Pannen-Konzern
Vattenfall patzt erneut – dieses Mal in Schweden
Donnerstag, 9. Juli 2009 17:02Die schlechten Nachrichten für Vattenfall reißen nicht ab: Nach der Sicherheitspanne im deutschen Atomkraftwerk Krümmel melden nun auch schwedische Behörden "sehr ernste Zwischenfälle". Im Reaktor Ringhals soll es rund 60 Pannen gegeben haben. SPD und Grüne fordern bereits einen Boykott von Vattenfall.

Im AKW Krümmel hatte ein Trafo-Kurzschluss am Wochenende zur Schnellabschaltung des Reaktors geführt. Nach Angaben von Vattenfall sollen beide Transformatoren nicht mehr repariert, sondern durch neue ersetzt werden. Krümmel werde daher nach jetzigem Stand zehn Monate stillstehen. Der Atommeiler war erst vor zwei Wochen wieder ans Netz gegangen, nachdem er wegen einer ähnlichen Panne im Sommer 2007 zwei Jahre keinen Strom liefern konnte. und bleibt nach einem zweijährigen Stillstand nun erneut mehrere Monate außer Betrieb.
In Schweden wurde nach einer Serie von Zwischenfällen im Kernkraftwerk Forsmark ab 2006 von Vattenfall-Mitarbeitern ein „Verfall der Sicherheitskultur“ kritisiert.
Politiker von SPD und Grünen haben die Vattenfall-Kunden bereits zum Wechsel des Stromanbieters aufgefordert. „Dieser Pannen-Konzern muss spüren, dass man ihm nicht mehr vertraut“, sagte die Grünen-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Renate Künast, dem „Tagesspiegel“. „Die Kunden von Vattenfall sollten den Atomausstieg vorziehen und zu einem Ökostromanbieter wechseln.“ Der Vize-Vorsitzende der SPD-Bundestagsfraktion, Ulrich Kelber, sagte der Zeitung: „Vattenfall-Kunden, die das Verhalten des Konzerns für inakzeptabel halten, können zwischen Dutzenden anderen Stromanbietern wählen und dadurch Druck machen.“
Der Energiekonzern Vattenfall hat inzwischen Fehler eingeräumt und erste personelle Konsequenzen gezogen. Er entband den bisherigen Kraftwerksleiter Hans-Dieter Lucht von seinen Aufgaben. Vattenfall gestand, dass eine Messeinrichtung des Transformators vor dem Wiederanfahren des Atomkraftwerks vor rund zwei Wochen nicht installiert worden war. Die neuerliche Panne wird heute auch die Hamburger Bürgerschaft in einer Aktuellen Stunde beschäftigen. Schleswig- Holsteins Ministerpräsident Peter Harry Carstensen (CDU) räumte dem Betreiber noch einen „letzten Versuch“ ein, die Probleme mit dem Kraftwerk in den Griff zu bekommen. „Wenn es dort wieder zu einer solchen Situation kommt, dann kümmere ich mich darum, dass dieses Kernkraftwerk abgeschaltet wird“, sagte er nach einem Gespräch mit Vattenfall-Chef Tuomo Hatakka in Kiel.Laut „Berliner Zeitung“ hat die Bundesregierung in Antworten auf parlamentarische Anfragen der Grünen 2006 und 2007 eingeräumt, dass Atomkraftwerke älterer Bauart wie Krümmel oder Biblis technisch rückständig seien. „Die neueren Siedewasserreaktoren sowie die Druckwasserreaktoren der dritten oder vierten Generation haben grundsätzlich bessere Sicherheitseigenschaften“, heiße es darin unter anderem. Die älteren Meiler „entsprechen nicht dem aktuellen Stand von Wissenschaft und Technik“.
RWE-Vorstandschef Jürgen Großmann verteidigte in einem Interview der „Bild“-Zeitung die Sicherheit der deutschen Kernkraftwerke. „Die Kernkraftwerke in Deutschland arbeiten alle auf höchstem internationalem Niveau“, sagte er dem Blatt. „Es ist kein einziges Kraftwerk in Betrieb, das nicht sicher ist. Auch ältere Kernkraftwerke in unserem Land sind auf Top-Niveau. Ohne Abstriche.“ Im internationalen Vergleich seien die „alten Anlagen“ in Deutschland noch jung. Anderswo liefen sie doppelt so lange. Zudem würden die deutschen Kernkraftwerke so streng überwacht wie sonst nirgends.Der Grünen-Fraktionsvorsitzende Fritz Kuhn sprach sich in der „Süddeutschen Zeitung“ dafür aus, den Atomausstieg zu beschleunigen. „Alte Meiler wie Krümmel oder Neckarwestheim sollten früher abgeschaltet werden.“ Sie seien schon heute „technologische Museumsstücke“.
Der frühere Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement warnte unterdessen seine Partei davor, mit dem Thema Atompolitik in den Wahlkampf zu ziehen. „Für die SPD als Arbeitnehmerpartei ist das sehr problematisch“, sagte er Morgenpost Online. „Bei der Atomenergie in Deutschland geht es um 40.000 Arbeitsplätze.“ Außerdem könne man „ohne die Atomenergie die Herausforderungen des Klimawandels nicht bestehen“. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) dringt angesichts des neuen Störfalls in Krümmel darauf, die acht ältesten Atomkraftwerke in Deutschland abzuschalten und die Restlaufzeit auf neuere zu übertragen.dpa/lwErschienen am 08.07.2009
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