16.01.13

Tourismus

Chinesen lösen Deutsche als Reiseweltmeister ab

Jahrelang waren die Deutschen unangefochten beim Reisen die Nummer Eins. Doch das ist vorbei: Gleich zwei Nationen ziehen am deutschen Urlauber vorbei. Das hat Konsequenzen für die Reisenden.

Von Frank Stocker
Foto: Bloomberg

Chinesische Touristen in Sydney auf dem Weg zur Oper. Chinesen haben Deutsche und Amerikaner beim Reisen überrundet
Chinesische Touristen in Sydney auf dem Weg zur Oper. Chinesen haben Deutsche und Amerikaner beim Reisen überrundet

Mit den Weltmeistertiteln klappt es für die Deutschen in letzter Zeit nicht mehr so richtig. Beim Fußball wartet die Nation schon seit über zwei Jahrzehnten auf die Rückeroberung des Pokals, die deutsche Wirtschaft musste das Prädikat des Exportweltmeisters vor einigen Jahren den Chinesen überlassen und nun wird auch noch der deutsche Urlauber vom Thron verdrängt. Und erneut sind es die Chinesen, die den Deutschen den Rang ablaufen.

Da mögen die urlaubenden Teutonen zwar immer noch die schnellsten beim Besetzen der Pool-Liegen mit ihren Handtüchern sein, die Touristen aus dem Reich der Mitte geben dafür inzwischen insgesamt deutlich mehr Geld aus. Umgerechnet über 90 Milliarden Dollar machten ihre Reiseausgaben im vergangenen Jahr aus, eine Steigerung um rund 20 Prozent gegenüber 2011.

Die Deutschen brachten es dagegen "nur" auf 82 Milliarden Dollar, bei einem Plus von vergleichsweise geringen 3,5 Prozent. Da auch die US-Amerikaner sieben bis acht Prozent mehr ausgaben als im Vorjahr, führte dies dazu, dass Deutschland damit nun sogar auf Platz 3, hinter Chinesen und Amerikanern abrutschte.

Jahrelang waren die Deutschen Nummer 1

Es sieht nach Deklassierung aus. Schließlich waren die Deutschen jahrelang Reiseweltmeister. Jutta Kayser-Tilosen von der Commerzbank, die den Reisemarkt in einer Studie analysiert hat, tröstet aber: "Das ist kein Ausdruck gesunkener Reisefreude, denn gemessen an seiner Wirtschaftskraft oder seiner Bevölkerungszahl gibt Deutschland weiterhin viel für Auslandsaufenthalte aus."

Das eigentlich Erstaunliche ist ja, dass ein Völkchen von gerade mal 80 Millionen bei den Reiseausgaben Kopf an Kopf mit Nationen liegt, deren Bevölkerung vier oder gar 15 mal so groß ist. Der wachsende Wohlstand der Chinesen, das prophezeit Kayser-Tilosen, wird aber in den kommenden Jahren dazu führen, dass die Ausgaben der Chinesen für den Urlaub im Ausland rasant weiter steigen werden. "Dies wird dem Land auf absehbare Zeit die Spitzenposition in diesem 'Wettstreit des Tourismus' sichern."

Konsequenzen für Urlauber sind spürbar

Nun gibt es sicher Schlimmeres. Dennoch hat dies auch ganz praktische Konsequenzen. Denn chinesische Touristen sind für ihre Spendierfreude bekannt. In Hongkong, Singapur oder Thailand führt dies beispielsweise bereits dazu, dass sie in Geschäften bevorzugt behandelt werden, weiß der Shop-Inhaber doch, dass er mit ihnen das meiste Geld verdienen kann.

Der hellhäutige Europäer daneben muss so lange warten, bis er drankommt. Meist schaut dieser sich ohnehin nur stundenlang die Auslage an und lässt sich ausführlich beraten, bevor er sich dann mit einem "Ich muss mir das noch mal überlegen" verabschiedet. Der Chinese kauft parallel den halben Laden leer.

Deutschen und Chinesen mit anderen Reisezielen

Immerhin kommen sich Deutsche und Chinesen aber im Urlaub noch nicht allzu oft ins Gehege. Denn während Letztere bisher meist die asiatischen Nachbarländer als Ziele bevorzugen, strebt der Deutsche andere Urlaubszielen entgegen. Ganz oben stehen nach wie vor Spanien, Österreich und Italien.

Rund ein Drittel der Reiseausgaben flossen allein in diese Länder. Am stärksten zugelegt hat allerdings die Türkei in der Gunst der Deutschen, was dazu führte, dass sie als Reiseziel nun sogar Frankreich überrundet hat und auf Platz 4 rangiert. Den stärksten Rückgang bei den Ausgaben musste dagegen die Schweiz verzeichnen, was an dem extrem starken Franken-Kurs liegen dürfte, der einen Urlaub dort kaum noch bezahlbar macht.

Osteuropa für deutschen Urlauber besonders lukrativ

Ähnliches gilt für Länder wie Australien, Dänemark oder Schweden. Auch sie gelten als besonders teuer für deutsche Touristen. Vergleichsweise am meisten für sein Geld bekommt der deutsche Urlauber dagegen in Osteuropa, vor allem in Bulgarien, Rumänien oder Ungarn.

Dort sind 100 Euro im Alltag zwischen 170 und 200 Euro wert. Aber auch in der Türkei oder Portugal bekommt man noch relativ viel für sein Geld (140 bzw. 120 Euro). Griechenland dagegen zeichnet sich nach wie vor nicht dadurch aus, dass es besonders günstig ist, 100 Euro verfügen dort über praktisch genau so viel Kaufkraft wie hierzulande.

Attraktivität von Deutschland als Reiseziel steigt

Übrigens sind die Deutschen zwar nicht mehr Reiseweltmeister. Dafür ist aber im Gegenzug die Attraktivität Deutschlands als Reiseziel im vergangenen Jahr deutlich gestiegen. Einerseits ist es für die Deutschen selbst immer noch das Reiseziel Nummer 1.

Zum anderen aber hat die Zahl der ausländischen Besucher allein in den ersten neun Monaten des Jahres um 7,7 Prozent zugelegt. Die meisten von ihnen kamen aus den Nachbarländern, aber auch US-Bürger reisten verstärkt nach Deutschland. "Und auch Chinesen dürften ihre Ausgaben in Deutschland erheblich gesteigert haben", stellt Commerzbank-Expertin Kayser-Tilosen fest.

Insofern kann es für die Deutschen durchaus hilfreich sein, sich schon mal einige Basisbegriffe wie "Ni hao" (Guten Tag) auf Chinesisch anzueignen – sei es, um damit den Urlauber auf der Nachbarliege am Hotelpool zu begrüßen, oder sei es, um die immer zahlreicheren kaufkräftigen Gäste und Kunden aus dem Reich der Mitte in Deutschland zu begrüßen.

Verbinden Sie sich mit dem "Welt-Online"-Autor auf Twitter: Frank Stocker schreibt schwerpunktmäßig zu den Themen: Geldanlage, China und Schwellenländer.

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