21.01.13

Vor Hauptversammlung

Aktionäre zweifeln an Siemens-Chef Löscher

Peter Löscher gilt als einer der Wortführer der deutschen Wirtschaft und fuhr zuletzt Top-Ergebnisse ein. Trotzdem bröckelt das Vertrauen.

Foto: picture alliance / dpa

In der Kritik: Siemens-Chef Peter Löscher (l.) und der Aufsichtsratsvorsitzende, Gerhard Cromme
In der Kritik: Siemens-Chef Peter Löscher (l.) und der Aufsichtsratsvorsitzende, Gerhard Cromme

Peter Löscher ist jemand, der sich gerne zu Wort meldet. So drängt er die Bundesregierung immer wieder, die Energiewende endlich anzupacken. Oder er fordert, wie jüngst, ein höheres Tempo bei der europäischen Integration. Kraft seines Amtes als Siemens-Chef ist der 55-jährige Österreicher einer der Wortführer der deutschen Wirtschaft. Dass er jedoch in eigener Angelegenheit spricht, ist ungewöhnlich. "Ich bin der Kapitän, und der steht auf der Brücke", sagte er nun in einem Interview. Und auf die Frage, ob im Vorstand gegen ihn eine "Palastrevolte" drohe, entgegnete er: "Das ist Humbug!"

Löscher antwortete mit dem Interview auf eine Titelgeschichte des "Manager Magazins". Und dass er dies überhaupt tat, sagt schon viel aus. In dem Artikel ist von "Führungschaos bei Siemens" die Rede. Löscher sei "überfordert", sein oberster Aufseher Gerhard Cromme "angeschlagen". Insofern dürfte der kommende Mittwoch in der Olympiahalle spannend werden. Dort werden Tausende Aktionäre zur Hauptversammlung des größten deutschen Industriekonzerns erwartet.

Siemens-Aufsichtsratschef Cromme unter Druck

Die Führung von Siemens steht unter Druck. Nicht allein Aufsichtsratschef Cromme, für den in der vergangenen Woche schon die Hauptversammlung bei ThyssenKrupp unangenehm war. Cromme kandidiert, obwohl bald 70 Jahre alt, für eine weitere Amtszeit. Aktionärsschützer kritisieren das. "Siemens hat mit der Neubesetzung im Aufsichtsrat die Chance vertan, das Gremium zu verjüngen und endlich einen Generationenwechsel herbeizuführen", sagt Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, der Berliner Morgenpost. Das Durchschnittsalter liege derzeit bei 64 Jahren, und der geringe Frauenanteil – zwei von zehn Mitgliedern auf der Kapitalseite – sei auch "nicht gerade vorbildlich".

Zudem wird mittlerweile immer lauter gefragt, ob Peter Löscher wirklich der richtige Mann auf seinem Posten ist. Zwar konnte er im vergangenen Jahr mit 5,2 Milliarden Euro Gewinn aus fortgeführten Aktivitäten das zweitbeste Ergebnis der Firmengeschichte vermelden. Allerdings musste er auch eingestehen, dass im Konzern nicht alles so lief, wie er sich das vorstellt.

Erhöhte Kosten bei Nordsee-Windparks

Es sind immer wieder Großbaustellen, die dem Unternehmen zusetzen. Rund 500 Millionen Euro kosteten bereits die Verzögerungen bei der Anbindung von Windparks in der Nordsee an das Stromnetz. In das Solargeschäft stieg der Konzern 2009 mit der Übernahme des israelischen Solarthermie-Spezialisten Solel ein, um 2012 den Ausstieg zu verkünden. Auch dieses Abenteuer kostete einen satten dreistelligen Millionenbetrag. Besonders ärgerlich, weil es im Blickpunkt der Öffentlichkeit stand: Siemens schaffte es nicht, rechtzeitig neue ICE-Züge an die Bahn zu liefern. Auch hier sammeln sich jetzt Belastungen in Millionenhöhe an.

Am Mittwoch stellt sich Löscher nicht nur den Aktionären des Unternehmens, er verkündet auch die Zahlen für das erste Quartal (Oktober bis Dezember). Teuer dürfte nochmals das ICE-Debakel werden. Da könnte noch eine Summe um die 70 bis 100 Millionen Euro auflaufen. Was andererseits positiv ist: Siemens soll im ersten Quartal, wie es heißt, wieder mehr Aufträge an Land gezogen als abgearbeitet haben.

