09.01.13

Amokläufe

Jeder hat ein Recht auf Waffen, oder?

Trotz des Amoklaufs in den USA lieben die Amerikaner ihre Pistolen und Gewehre. Gegenwärtig kaufen sie so viele Waffen wie noch nie. Was steckt hinter der Lust auf Bewaffnung? Versuch einer Antwort.

Foto: getty Images/Gallo Images

Ein amerikanisches Ideal auf den Kopf gestellt? Als Rambo im gleichnamigen Film ist Sylvester Stallone schwer bewaffnet
Ein amerikanisches Ideal auf den Kopf gestellt? Als Rambo im gleichnamigen Film ist Sylvester Stallone schwer bewaffnet

Es ist jetzt schon ein paar Jahre her, seit ich das erste Mal mit einem Trommelrevolver geschossen habe. Er lag schwer in der Hand: eine große, schöne, glänzende Waffe, die aussah, als stamme sie direkt aus einem Wildwestfilm. Ja, ein 45er-Colt. Ich schoss gern damit, denn der Rückschlag war nicht allzu hart. Später ließ mein Bruder mich noch ein paar Schuss aus seiner Glock abfeuern.

Die Glock, eine österreichische Pistole, ist die Standardwaffe der New Yorker Polizei – ein modernes, dunkles, hässliches Kunststoffding. Ich empfand den Rückschlag als geradezu beängstigend: Im selben Moment, da ich den Abzug durchdrückte, schlug es die Waffe steil nach oben, als habe ein unsichtbarer Riese brutal von unten gegen den Lauf gekickt. Das Geräusch beim Abfeuern klingt überhaupt nicht wie der satte Knall, den man aus dem Kino kennt. Es ist ein böses, trockenes Schnalzen, so grässlich laut, dass man es nur mit Ohrenschützern aushält.

Möchtegern-Revolverheld

Ich bin wohl eher ein Revolver- als ein Pistolentyp, beschloss ich hinterher. Metallbeförderungsmaschinen aus dem Wilden Westen entsprechen mir mehr als das neumodisch-praktische Zeug. Noch eine Empfindung ist vielleicht mitteilenswert. In dem Moment, da man eine scharfe, geladene Waffe in der Hand hält, befällt jeden Menschen, der kein Psychopath ist, ein geradezu überwältigendes Gefühl der Verantwortung.

Plötzlich befindet man sich ganz in der Gegenwart, alle sieben Sinne sind hellwach. Nichts Pubertäres oder Albernes hat vor diesem Verantwortungsgefühl Bestand; undenkbar etwa, dass man den Lauf, und sei es im Spiel, auf einen der Umstehenden richten würde. Man will ja um Gottes willen weder sich noch seinen Mitmenschen wehtun.

Spaß am Herumballern

Jene ballistische Übung fand auf einem Schießstand in Minnesota statt – aber was heißt hier schon Schießstand: Es waren bloß ein paar Heuhaufen und Zielscheiben unter freiem Himmel, hundert Meter abseits vom Highway. Ich schoss dann noch mit einem Kleinkalibergewehr und traf überraschend oft ins Schwarze. Die Umstehenden beglückwünschten mich: "He's a natural", sagte ein älterer Mann hinter mir. Ich sei also ein Naturtalent.

Die anderen Leute, die dort an jenem Nachmittag zum Spaß herumballerten (mehr Männer als Frauen), sahen ganz normal aus: wie Menschen, die tagsüber zur Arbeit in ein Büro gehen. Allerdings trugen sie leichte Westen über ihren Jacken, die mit tiefen Taschen ausgestattet waren – für die Munition. Wahrscheinlich waren die meisten Leute um mich herum Wähler der Demokratischen Partei: Minnesota ist ein ziemlich linksliberaler Bundesstaat. Die Todesstrafe wurde dort schon 1911 abgeschafft – und es gibt ein Sozialsystem, das für amerikanische Verhältnisse exorbitant ausgestattet ist.

Die Macht der Waffenbesitzer

Hätte aber jemand den Männern und Frauen auf dem Schießstand gesagt, die Bundesregierung in Washington werde bald Beamte vorbeischicken, um ihre Waffen zu konfiszieren, wäre ihre Reaktion wohl ein verächtliches Schnauben oder Gelächter gewesen. Bitte wie? Ihre Waffen beschlagnahmen?!

