20.01.13

RIM-Chef

"Das Blackberry wird eine substanzielle Rolle spielen"

Blackberry-Hersteller Research in Motion (RIM) verliert rasant Marktanteile, Ende Januar stellt er neue Geräte vor. RIM-Chef Thorsten Heins über die vielleicht letzte Chance der Kanadier.

Von Thomas Heuzeroth
Quelle: dapd
29.01.13 1:18 min.
Es könnte die letzte Chance sein, deswegen geben auch die Blackberry Executive Rockers vollen Einsatz. Die kanadische Firma RIM steht kurz vor der Veröffentlichung des neuen Blackberry 10.

Die Welt: Herr Heins, es gibt das iPhone, es gibt eine Vielzahl von Android-Handys und es gibt die Windows Phones. Wer braucht heute noch einen Blackberry?

Heins: Wir haben 80 Millionen Nutzer weltweit, die wir nicht einfach im Niemandsland stranden lassen können. Sie erwarten neue Produkte von uns. Und es gibt viele Menschen, die ihre sozialen Netzwerke schnell und effektiv pflegen wollen. Das wird mit unserem neuen Betriebssystem Blackberry 10 an zentraler Stelle durch den sogenannten Blackberry Hub möglich sein, ohne dass die Anwendungen dieser Netzwerke geöffnet werden müssen.

Welt: Der Blackberry hat den Ruf, ein Arbeitsgerät für die Geschäftswelt zu sein. Haben Sie auf das falsche Pferd gesetzt?

Heins: Das mag noch die Wahrnehmung sein. Aber es ist längst nicht mehr die Realität. Beispielsweise hat Blackberry in Märkten wie Indonesien, Südafrika oder auch Großbritannien mit dem Image eines Manager-Werkzeuges kaum noch etwas zu tun. In diesen Ländern geht es vor allem um das Messaging. Der Blackberry-Messenger ist in Indonesien sogar die Kommunikationsplattform schlechthin.

Welt: Wo entscheidet sich denn das Schicksal von Blackberry? Eher in aufstrebenden Märkten wie Indonesien oder in entwickelten Regionen wie USA und Europa?

Heins: Es entscheidet sich hauptsächlich in Ländern mit hoher Innovationsgeschwindigkeit. Von dort kommen die Produkte dann aber schnell in andere Länder. Der globale Markt für mobile Kommunikation ist extrem schnelllebig geworden. Man könnte auch sagen, die Welt ist kurzatmig geworden. Gerade deswegen werden wir Blackberry 10 auch global launchen.

Welt: Glauben Sie denn, dass es langfristig genug Platz gibt für vier Systeme?

Heins: Wir sind eine relativ junge Industrie. Auf dem Smartphone-Markt, der stark wächst, ist daher auch noch viel Platz. Es wird sich irgendwann zeigen, wie viele Systeme der Markt tragen kann. Ich gehe davon aus, dass wir mit Blackberry 10 nicht nur eine Rolle spielen werden. Ich glaube, unsere Rolle wird substanziell werden.

Welt: Sie haben zuletzt auf Ihrer Blackberry-Plattform eine Millionen Nutzer verloren. Zum ersten Mal. Ihr Umsatz ging sogar um fast 50 Prozent zurück. Wie lange lässt sich das durchhalten?

Heins: Man muss das schon in Relation setzen. Bei 80 Millionen Nutzern eine Million zu verlieren, mit einer Geräte-Auswahl, die schon über ein Jahr alt ist, ist nicht so schlecht. Es ist aber auch nichts, was mich freut. Es ist richtig, jetzt mit Blackberry 10 in den Markt zu gehen, denn Blackberry 10 ist eine echte Mobile Computing Plattform. Wir werden dann sehen, dass sich der Trend zum Blackberry hin wieder verstärken wird.

Welt: Warum hat das so lang gedauert?

Heins: Wir haben uns die Zeit genommen, eine Plattform zu bauen, die für die nächsten zehn Jahre zukunftssicher ist. Es geht uns nicht nur um Smartphones, sondern auch um den Einsatz beispielsweise in Autos, die künftig zunehmend vernetzt sein werden. Wir sehen mit Blackberry 10 ganz neue Wachstumsfelder.

Welt: Wäre es dann nicht an der Zeit, diese Plattform anderen Herstellern zur Verfügung zu stellen, so wie es Microsoft mit Windows macht?

