jedoch kein konkretes Ziel.

Teures Solargeschäft

Richtig teuer wird für Bosch der Ausflug in die Solarenergie. Der Geschäftsbereich Fotovoltaik verursachte 2012 ein Minus von gut einer Milliarde Euro. Der ruinöse Preiskampf mit Billiganbietern aus Asien setzt den Stuttgartern zu. Die Sonderabschreibung lag 2012 bei 600 Millionen Euro, der operative Verlust bei 450 Millionen Euro.

Damit hat Bosch bei Solar Energy seit 2009 insgesamt zwei Milliarden Euro verloren. Man prüfe nun alle Alternativen, sagte Denner – und schloss damit einen Ausstieg nicht aus. Bei Bosch sind in diesem Bereich 3000 Mitarbeiter tätig. Siemens hatte sich kürzlich nach hohen Verlusten aus dem Solargeschäft verabschiedet.

Probleme beim BER

Wenig erfreulich ist auch Boschs Einsatz am Berliner Flughafen. Denner verwahrte sich jedoch gegen Kritik, sein Unternehmen trage Mitschuld an dem Debakel. Die von Bosch gelieferten Teile der Brandschutzanlage funktionierten, und für Planungsfehler trage man keine Verantwortung.

"Wir helfen, wo wir können", sagte Denner, der allerdings einräumen musste, dass das Desaster auch am Image kratze. "Wir machen uns Sorge, dass der Ruf der Industrie leidet." Das Auftragsvolumen von Bosch beim Flughafen – neben Brandschutztechnik stellt Bosch die Videoüberwachung und die Technik für die Zutrittskontrollen – liegt bei gerade einmal 30 Millionen Euro.

Zahl der Mitarbeiter soll konstant bleiben

Bei Bosch sind heute weltweit 306.000 Mitarbeiter tätig, darunter 119.000 in Deutschland. In diesem Jahr will Bosch in Deutschland die Zahl der Mitarbeiter konstant halten. Im Dezember waren hierzulande rund 6000 Mitarbeiter in Kurzarbeit. "Das kann uns 2013 wieder blühen", so Denner.

Eine im Dezember getroffene Vereinbarung mit den Arbeitnehmervertretern soll jedoch dafür sorgen, dass Bosch ohne betriebsbedingte Kündigungen auskommt. Das Abkommen sieht vor, dass Bosch auch noch dann ohne gesetzliche Kurzarbeit auskommt, wenn der Umsatz um ein Fünftel einbricht. Der Beitrag der Mitarbeiter wäre dann allerdings ein entsprechender Lohnverzicht bei geringerer Arbeitszeit.

Bosch müsse flexibler werden, um schneller als bislang auf plötzliche Einbrüche reagieren zu können, sagte Denner. Das Unternehmen brauche "mehr Agilität".

Bosch forscht an Batterietechnik

Die wichtigste Säule bleibt bei Bosch weiterhin das Geschäft als Autozulieferer, das leicht wuchs. Die Kraftfahrzeugtechnik steuerte 30,9 der 52,3 Milliarden Euro vom Umsatz bei.

An einen schnellen Siegeszug des Elektroautos glaubt Denner nicht. Erst nach 2020 rechne er mit einer stärkeren Nachfrage nach Elektro- und Hybridfahrzeugen. Dann könnten allerdings zwölf Millionen elektrifizierte Fahrzeuge weltweit auf den Straßen unterwegs sein. Bosch hatte zuletzt seine Zusammenarbeit mit Samsung bei Lithium-Ionen-Batterien beendet, forscht aber weiter an der Batterie-Technologie.

Firmenkultur soll verändert werden

Der promovierte Physiker, der seit 26 Jahren bei Bosch tätig ist, will ein Stück weit auch die legendäre Firmenkultur "beim Bosch" verändern. So forderte er gleich zum Start alle Mitarbeiter auf, ihm direkt ("Straight-to-G1") im Intranet zu schreiben, was sie bei Bosch bewahren, was verändern wollten.

Er sei von der Reaktion überwältigt gewesen. Der verstärkte Einsatz sozialer Netzwerke soll im Haus zu einer neuen Diskussionskultur führen. Von einer Bosch-Institution hat sich Denner inzwischen verabschiedet.

So ist ein Aufzug in der Zentrale auf der Schillerhöhe nun nicht mehr ausschließlich den Vorständen vorbehalten. Auch das will Denner – er ist erst der siebte Unternehmenschef sei Gründervater Robert Bosch – als Aufbruchssignal verstanden wissen.

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