10.01.13

Neues Modell

Wie der Kleinwagen "Adam" Opel retten soll

Autohersteller Opel steckt seit Jahren in den roten Zahlen. Ein hipper Kleinstwagen und ein Geländemobil aus Asien sollen die Traditionsfirma vor dem Absturz in die Bedeutungslosigkeit bewahren.

Von Nikolaus Doll
Foto: AFP

Der Opel-Aufsichtsratschef Steve Girsky (rechts) und die Hochspringerin Ariane Friedrich fahren mit einem Opel Adam zur Feier für das neue Modell
Der Opel-Aufsichtsratschef Steve Girsky (rechts) und die Hochspringerin Ariane Friedrich fahren mit einem Opel Adam zur Feier für das neue Modell

Steve Girsky eilt mit großen Schritten durch den Wappensaal der Wartburg. Für den kostbaren Deckenschmuck und die prächtigen Wandmalereien hat der GM-Vize und Opel-Aufsichtsratschef keinen Blick. Er sucht seinen Platz an der Rittertafel, die von mächtigen Kandelabern erleuchtet wird.

Wo einst Fürsten tafelten, wollen die Manager des US-Autoriesen General Motors (GM) erklären, wie sie die Konzerntochter Opel aufpolieren. Der Ort ist mit Bedacht gewählt. "Das soll auch zeigen, dass wir zu Opel und Deutschland stehen", sagt ein GM-Manager.

Die Wartburg in Eisenach ist in der Tat ein sehr deutscher Ort. Martin Luther hat dort die Bibel ins Deutsche übersetzt, Goethe mehrfach den sagenhaften Schauplatz des "Sängerkriegs" besucht. Im Vormärz kamen an dem Ort die aufmüpfigen Studenten zusammen, um die alte Ordnung zu stürmen.

"Wartburgfest, wann war das?", fragt Girsky. Nun, vor mehr als 150 Jahren. Der Amerikaner lächelt. Nicht nur der Ort ist sehr deutsch, auch die Gespräche, die Stimmung sind es. Sie blicken eben gern zurück, die Menschen in der alten Welt.

Glorreiche Vergangenheit aber bedrückende Gegenwart

Opel-Interimschef Thomas Sedran wird wenig später bei der Präsentation des Zukunftsplans "Drive 2022" von den Rennerfolgen der Marke vor einem Jahrhundert schwärmen. Von Fritz von Opel und vom Kadett. Für den Ostküsten-Mann Girsky ist das Ballast, er schaut nach vorn, spricht lieber über die Zukunft.

Darüber, dass GM Opel keinesfalls an PSA Peugeot-Citroën verkaufen werde, auch wenn die Franzosen drängeln. Dass Opel ab 2015 die Gewinnschwelle erreichen soll. Dass bis dahin die Fixkosten um 500 Millionen Dollar gedrückt werden, ohne dass man nach Bochum weitere Werke schließen wolle. Und dass man Marktanteile zurückgewinnen werde. Girsky sagt, dass Opel "wieder da ist", er beschwört das Comeback der gebeutelten Marke. Wieder einmal.

Adam und Mokka sollen es richten

Vor ihm hatten das schon die Opel-Lenker Karl-Friedrich Stracke und Nick Reilly getan. Warum sollte es diesmal klappen, Mr. Girsky? Der GM-Vize denkt kurz nach: "Weil wir ein neues Team haben, eine neue Unternehmenskultur und diesmal wirklich aggressiv an die Kosten gehen", sagt er. "Und weil wir uns inzwischen realistische Ziele setzen. Wir greifen nicht mehr nach den Sternen."

Ach ja, vor allem aber, weil Opel erstmals seit Jahren wieder etwas vorzuweisen hat: nach dem Mini-Geländewagen Mokka, der jüngst an den Start gegangen ist, gibt es ein weiteres neues Modell. Den Adam. Mit dem Stadtauto will die GM-Tochter durchstarten, und anders als der Asiate Mokka wird der Adam auch noch hierzulande gebaut. In Eisenach.

Ein Jahr haben die Eisenacher am Anlauf des Kleinwagens gearbeitet, 190 Millionen Euro hat GM in das Modell investiert, das als einziges seiner Klasse komplett in Deutschland entwickelt und gebaut wird. Darauf sind sie besonders stolz bei Opel. Die Produktion von Kleinwagen rechnet sich im Hochlohnland Deutschland normalerweise kaum, zu sehr drücken die Kosten auf die Marge. "Aber ich wüsste nicht, wo ich den Adam sonst bauen sollte wenn nicht hier", sagt der amtierende Opel-Chef Sedran.

Ein Sternenzelt aus LEDs im Auto

Die Kunden können beim Außendesign des Adam unter 61.000 Variationsmöglichkeiten wählen, im Innenraum gibt es 82.000 Varianten. "Wer einen Adam bestellt, bekommt fast zu hundert Prozent ein Unikat", sagt Sedran. Wer will sogar mit einem "Sternenzelt" aus LED-Leuchten am Himmel der Fahrgastzelle. "Dafür braucht man schon ein ganz besonders flexibles Werk."