Heins: Bevor man die Software lizenziert, muss man zeigen, dass die Plattform auch ein großes Potenzial hat. Wir müssen erst einmal unsere Versprechen erfüllen. Wenn dieser Beweis erbracht ist, ist auch eine Lizenzierung vorstellbar.

Welt: Was halten die Netzbetreiber von den neuen Blackberrys, über die ja ein Großteil der Geräte verkauft werden muss?

Heins: Wir haben über 100 Netzbetreiber persönlich besucht, um Blackberry 10 vorzustellen. Die Resonanz war ausgesprochen gut, man will Alternativen zu Android, Apple und Co. haben.

Welt: Was ist wichtiger, die Auswahl der Geräte oder die Zahl der Apps, die es dafür gibt?

Heins: Es geht meiner Ansicht nach vor allem um die Qualität der Anwendungen, nicht um die Quantität. Es gibt Untersuchungen, die besagen, dass beispielsweise von allen Android-Applikationen nur 50 Prozent mindestens einmal heruntergeladen wurden. Natürlich braucht man eine gewisse Auswahl, die regionalen Präferenzen entspricht. Mitentscheidend ist auch die Nutzerführung auf den Geräten. Wir haben uns dabei besondere Mühe gegeben.

Welt: Das Gerät an sich spielt keine Rolle?

Heins: Die Hardware mit ihrem industriellen Design ist ein Ausdruck der Persönlichkeit und deswegen natürlich auch wichtig. Wir müssen uns mit den aktuellen Blackberrys und vor allem Blackberry 10 überhaupt nicht verstecken.

Welt: Mit wie vielen Apps werden Sie starten?

Heins: Es werden etwa 70.000 Anwendungen sein. Entwickler können außerdem sehr einfach ihre Android-Apps für die neuen Blackberrys konvertieren.

Welt: Warum soll ein Programmierer für Blackberry entwickeln, wenn er bei Apple viel mehr Geld verdienen kann?

Heins: Blackberry ist nach wie vor eine sehr profitable Entwicklerplattform. Laut Vision Mobile verdient ein Entwickler bei Blackberry im Durchschnitt vier Prozent mehr im Monat pro App als bei Apple und hat sogar 40 Prozent mehr Umsatz als bei Android. Das hängt auch damit zusammen, dass wir stark bei Geschäftskunden unterwegs sind. Viele Downloads in der Blackberry World werden bezahlt, die Programmierer verdienen also daran. Über 60 Prozent aller Entwickler empfehlen aktuell, für Blackberry 10 zu programmieren.

Welt: Immer mehr Menschen verlangen von ihren Arbeitgebern, dass sie ihre privaten Geräte auch für die Arbeit nutzen können. Diesen Trend hat Research In Motion unterschätzt.

Heins: Genau deswegen haben wir Blackberry 10 entwickelt. Diese Entwicklung wird nämlich noch zunehmen. Wir kommen deswegen mit Geräten, die private Nutzer ansprechen, aber sich zugleich einfach in die Unternehmenswelt einbinden lassen und beide Welten dank Blackberry Balance klar voreinander trennen – auf einem Gerät.

Welt: Wie funktioniert das?

Heins: Das neue Betriebssystem lässt sich in zwei Teile teilen, die sogar unterschiedlich verschlüsselt sind. Es gibt zwischen diesen Bereichen keinerlei Austausch. Nutzer können dann entscheiden, ob sie das Smartphone gerade privat oder geschäftlich nutzen. Wählen sie die geschäftliche Nutzung, haben sie nur Zugriff auf die Anwendungen und Daten, die Ihnen der Arbeitgeber erlaubt. Anders herum kann ein Administrator nicht auf die persönlichen Daten zugreifen.

Welt: Ihr Marktanteil ist zuletzt stetig zurückgegangen. Können Sie sich mit Blackberry 10 überhaupt ein Misslingen leisten?

Heins: Das Leben geht natürlich immer weiter. Aber es ist schon so, dass dies ein ganz entscheidender Moment und Meilenstein für Research In Motion ist.

Welt: Sie sind jetzt etwa ein Jahr an der Spitze von Research In Motion. Was hat sich geändert?

Heins: Ehrlich gesagt sehr viel. Wir haben ein völlig neues Management-Team. Die Firma ist schlanker geworden, was dazu führte, dass wir Kosten reduziert haben. Inzwischen werden Entscheidungen schneller getroffen und Verantwortungen wurden neu verteilt. Wir sind noch mitten in diesem Prozess. Wir haben sogar die Liquidität erhöht, obwohl uns viele vorausgesagt haben, wir würden Geld verbrennen. Wir sind frei von Schulden und haben 2,9 Milliarden Dollar Barmittel zur Verfügung.