Ebenso gut hätte die Bundesregierung ein Gesetz beschließen können, das jedem Bewohner von Minnesota auferlegte, künftig in einem Haus aus grünem Käse zu wohnen. Und wenn die Leute auch nur einen Moment lang geglaubt hätten, es handle sich hier um einen ernst gemeinten Plan, wäre ihre Reaktion nicht Gelächter, sondern ein kollektiver Wutschrei gewesen. Mit dem Ruf "In tyrannis!" wären die Waffenbesitzer nach Washington DC aufgebrochen, um das Weiße Haus niederzubrennen.

Hobbes gegen Harrington

Wer diese mögliche Reaktion verstehen will, muss rund 400 Jahre in die Geschichte zurückgehen. Alles beginnt mit einem Streit zwischen zwei Autoren: auf der einen Seite Thomas Hobbes hier, auf der anderen Seite der Barrikade James Harrington dort. Hobbes floh 1640 aus England nach Paris, zwei Jahre später brach in seinem Heimatland ein Bürgerkrieg aus – die Truppen des Königs kämpften gegen die Parlamentsarmee. Hobbes sah jenen Bürgerkrieg von seinem Pariser Exil aus mit Abscheu; er reagierte auf ihn mit seinem Meisterwerk, dem "Leviathan" (1651).

In diesem Buch schilderte er den Staat als ein menschengemachtes Ungeheuer und dekretierte, die einzige Alternative zu einem allgemeinen Hauen, Stechen und Niederkartätschen sei die absolute Herrschaft eines Monarchen (Entwaffnung der Bürgerkriegsparteien inklusive). Hobbes legte also das ideologische Fundament für die moderne Doktrin vom "Gewaltmonopol des Staates".

Vorbild Sparta

Sein Antipode Harrington floh nicht, er blieb in England – und publizierte 1656 eine polemische Antwort auf den "Leviathan". Er beschrieb einen utopischen Traum, der vor seinen Augen beinahe Wirklichkeit geworden wäre – "The Commonwealth of Oceana". Eine ideale Republik, ein Gemeinwesen, in dem die Freien als rechtlich Gleichgestellte zusammenleben, ein Staat, in dem das niedere Volk sogar – was damals doch ziemlich unerhört war – seine eigenen Vertreter wählen durfte. Waffen in den Hände der Bürger gehörten für James Harrington selbstverständlich dazu, denn freie Menschen haben die Pflicht und das Privileg, ihr Gemeinwesen auf eigene Faust zu verteidigen.

Seine klassischen Vorbilder dabei: das alte Israel vor der Königsherrschaft, die römische Republik, Sparta und Venedig. Das Gegenmodell: die Feudalstaaten, in denen der Fürst im Bedarfsfall schnell ein Söldnerheer aus dem Boden stampfte. Der Name James Harrington ist heute beinahe vergessen, im Unterschied zu seinem großen Gegner Thomas Hobbes. Aber in den Vereinigten Staaten hat er postum über Hobbes gesiegt. Der zweite Zusatzartikel zur amerikanischen Verfassung geht im Grunde auf ihn und seine republikanische Utopie zurück. Jener Zusatzartikel – das berühmte und berüchtigte Second Amendment – lautet in seiner vom Kongress anno 1789 verabschiedeten Fassung so: "A well regulated militia, being necessary to the security of a free state, the right of the people to keep and bear arms, shall not be infringed."

Gewehr oder lieber Granate

Auch englische Muttersprachler haben Schwierigkeiten zu verstehen, was damit eigentlich gemeint ist. Mindestens ein Komma zu viel scheint sich in diesen Satz verirrt zu haben. Aber es geht hier nicht um grammatische Feinheiten, sondern um die grobe Rechtswirklichkeit; und in seiner heutigen Auslegung besagt das Second Amendment, dass jeder Amerikaner – und jeder Ausländer, der sich für längere Zeit legal in den Vereinigten Staaten aufhält – grundsätzlich das Recht hat, sich zu bewaffnen. Welche Art von Waffe (Gewehr oder Pistole) an welchem Ort erlaubt ist; ob man sie zu Hause lassen muss, ob man sie mitführen darf; ob es ein Vergehen ist, wenn man eine funktionsfähige Handfeuerwaffe ins Handschuhfach seines Autos legt – all dies regeln Gesetze der amerikanischen Bundesstaaten.