Ein Jahr der Aufräumarbeiten

2013 ist für Siemens ein Jahr der Aufräumarbeiten. Die Analysten der Deutschen Bank sprechen denn auch von einem "Übergangsjahr". Allerdings einem mit hohen Ausgaben. Denn das Effizienzprogramm "Siemens 2014" soll in diesem Jahr mit einer Milliarde Euro zu Buche schlagen. Zu den Aufräumarbeiten gehört auch, dass die Lichttochter Osram an die Börse gebracht wird – sofern die Siemens-Aktionäre am Mittwoch wie erwartet mit Dreiviertelmehrheit für die Abspaltung von Osram stimmen.

Viel entscheidender als Osram ist für Löscher jedoch das Effizienzprogramm "Siemens 2014", das sechs Milliarden Euro bringen soll. Denn es wurde aufgelegt, weil die Konkurrenz zu enteilen droht. Ob General Electric oder ABB: Die Rivalen sind derzeit besser unterwegs. So konnte GE im vierten Quartal den Umsatz um vier Prozent auf 39,3 Milliarden Dollar steigern und den Gewinn um acht Prozent auf vier Milliarden Dollar. Siemens hingegen konnte im vergangenen Jahr ein Umsatzplus von sieben Prozent nicht in einen Gewinnanstieg ummünzen. Für dieses Jahr ist Löschers Prognose verhalten: Umsatz in etwa wie 2012, Gewinn allerdings nur noch bei 4,5 bis fünf Milliarden Euro.

Löscher spricht von "unfairer" Kritik

Das Urteil der Aktionäre fällt daher auch nicht positiv aus. "Generell darf es natürlich nicht sein, dass wir hohes Umsatzwachstum haben, aber auf der Ergebnisseite kein Wachstum sehen", sagt Daniela Bergdolt, die traditionell als eine der ersten bei Siemens-Hauptversammlungen spricht. Ist Siemens damit schon ein Problemfall? Bergdolt sagt, man klage "auf hohem Niveau". Und Löscher sieht die Kritik an seiner Person als "unfair und ungerecht" an. "Natürlich ist uns im letzten Jahr nicht alles gelungen, aber uns ist sehr vieles gelungen", sagt er.

Die Analysten von J.P. Morgan kritisieren jedoch, Siemens habe zu spät auf das nachlassende Wirtschaftswachstum reagiert. Ein reines Kostensenkungsprogramm werde nun nicht reichen, um die im Vergleich zur Konkurrenz schwachen Margen dauerhaft zu verbessern. Dafür seien die Probleme zu vielschichtig.

Siemens-Umsatz soll auf 100 Milliarden Euro steigen

Die Frage ist nun, ob Löscher das Unternehmen voranbringen wird. Er hat das Ziel ausgegeben, den Umsatz von derzeit 78 auf 100 Milliarden Euro zu steigern. An der Zielgröße "100" wird nicht nur er gemessen. Sie hatte auch dafür gesorgt, dass Siemens-Geschäftsbereiche Aufträge annahmen, die zwar Umsatz brachten, aber kaum Gewinn. "Die 100 Milliarden waren immer nur ein Sekundärziel. Wachstum und Größe sind kein Ziel an sich", sagt Löscher nun. Ihm gehe es um "ertragsstarkes, kapitaleffizientes Wachstum".

Mit dem Programm, das den Absturz ins Mittelmaß verhindern soll, hat Löscher jedenfalls die Chance, zu beweisen, dass er mehr ist als der oberste Diplomat des Konzerns, für den ihn manche Kritiker halten. Dem Konzernchef wird ein präsidialer Führungsstil nachgesagt. Er treffe sich gerne mit den Großen der Welt, verstehe aber die Siemens-Wirklichkeit weit weniger gut. Einer der Gründe für die geballte Kritik dürfte sein, dass er auch nach fünfeinhalb Jahren bei Siemens nicht über die Hausmacht wie andere lang gediente Siemensianer in der obersten Führungsebene verfügt.

Daher wird darüber spekuliert, ob es nicht geeignete Nachfolger gebe. So wird Finanzchef Joe Kaeser die Rolle des Kronprinzen zugesprochen. Und alleine die Tatsache, dass der sich vor der Bilanzpressekonferenz im Herbst den Schnauzer wegrasierte, sorgte für das Gerücht, er sei auch auf eine berufliche Veränderung aus. Peter Löscher, dessen Vertrag noch bis 2017 läuft, wiegelt jedenfalls ab, wenn er auf Rivalitäten im Topmanagement angesprochen wird. "Am Ende haben wir stets jede Entscheidung einstimmig getroffen", sagt er. Und Joe Kaeser? Der sei ein "exzellenter Finanzvorstand".

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