19.01.13

Autoindustrie

Bentley-Chef setzt ehrgeizige Ziele für Nobelmarke

Der Hoflieferant der Queen of England will es Europa noch einmal zeigen. Er schreibe den Kontinent noch nicht ab, sagt Wolfgang Schreiber. Dabei bewegt er sich auf einem schmalen Grat.

Foto: REUTERS

Bentley-Chef Wolfgang Schrieber über seine Aufgabe: "Man braucht dafür immer dieselben Fähigkeiten, und egal ob Nutzfahrzeuge oder Supersportwagen“
Bentley-Chef Wolfgang Schrieber über seine Aufgabe: "Man braucht dafür immer dieselben Fähigkeiten, und egal ob Nutzfahrzeuge oder Supersportwagen"

Volkswagen kann mehr als solide und Mittelklasse. Auf der Autoshow in Detroit sind die Wolfsburger mit ihren Edelmarken angetreten, darunter auch mit Bentley. Für die britische Nobelmarke, die von Wolfgang Schreiber geführt wird, gibt es besonders ehrgeizige Ziele. Der Absatz soll bis 2018 auf 15.000 Fahrzeuge pro Jahr gesteigert werden.

Gute Chancen sieht der Hoflieferant der Queen of England unter anderem auch in Europa. Auf dem Kontinent, also ohne das Stammland Großbritannien, sei noch "deutlich Luft nach oben", sagt Markenchef Schreiber. Er erklärt, warum nun selbst Bentley einen SUV in Programm haben muss, und warum er, zuletzt Chef der Nutzfahrzeug-Sparte bei Volkswagen, bestens geeignet, ist die Nobelmarke zu führen.

Berliner Morgenpost: Herr Schreiber, warum hat VW-Chef Martin Winterkorn ausgerechnet Ihnen die Luxus-Marken Bentley und Bugatti anvertraut? Sie waren zuletzt Nutzfahrzeug-Vorstand im Konzern.

Wolfgang Schreiber: Ich bin seit 28 Jahren bei Volkswagen und war dort in unterschiedlichsten Positionen in den Bereichen Forschung und Entwicklung tätig, zuletzt als Leiter Getriebe des Konzerns. Danach habe ich als Entwicklungs-Chef den Bugatti Veyron, das exklusivste Auto der Welt, verantwortet. 2006 habe ich die Entwicklung der Nutzfahrzeug-Sparte zusätzlich zu meinen Aufgaben bei Bugatti übernommen. Ich meine, das sind ganz gute Voraussetzungen.

Berliner Morgenpost: Muss ein schwieriger Spagat sein, sich gleichzeitig um Transporter und Traumkarossen zu kümmern.

Schreiber: Nicht so schwierig, wie es vielleicht klingt. Das passt ganz gut zusammen. Für einen Ingenieur ist es nicht schwer, verschiedene Fahrzeuge zu entwickeln. Man braucht dafür immer dieselben Fähigkeiten, und egal ob Nutzfahrzeuge oder Supersportwagen: Es gelten stets die Gesetze der Physik. Aber eins ist von entscheidender Bedeutung: Man muss sehr genau hinhören, was die Kunden wollen.

Berliner Morgenpost: Wie hat Ihnen Vorstandschef Winterkorn den neuen Job schmackhaft gemacht?

Schreiber: Wir hatten ein Gespräch und er hat gesagt: Sechs Jahre Nutzfahrzeuge sind genug, wir brauchen dich jetzt bei Bentley und Bugatti. Du kannst das. Nach fünf Minuten war alles klar.

Berliner Morgenpost: Hat sich die Unruhe nach Ihrem Amtsantritt gelegt? Immerhin sind Sie der dritte Chef der Edelmarke binnen anderthalb Jahren.

Schreiber: Es ist sicher nicht optimal, wenn Vorstandschefs in so kurzer Zeit wechseln. Aber das Team in Crewe ist eine stabile Einheit. Ich bin nicht angetreten und habe der Mannschaft erzählt, was richtig und was falsch ist. Ich habe stattdessen zugehört und mir erst ein Bild von dem Unternehmen gemacht.

Berliner Morgenpost: Immerhin haben Sie die Mannschaft erst mal ordentlich aufgescheucht und durcheinandergebracht.

Schreiber: Von "Aufscheuchen" würde ich nicht sprechen. Das können Sie allein an der Tatsache ablesen, dass es seit meinem Antritt keinen wesentlichen Wechsel bei wichtigen Positionen gab. Inzwischen haben wir natürlich begonnen, einige Dinge, die nicht so gut funktionieren, zu verändern.

Berliner Morgenpost: Aber Sie haben angekündigt, dass Sie beispielsweise bei Bentley den Absatz gemessen an 2011 bis 2018 auf 15.000 Fahrzeuge verdoppeln wollen. Solche Mengen ist man bei den Briten bislang nicht gewöhnt.

Schreiber: Dieses Ziel ist nicht aus der Luft gegriffen, sondern sehr genau auf seine Realisierungschancen hin überprüft worden.

Berliner Morgenpost: Bislang hat sich Bentley noch nicht mal vom Lehman-Schock erholt. 2007 wurden mehr als 10.000 Autos verkauft. Wann kommen Sie wieder auf diesen Rekordwert?