Vermont hat ein anderes Waffenrecht als Florida, in Kalifornien gelten andere Regeln als in Texas. Einzelne Kommunen haben außerdem die Möglichkeit, das Second Amendment auf ein Minimum herunterzustutzen. So sind in meiner Heimatstadt New York sogar Spielzeugpistolen in der Öffentlichkeit verboten. Und selbstverständlich ist es legitim zu fragen, ob Sturmgewehre wirklich in die Hand von Privatpersonen gehören. Nach dem Massaker, das ein Geistesgestörter in einem Kindergarten in Connecticut anrichtete, stellte sich diese Frage mit neuer Schärfe.

Die Colts gehen an den Sheriff

Wenn Sturmgewehre, warum dann nicht auch vollautomatische Waffen? Wenn vollautomatische Waffen, warum dann nicht auch Granatwerfer? Wenn Granatwerfer, warum dann keine taktischen thermonuklearen Sprengköpfe? Und warum sind Kinder-Überraschungseier in den Vereinigten Staaten von Amerika streng verboten? Wenn ultrarechte Ideologen behaupten, jede Einschränkung des Rechts auf Waffenbesitz sei unamerikanisch, dann ist das einfach Unfug.

In der Vergangenheit sind Amerikaner mit diesem Thema meist mit großem Pragmatismus umgegangen: Im Wilden Westen etwa war es üblich, dass Durchreisende in einer Stadt ihre Colts erst einmal beim Sheriff abliefern mussten.

High Noon und die Bösewichte

Das Ideal des Waffen tragenden Freien bleibt trotzdem bestimmend für die amerikanische Republik. Am Ende des berühmten Westerns "High Noon" wirft der Sheriff verächtlich seinen Stern in den Staub; seine Verachtung gilt den Bewohnern der Stadt, die er gerade vor einer Bande von Bösewichten beschützt hat. Eigentlich wäre es ihre Sache gewesen, sich selbst darum zu kümmern, statt nach ihm – dem starken Mann – zu rufen. Es ist wichtig zu verstehen, dass dies nicht zu jenen Glaubenssätzen gehört, die Linke und Rechte in Amerika voneinander unterscheiden.

Die meisten Leute auf jenem Schießstand in Minnesota, wo ich meinen Colt abfeuerte, hassten den damals amtierenden Präsidenten – einen gewissen George W. Bush – nicht weniger als jeder europäische Friedensdemonstrant. Und viele Schwarze in den amerikanischen Südstaaten waren in der Zeit der Rassentrennung zahlende Mitglieder der Waffenlobby National Rifle Association. Sie wollten im Ernstfall fähig sein, sich gegen weiße Rassisten zur Wehr zu setzen. Die bigotten Kapuzenträger des Ku-Klux-Klan dagegen hätten die Schwarzen gern waffenlos gesehen. Sie waren also dafür, das Second Amendment über den Haufen zu werfen.

Wilhelm Tell und die Knarren

Muss Europäern das alles fremd erscheinen? Hier ein Dialog aus einem klassischen deutschen Drama: Wir hören – "Wilhelm Tell", dritter Aufzug, erste Szene – ein Familienidyll im Hause eines Schweizer Freiheitshelden. Friedrich Schiller lässt Hedwig, die Frau des Protagonisten, voller Sorge sagen: "Die Knaben fangen zeitig an zu schießen." Tell erwidert unbekümmert: "Früh übt sich, was ein Meister werden will." Hedwig kann daraufhin einen pazifistischen Stoßseufzer nicht unterdrücken: "Ach, wollte Gott, sie lerntens nie!" Wilhelm Tell antwortet streng: "Sie sollen alles lernen. Wer durchs Leben/ Sich frisch will schlagen, muss zu Schutz und Trutz/ Gerüstet sein."

Schöner als bei Schiller ist das amerikanische Credo nie formuliert worden. Man will sich frisch durchs Leben schlagen; man will zu Schutz und Trutz – also zur Selbstverteidigung und als Abschreckung – Waffen in der Hand tragen. Man kann dieses Ideal rundheraus ablehnen. Allerdings muss man dann erklären, warum bisher immer nur Obrigkeitsstaaten darauf bestanden haben, ihre Bürger zu entwaffnen.

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