18.01.13

DGB-Umfrage

Jeder zweite Arbeitnehmer fühlt sich "ausgebrannt"

Der Deutsche Gewerkschaftsbund schlägt Alarm. "Der Druck am Arbeitsplatz nimmt zu, doch es wird zu wenig dagegen getan", sagt Vorstandsmitglied Buntenbach und fordert von eine Anti-Stress-Verordnung.

Von Flora Wisdorff
Foto: Infografik Die Welt

Fühlen Sie sich auf der Arbeit gehetzt?
Fühlen Sie sich auf der Arbeit gehetzt?

Stress und Druck am Arbeitsplatz nehmen einer neuen Umfrage des Deutsches Gewerkschaftsbundes (DGB) zufolge weiter zu. Mehr als die Hälfte (56 Prozent) der knapp 5000 befragten Beschäftigten sieht sich einer starken oder sehr starken Arbeitshetze ausgesetzt, ergab die am Freitag vom DGB veröffentliche Untersuchung "Psycho-Stress am Arbeitsplatz".

Dies bedeutet demnach im Vergleich zum Vorjahr einen Anstieg um vier Prozentpunkte. Zudem geben 80 Prozent der Beschäftigten an, dass sie seit Jahren immer mehr in der gleichen Zeit leisten müssen.

Nach der Arbeit fühlen sich der Umfrage zufolge 44 Prozent der Arbeitnehmer sehr häufig oder oft "leer und ausgebrannt". In Fällen, in denen die Arbeitsintensität gestiegen ist, fühlen sich sogar 71 Prozent der Befragten ausgebrannt. Der DGB befragt regelmäßig Arbeitnehmer aus allen Branchen, Einkommens- und Altersgruppen sowie Betriebsgrößen zu ihren Arbeitsbedingungen. Darunter sind gewerkschaftlich Organisierte, aber auch Nicht-Mitglieder.

DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach nannte die Zahlen "ein Alarmsignal" der Arbeitnehmer. "Der Druck am Arbeitsplatz nimmt zu, doch es wird zu wenig dagegen getan", erklärte Buntenbach.

Verordnung gegen Stress

Sie forderte deshalb von der Bundesregierung eine Anti-Stress-Verordnung, die regeln soll, wie Stress am Arbeitsplatz in Zukunft verringert werden soll. "Wir brauchen auch bessere Kontroll- und Sanktionsmöglichkeiten", sagte sie. IG-Metall-Vorstandsmitglied Hans-Jürgen Urban sagte, nur mit einer solchen Verordnung könnten Arbeitnehmer besser vor Überlastung geschützt werden.

Das Thema ist seit Monaten in der politischen Diskussion, auch vor dem Hintergrund, dass die Kosten für die Renten- und Sozialkassen zunehmen. 53 Millionen Krankheitstage pro Jahr gehen auf psychische Störungen zurück.

Das ist eine Zunahme um 80 Prozent seit 1997. Weit mehr als jede dritte Frühverrentung – 41 Prozent im Jahr 2011– hat ihre Ursache in psychischen Störungen. Die Betroffenen sind jung, im Schnitt erst 48 Jahre. Die jährlichen Behandlungskosten für psychische Erkrankungen summieren sich auf etwa 28 Milliarden Euro.

Experten führen den Anstieg der stressbedingten Erkrankungen auch darauf zurück, dass solche Erkrankungen heutzutage schlicht häufiger diagnostiziert werden. Der Umfrage zufolge ist der Anteil derjenigen, die sich bei der Arbeit besonders viel unter Zeitdruck und gehetzt fühlen, bei Frauen besonders hoch, die Vollzeit arbeiten. Generell steigt der gefühlte Druck mit einem höheren Einkommen.

Arbeitgeber sehen andere Ursachen für Stress

Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen hatte schon im vergangenen Jahr eine große Kampagne für 2012 angekündigt, um den Arbeitsschutz auch auf psychische Erkrankungen zu erweitern. Bisher nämlich spielt der Schutz der Beschäftigten vor Stress und Überbelastung am Arbeitsplatz kaum eine Rolle in der Gesetzgebung. Ende Januar sollen Gewerkschaften, Arbeitgeber, Politik und Experten zusammenkommen, um auf der Veranstaltung "Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt – wir machen es zum Thema" über Handlungsbedarf zu sprechen.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund, das Arbeitsministerium und die Bundesvereinigung Deutscher Arbeitgeberverbände (BDA) wollen dann auch eine "Gemeinsame Erklärung" verabschieden. Was darin steht, ist nicht bekannt.

Derzeit liegen BDA und DGB jedenfalls bei der Analyse der Situation weit auseinander. Die Arbeitgeber weisen es zurück, für die Zunahme der psychologischen Erkrankungen verantwortlich zu sein. "Psychische Erkrankungen sind ein Problem, das die Arbeitgeber sehr ernst nehmen, das aber nicht durch Arbeit verursacht wird", sagte BDA-Präsident Dieter Hundt jüngst im Interview mit der "Welt". Für psychische Erkrankungen gebe es "viele Einflussfaktoren", die oft im Privatleben und Freizeitverhalten lägen und von den Unternehmen nur schwer zu beeinflussen seien.

Die BDA lehnt eine "Anti-Stress-Verordnung" ab, auch das Arbeitsministerium ist skeptisch – unter anderem, weil es schwer zu definieren ist, wie genau Stress entsteht. Ende 2012 sind gerade die Begriffe "psychische Belastungen" und "psychische Gesundheit" ins Arbeitsschutzgesetz aufgenommen worden, doch die Gewerkschaften bezweifeln, dass dies eine Wirkung haben wird.

Foto: Christian Burkert

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