Durchsetzen muss sich der Adam, der mit 11.500 Euro nicht zu den günstigsten seiner Klasse gehört, gegen etablierte Rivalen wie den Fiat 500 und den noch recht neuen Volkswagen Up. Doch das Management ist zuversichtlich: Mit dem Adam sei die Zukunft des Standorts Eisenach, an dem rund 1600 Mitarbeiter auch den Corsa montieren, in den nächsten Jahren gesichert. 16.000 Vorbestellungen gibt es für den 3,70 Meter langen Stadtflitzer bereits, dabei kann man ihn erst ab nächster Woche kaufen.

Mit einem der ersten Modelle braust Steve Girsky kurz nach elf Uhr im Werk Eisenach durch eine Stoffwand, die engagierte Sprayer kurz zuvor mit dem Schriftzug Adam verziert hatten. Es gibt eine bunte Show, Breakdance – denn man will junge Kunden gewinnen – und launige Ansprachen. Thüringens Wirtschaftsminister Matthias Machnig witzelt, der Adam zeige, dass man in Deutschland pünktlich Großprojekte stemmen könne und fordert selbiges bei der Bestellung für die Tochter. "Das ist ein Blauer mit weißem Dach. Bitte wie besprochen im März liefern." Gelächter.

Zehn Prozent weniger Lohn, damit der Adam in Eisenach gebaut wird

Üblicherweise mögen sie ja solchen Klimbim in Autowerken nicht, schon gar nicht bei Opel. Aber diesmal nehmen die Mitarbeiter das Schaulaufen der Manager, Politiker und Journalisten gelassen-freundlich hin. "Wir hatten nun wirklich genug schlechte Schlagzeilen in den vergangenen Monaten. Die Stimmung war angespannt bei den Kollegen", sagt Opelaner Matthias Rochau. "Mit diesen negativen Gedanken zu arbeiten fällt schwer. Aber jetzt sind wir stolz, dass der Adam läuft. Für uns ist das heute ein symbolischer Tag", so Rochau. Ein Tag der zeige, dass Opel nicht nur ständig neue Hiobsbotschaften erzeuge, sondern dass es weitergehe.

Dass die Belegschaft einiges dafür getan hat, dass Adam ein Deutscher wird, will Harald Lieske, Betriebsratschef in Eisenach, dennoch nicht unter den Tisch fallen lassen. "Der Adam ist uns lieb und teuer. Die Belegschaft hat dafür 2012 auf zehn Prozent des Löhne verzichtet." Sonst hätten die Thüringer nicht den Zuschlag bekommen. In Bochum wird man all das mit einiger Bitterkeit zur Kenntnis nehmen. Selbst Zugeständnisse haben dort nichts mehr retten können. Das Werk soll 2016 auslaufen.

Der kleinste Opel ist Teil einer milliardenschweren Modelloffensive, mit der der unter Überkapazitäten leidende Autobauer aus den roten Zahlen kommen will. "Wir bringen zwischen 2012 und 2016 insgesamt 23 neue Modelle und 13 neue Motoren auf den Markt", kündigte Girsky an.

Im April kommt das Cabrio Cascada

Die neuen Modelle sind neben der Kostenreduzierung, der Allianz mit Peugeot-Citroën und dem Plan, neben Opel andere Konzernmarken in den Werken zu bauen, die entscheidende Säule im Sanierungsplan des Managements. Nach dem Mokka und Adam soll im April das Cabrio Cascada folgen. Ein Grundübel Opels war neben unausgelasteten Werken und hohen Produktionskosten der Mangel neuer attraktiver Modelle, so hatten die Rüsselsheimer gegen übermächtige Konkurrenten wie VW kaum eine Chance.

An einem weiteren Schwachpunkt wird sich dagegen auch in Zukunft nichts ändern. Zwar verkauft Opel nun auch in Australien, Chile oder Israel Autos, aber das bleibt ein Randgeschäft und Opel bleibt weitgehend auf Europa beschränkt. "Autos außerhalb Europas zu verkaufen, rettet Opel nicht, das lastet die Werke nicht aus. Wir müssen die Schlacht in Europa schlagen und gewinnen", sagt Thomas Sedran.

Nach China wagt Opel sich nicht

Von einer großflächigen Offensive außerhalb Europas hält er wenig. "Warum sollen wir groß in China einsteigen? Die warten dort nicht auf uns. Aber 2012 wurden rund 600.000 Modelle der GM-Marke Buick in der Volksrepublik verkauft, und die sind baugleich mit Opel."

Derzeit sei das Geschäft in Europa ohne Zweifel schwer und Sedran sieht vorerst auch keine Besserung. "Aber langfristig wird sich der Markt erholen." Darauf bereite man sich vor, auch durch die Allianz mit PSA: "Ein Konzern wie GM braucht in jeder Region eine wettbewerbsfähige Größe, in Europa erreichen wir die mit PSA." Deshalb müsse man aber mit den Franzosen nicht fusionieren, so Sedran. "Kennen Sie eine Fusion in der Branche in jüngerer Zeit, die funktioniert hätte?"

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