16.01.13

Gleichstellung

Frauen kaum in Machtzentren der Konzerne vertreten

Seit Monaten fordern Politiker von der Wirtschaft, mehr Spitzenpositionen mit Frauen zu besetzen. Doch eine Studie zeigt: Bei den 200 größten Firmen Deutschland hat sich nur wenig getan.

Foto: dpa

Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) will keine verpflichtende Frauenquote in der Wirtschaft. Die Fortschritte in der Gleichstellung sind jedoch offenbar noch gering
Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) will keine verpflichtende Frauenquote in der Wirtschaft. Die Fortschritte in der Gleichstellung sind jedoch offenbar noch gering

Manch einer mag der Debatte über die Frauenquote überdrüssig sein – in den deutschen Zentren der Wirtschaftsmacht hat sich in puncto Gleichstellung dennoch weniger getan als man vielleicht erwarten könnte.

Obwohl etliche der 30 größten börsennotierten Konzerne 2012 verstärkt damit auftrumpften, dass sie weibliche Vorstände und Aufsichtsräte beriefen, fällt der Fortschritt innerhalb der Gruppe der 200 größten Unternehmen schon deutlich magerer aus. Wie das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) ermittelt hat, konnten diese Unternehmen ihren Frauenanteil in Vorstand und Aufsichtsrat jeweils um gerade mal einen Prozentpunkt (auf vier Prozent bzw. 12,9 Prozent) steigern.

Bei den 30 Firmen des Deutschen Aktienindizes (Dax) waren immerhin 7,8 Prozent der Vorstandsposten (plus 4,1 Prozent) mit Frauen besetzt, innerhalb der Kontrollgremien immerhin schon 19,4 Prozent (plus 3,7 Prozent).

Politiker schauen nur auf die 30 Dax-Konzerne

Die Studienautoren warnten angesichts der Ergebnisse davor, sich bei der Gleichstellungsdebatte zu stark auf die 30 größten Konzerne zu konzentrieren – wie es in der Politik derzeit üblicherweise geschieht.

"Es greift zu kurz, nur auf die Dax 30 zu schauen", sagt DIW-Forschungsdirektorin Elke Holst. "Insgesamt waren die Zuwächse zu gering, fanden bei zu wenigen Unternehmen statt und basierten auf zu geringen Ausgangswerten, um etwas an der überwältigenden männlichen Dominanz in Vorständen und Aufsichtsräten zu ändern."

Entsprechend hat es Deutschland auch vor allem den Bemühungen der Dax 30 zu verdanken, dass es im europäischen Vergleich immerhin einen moderaten sechsten Platz für sich in Anspruch nehmen kann.

Spitzenreiter sind die Skandinavier

Die Spitzenreiter Finnland, Lettland und Schweden liegen jedoch mit einem Frauenanteil in den höchsten Entscheidungsgremien von 25 Prozent und mehr weit vorn – wie auch Norwegen (42 Prozent), wo schon vor Jahren eine verbindliche Quote eingeführt wurde.

Ob sich Deutschland auf Dauer im Mittelfeld halten kann, muss sich aber noch zeigen: Wissenschaftlerin Holst zufolge kommen Länder mit Quotenregelungen beim Frauenanteil an höchster Stelle pro Jahr um durchschnittlich zwölf Prozentpunkte voran – während Länder, in denen keine gesetzlichen Initiativen ergriffen wurden, sich mit Aufwärtsentwicklungen von im Schnitt einem Prozentpunkt dahinschleppen.

"Eine positive Entwicklung gibt es", sagt Holst. "Es besteht aber die Gefahr, dass der Pfad hin zur Gleichstellung sehr langsam beschritten wird."

Der Bund ist kein gutes Vorbild

Selbst in den öffentlichen Unternehmen, an denen der Bund beteiligt ist, sind Frauen dabei noch lange nicht paritätisch an der Führung beteiligt – obwohl doch gerade Bundespolitikerinnen wie Familienministerin Kristina Schröder (CDU) die Gleichstellungsdebatte emsig vorantreiben und in ihren eigenen Häusern für Ordnung sorgen könnten.

In den insgesamt 60 öffentlichen Unternehmen waren Ende des Jahres gut elf Prozent der Vorstandspositionen mit Frauen besetzt (plus drei Prozentpunkte). Bei den Aufsichtsräten lag der Anteil weiblicher Mandatsträger dagegen bei 19,9 Prozent (plus 2,2 Prozentpunkte).

Auch im Finanzsektor sind Frauen an der Spitze nach wie vor unterrepräsentiert. Bei den hundert größten, deutschen Banken und Sparkassen gibt es lediglich 4,2 Prozent Vorstandsfrauen, was einem Zuwachs von einem Prozentpunkt gegenüber 2011 entspricht.

Experten fordern mehr Druck auf die Wirtschaft

Angesichts der mühsamen Aufwärtsentwicklung warnen die Experten davor, den Druck auf die Wirtschaft zu vermindern – wobei sich Wissenschaftlerin Holst nicht zu einer Positionierung für oder gegen eine starre Quote hinreißen lassen wollte. "Wir müssen wegkommen von einer Entweder-Oder-Lösung", sagte sie und forderte stattdessen mehr Transparenz von den Firmen sowie das Bekenntnis zu festen Zielgrößen, an denen sie sich später messen lassen.

"Vor allem aber brauchen wir eine Unternehmenskultur, die die Lebenswirklichkeit von Frauen und Männern stärker berücksichtigt, die Führungspositionen anstreben und dennoch Zeit etwa mit ihren Familien verbringen wollen."

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