Schreiber: Es stimmt, dass wir das Vorkrisenniveau noch nicht wieder erreicht haben. Aber wir haben im vergangenen Jahr 8510 Fahrzeuge ausgeliefert, ein Plus von 22 Prozent gegenüber dem Jahr davor. Was den Marktanteil angeht, haben wir für 2012 bislang nur Neunmonatszahlen, aber bis dato lagen wir gegenüber Wettbewerbern wie Rolls-Royce, Maserati oder den Top-Modellen der S-Klasse von Mercedes bei gut 18 Prozent. Das sind vier Prozentpunkte mehr als ein Jahr zuvor. Wann wir wieder 10.000 Autos verkaufen oder wie dieses Jahr läuft, kann ich jetzt noch nicht im Detail sagen. Es gibt zu viele Unwägbarkeiten. Nur so viel: Ich bin sehr zuversichtlich, dass unsere Verkaufszahlen wieder im zweistelligen Prozentbereich wachsen werden.

Berliner Morgenpost: Wie wollen Sie das schaffen? In einigen Regionen kriselt es bekanntlich mächtig.

Schreiber: Es hilft sehr, dass wir unsere Autos überall in der Welt verkaufen. Wenn es in einem Markt nicht optimal läuft, können wir das anderswo ausgleichen. 2012 haben wir in den USA und Europa jeweils fast 30 Prozent unserer Autos verkauft. In China waren es rund 27 Prozent, im Nahen Osten knapp zehn Prozent. Wir haben weltweit 177 Händler, das ist eine hervorragende Position in unserem Marktsegment. Bis Ende 2013 werden weitere 30 bis 40 Händler dazukommen. Der wichtigste Grund für meinen Optimismus sind unsere Modelle. Wir verfügen über eine sehr junge Flotte. Die beiden Baureihen Mulsanne und Continental sind attraktiv und haben noch erhebliches Potenzial.

Berliner Morgenpost: Nun entwickelt sich Europa in manchen Teilen zu einem Dauerkrisenherd, und in China drehen inzwischen selbst die ganz Reichen immer öfter den Yuan zwei Mal um.

Schreiber: Wir haben auf dem europäischen Kontinent, also ohne Großbritannien, 2012 zwölf Prozent mehr Fahrzeuge verkauft, in Deutschland lag das Plus bei drei Prozent. Und in China sind wir 2012 um 23 Prozent gewachsen. Das zeigt mir, bei allen sicherlich existierenden Unsicherheiten, was möglich ist.

Berliner Morgenpost: Wo sehen Sie Potenziale?

Schreiber: In Europa zum Beispiel. In Großbritannien haben wir einen Marktanteil von etwa einem Drittel, im restlichen Europa weniger als zwölf Prozent. Da ist noch Luft nach oben. Ich schreibe Europa nicht ab.

Berliner Morgenpost: Macht das Bentley nicht einen Tick zu gewöhnlich, wenn Sie in Zukunft so viele davon verkaufen.

Schreiber: Natürlich wollen wir Autos verkaufen, aber unser Fokus liegt woanders: Wir wollen die bestmöglichen Autos für unsere Kunden bauen und damit Geld verdienen. Gelingt uns das, stimmen auch die Absatzzahlen. Und bange muss Ihnen um die Exklusivität der Marke nicht werden. Im vergangenen Jahr wurden weltweit rund 67 Millionen Pkw verkauft, davon waren 8510 Bentleys. Ein Bentley wird immer etwas Besonderes sein.

Berliner Morgenpost: Haben Sie neben anspruchsvollen Absatzzielen auch ein paar revolutionäre Ideen mit nach Crewe gebracht? Luxus ist doch mehr als immer noch mehr Wurzelholz und PS.

Schreiber: Ich glaube, eine Revolution ist bei Bentley nicht nötig. Bentley ist gut, kann und muss aber noch besser werden. Was wir brauchen, sind kontinuierliche Verbesserungen in allen Unternehmensteilen. Als ich das Direktschaltgetriebe bei Volkswagen als verantwortlicher Ingenieur entwickelt habe, war die Zeit dafür reif – und das Ergebnis war eine Revolution. Aber bei Bentley ist Evolution besser als Revolution.

Berliner Morgenpost: Spielt das Thema Verbrauch in ihrem Marktsegment eine Rolle oder ist Ihre Kundschaft gänzlich unempfindlich gegenüber steigenden Benzinpreisen und Öko-Initiativen?

Schreiber: Das spielt absolut eine Rolle. Es geht um den Verbrauch, aber auch um die Reichweiten, die sie mit einer Tankfüllung schaffen.

Berliner Morgenpost: Ist ein Bentley als Elektroauto vorstellbar?

Schreiber: Auf absehbare Zeit eher nicht. Aber ein Plug-In Hybrid, dessen Elektromotor sie an einer Steckdose aufladen können, ist es durchaus. Allerdings nicht vor 2015.

Berliner Morgenpost: Was ist mit der mit Spannung erwarteten Entscheidung für einen Geländewagen? Kommt der Bentley-SUV?

Schreiber: Das ist ein extrem wichtiges Projekt, und ich gehe davon aus, dass wir einen SUV bauen. Aber die finale Entscheidung steht aus. Unser neues Design ist absolut überzeugend – ein echter Bentley eben.

Berliner Morgenpost: Der Entwurf dafür musste deutlich überarbeitet werden.

Schreiber: Richtig, aber das ist normal für eine Studie.

Berliner Morgenpost: Irgendwie kann man sich einen Bentley als SUV aber doch nur schwer vorstellen.

Schreiber: Es gibt genug Leute, die das können. Wir haben 2000 Vorbestellungen. Für ein Auto, das es noch gar nicht gibt.

Berliner Morgenpost: Ab wann könnte es diesen Bentley denn geben?

Schreiber: 2015 oder 2016.

Berliner Morgenpost: Der SUV soll künftig ein Drittel des Absatzes ausmachen?

Schreiber: Wir arbeiten jetzt daran dass wir das Auto bauen. Erst danach können wir über Absatzprognosen reden.

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