22.01.13

St. Moritz

Prominente lieben den Glamour – und die Tradition

Das erste Luxus-Hotel in den Alpen, das weltweit erste Pferderennen: Der Schweizer Nobelort bleibt sich treu, setzt auf elitären Wintersport und Prominenz – und das durchgängig seit rund 150 Jahren.

Foto: picture-alliance

Elegant und exklusiv in kosmopolitischem Ambiente – das ist St. Moritz im schweizerischen Engadin.

26 Bilder

"Manchmal frage ich mich, wenn ich so die Berge sehe, wozu überhaupt noch die ganze Kultur da ist." Ganz so abwegig ist es ja nicht, was der 18-jährige Walter Benjamin während seines Aufenthalts in St. Moritz im Juli 1910 notierte.

Seither sind etwas über 100 Jahre vergangen, aber selbst routinierten Jetset-Nomaden verschlägt der Anblick des von Corvatsch und Corviglia, Schafkopf und Piz Nair umfangenen Tals stets von Neuem den Atem. Und Sorgen, dass man hier oben, 1856 Meter über dem Meer, ins kulturelle Abseits gerät, muss sich niemand machen.

Dafür sorgt schon der Pioniergeist dieser cleveren Alpenkommune, die es seit über eineinhalb Jahrhunderten versteht, der alpinen Konkurrenz immer wieder die Schau zu stehlen: 1856 das erste Luxus-Hotel in den Alpen, 1878 das erste elektrische Licht der Schweiz, 1882 die ersten Eislauf-Europameisterschaften, 1907 das weltweit erste Pferderennen und 1985 das erste europäische Poloturnier auf einem gefrorenen See.

Der längste Eiskanal der Welt

Und in diesem Jahr, vom 21. Januar bis 5. Februar zum 20. Mal die Bobweltmeisterschaft, die nur hier noch auf einer Natureisbahn ausgetragen wird, dem legendären, 1890 erstmals aufgeschichteten "Cresta Run", dem ältesten und längsten Eiskanal der Welt.

Natürlich ist es eine Plattitüde, aber ohne Geld wäre St. Moritz nicht zu dem geworden, was es ist: Top of the World, jene Marke, die sich die 5000-Seelen-Gemeinde 1987 inklusive Namenszug und Signet hat schützen lassen, gewissermaßen als Obligo für das ihr einmal von der Zürcher "Weltwoche" zugeschriebene Talent, "langfristig jedes Malheur in eine Goldgrube zu verwandeln".

Dabei hatte alles mit einer Wette begonnen, in der Geld nur insoweit eine Rolle spielte, als der Hotelier Johannes Badrutt im Herbst 1864 seine englischen Gäste mit der Verheißung irritierte, sie würden auch im Winter hemdsärmelig auf seiner Terrasse die milde Engadiner Sonne genießen können, andernfalls übernehme er die Reisekosten.

Die Engländer tauchten zu Weihnachten tatsächlich auf, reisten nach Ostern braun gebrannt wieder heim – und Badrutt hatte so ganz nebenbei den Wintertourismus in den Alpen erfunden.

Prominente Gäste von Chaplin bis Karajan

322 Sonnentage im Jahr waren schon damals ein Argument, das ungeachtet der wechselvollen Geschichte mit Weltwirtschaftskrisen und Weltkriegen für einen steten Zustrom illustrer Gäste sorgte: Auf den Hütten und Skipisten, im Dorf und auf verschneiten Pfaden traf man die Stars ihrer Zeit, Caruso, Chaplin, Hitchcock, Marlene Dietrich, Karajan.

Der Geldadel kommt noch immer, er nächtigt allerdings nicht mehr in den großen Hotels, sondern verteilt sich entlang der Via Suvretta, wo die Villen mit 50, 60 Millionen Franken gehandelt werden. Dort oben bleibt man unter sich.

Unten im Dorf geht es geschäftig zu: Bucherer sorgt für die größte Auswahl an Schweizer Uhren, Hatecke gleicht mehr einer Boutique als einer Metzgerei, und die Confiserien Hauser und Hanselmann sind immer noch erste Adressen für die Engadiner Nusstorte.