Welt: Zuletzt sagten Sie, dass Sie für das Unternehmen alle Optionen prüfen wollten.

Heins: Diese strategische Überprüfung läuft immer noch, auch wenn der Druck auf Grund unserer hohen Barmittel geringer geworden ist. Wir wollen uns in unseren Optionen nicht beschränken.

Welt: Welche Optionen meinen Sie?

Heins: Es gibt mehrere Möglichkeiten, wozu der Verkauf der Hardware-Produktion ebenso gehört wie die Lizenzierung unserer Software. Es gibt aber keinen Grund für uns, in Hektik zu entscheiden. Wichtig ist erst einmal, Blackberry 10 erfolgreich in den Markt zu bringen. Dann werden wir weiter sehen.

Welt: Vor mehr als zehn Jahren begann der erste große Rechtsstreit um Patente in Ihrer Industrie, an dessen Ende Research In Motion mehr als 600 Millionen Dollar zahlte. Inzwischen gibt es fast wöchentlich neue Prozesse. Was ist falsch gelaufen?

Heins: Ich halte diese Entwicklung nicht für sehr förderlich. Das gilt sowohl für die Industrie, als auch für die Kunden und die Innovation. Ich verstehe, dass geistiges Eigentum geschützt werden muss. Wir wollen das auch. Man muss aber die Kirche im Dorf lassen und nur das schützen, was wirklich wichtig für Innovation ist. Ich finde es schon fragwürdig, dass runde Ecken eine solche Bedeutung gewinnen können.

Welt: Sie spielen auf Design-Streitigkeiten zwischen Apple und Samsung an.

Heins: Unsere Industrie sollte sich mit den Regulierungs- und Patent-Behörden zusammensetzen und überlegen, wie man das vernünftig angeht. Es ist sinnvoll, Ideen zu schützen, weil Unternehmen in Forschung investiert haben.

Foto: Acer

Sechs neue Smartphones von Acer:
Bisher waren die Erfolge von Acer auf dem Smartphone-Markt bescheiden. Trotzdem will das taiwanesische Unternehmen 2013 sechs neue Modelle vorstellen. Details zu den einzelnen Geräten sind noch nicht bekannt.

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Blackberry-Hersteller RIM
  • Das Unternehmen

    Der kanadische Blackberry-Hersteller Research in Motion (RIM) ist ein Pionier der Smartphone-Ära. Bereits Ende der Neunziger Jahre führte RIM sein erstes Smartphone ein, auf dem E-Mails empfangen werden konnten. In der Folge wurden die Blackberrys zum Kult-Handy für Manager, die unentwegt auf den kleinen Tastaturen ihre Nachrichten tippten und zum Teil auf diese Weise sogar ihre Firmen führten. Derzeit nutzen knapp 80 Millionen Menschen einen Blackberry.

  • Die Konzern-Krise

    Im Kampf gegen die Geräte mit Googles Smartphone-Betriebssystem Android und Apple gerät der Blackberry jedoch immer weiter ins Hintertreffen. Nach den Zahlen von Gartner hat sich der Smartphone-Marktanteil binnen Jahresfrist auf 5,3 Prozent halbiert. Zuletzt ging die Zahl der Kunden um eine Million zurück, der Umsatz sogar um etwa 50 Prozent. Der letzte vermeldete Jahresumsatz lag bei 18,5 Milliarden Dollar. Das laufende Geschäftsjahr, das Anfang März zu Ende geht, dürfte deutlich darunter liegen.

  • Der Manager

    Als Thorsten Heins vor einem Jahr die Spitze von Research in Motion (RIM) übernahm, mussten sich die Analysten erst einmal an den Deutschen gewöhnen. Hilfe bekamen sie vom „Wall Street Journal“ mit dem Hinweis, dass der neue Name wie der berühmte Tomatenketchup zu betonen sei. Heins ist heute 55 Jahre alt. Er studierte Informatik und Physik in Hannover und ging 1984 zum Technologiekonzern Siemens, dem er 23 Jahre lang treu blieb. 2007 ging Heins zum Blackberry-Hersteller RIM und arbeitete in verschiedenen Management-Positionen. Im Januar 2012 löste er die beiden RIM-Gründer Jim Balsillie und Mike Lazaridis ab und wurde Präsident und CEO des Konzerns.

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