"Was die heutige Zeit von früher unterscheidet, ist weniger der Reichtum, es ist das Publikum", sagt der 87-jährige Hartly Mathis, der 1967 auf der Corviglia in 2486 Meter Höhe sein legendäres Gourmetrestaurant eröffnete, das heute von Sohn Reto als wohl exklusivstes Gipfelrestaurant der Welt fortgeführt wird.

Exzentriker sind rar geworden

Vorbei die Zeiten, als Hans Bon im "Suvretta House" auf seinem Örgeli aufspielte und die Gäste bis in den frühen Morgen unterhielt. Individualisten und Exzentriker, sagt Hartly Mathis, die wenig Scheu haben, aus sich herauszugehen, seien inzwischen rar geworden. Selbst die Skilehrer seien nicht mehr das, was sie einmal waren: halb Entertainer der ganzen Familie, halb sonnengegerbte Naturburschen, die sich um einsame Millionenerbinnen kümmerten.

"Treu bis zum Bahnhof", lautete die Parole der schneidigen Seelenmasseure. Fridli Wyss, ein unverwüstlicher Schlingel von ansteckender Vitalität, der 1951 als Skilehrer anfing, bekennt: "Alle waren viel weniger seriös als heute, die Gäste wie die Skilehrer."

Damals hatte die Suvretta-Skischule, die Wyss jahrelang leitete, 50 Skilehrer, heute sind es 200. "Tagsüber fuhr man Ski, abends saß man mit Audrey Hepburn und ihrem Mann Mel Ferrer oder den griechischen Reedern Onassis, Livanos und Niarchos beisammen und hatte es lustig."

Beim Gang zum Frühstück klingt die knarrende Holztreppe wie ein Bekenntnis, dass auch nach Dutzenden Millionen Franken, die in die Renovierung geflossen sind, der Geist des Hauses nicht verschwindet. Kein Wow-Effekt im Design, kein Schickimicki in den Umgangsformen. "Es gibt Familien", sagt Martin Candrian, dessen Vorfahren im Dezember 1912 das "Suvretta House" eröffneten, "die bereits in vierter Generation hier zu Gast sind."

Alles dreht sich um das Wohlergehen der Gäste

Das Geheimnis einer solchen Herberge ist Beharrlichkeit. Seit nun über 20 Jahren führen Vic und Helen Jacob das Hotel. Wie Helen Jacob sich persönlich um das Wohlergehen der kleinen Gäste sorgt (der "Teddy Club", mit dem sie ein eigenes Kinderrestaurant einrichtete, ist nur ein Beispiel), wie Vic Jacob für einen Gast schon mal Schneeketten montiert oder sich jedes Jahr im Juli für das British Classic Car Meeting engagiert – all das wäre bei einer Hotelkette unvorstellbar.

Und es gelten noch Regeln. Etwa im "Grand Restaurant", wo 1919 der berühmte Balletttänzer Nijinsky in schwarzem Pyjama und weißen Tanzstiefeln vor 200 Gästen seine letzte Aufführung gab.

Abendgarderobe erwünscht, aber nicht obligatorisch

Hier tragen die Herren noch immer dunklen Anzug mit Krawatte, zum Dinner am Sonntag aber Smoking, und die Damen erscheinen im Abendkleid. Dresscode im 21. Jahrhundert? In den anderen Hotellegenden, wie dem von Johannes Badrutt gegründeten "Kulm Hotel" oder dem "Waldhaus" in Sils, ist er zwar erwünscht, jedoch nicht obligatorisch.

Doch Vic Jacob bleibt dabei: "Sie werden es nicht glauben, aber nicht wenige kommen genau deswegen zu uns, weil sie diese Regeln heute vermissen. Wir sehen das als kulturelle Tradition."

Die Teilnahme an der Reise wurde unterstützt vom "Suvretta House". Unsere Standards der Transparenz und journalistischen Unabhängigkeit finden Sie unter www.axelspringer.de/unabhaengigkeit

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