07.01.13

Fluggesellschaft

Warum Mehdorn als Retter von Air Berlin scheiterte

Mehdorn wollte Deutschlands zweitgrößte Fluggesellschaft aus der Krise führen. Doch bei Air Berlin haben mittlerweile andere das Sagen.

Foto: REUTERS

Mehdorn macht den Abflug - Air Berlin bleibt in Turbolenzen
Mehdorn macht den Abflug - Air Berlin bleibt in Turbolenzen

Hartmut Mehdorn ging es nicht ums Geld. Glaubt man einem langjährigen Weggenossen, so wollte der gelernte Maschinenbauingenieur zeitlebens Chef einer Airline sein – und hat wohl auch deshalb die Herausforderung angenommen, im Pensionärsalter die zweitgrößte deutsche Airline aus der Krise führen zu sollen. Weit mehr als eine Million Euro hat der ehemalige Bahnchef in seinen 15 Monaten als Interimschef der Air Berlin verdient. Sein Vertrag als CEO endet 2013, es dürfte also eine weitere dazukommen, zumal Mehdorn wieder Mitglied im Verwaltungsrat wird. Kein schlechter Nebenverdienst für einen Pensionär, glücklich und zufrieden ist Mehdorn trotzdem nicht.

Sein Ziel waren "nachhaltige Gewinne" bei Deutschlands zweitgrößter Fluggesellschaft. Und die konnte Air Berlin seit Jahren nicht mehr vorweisen. Die von Mehdorn-Vorgänger Joachim Hunold gegründete Airline war nach einer rasanten Expansion in wirtschaftliche Turbulenzen geraten. Das Unternehmen hatte unter anderem Konkurrenten wie DBA, LTU und Niki geschluckt. Das hat zwar Umsatz gebracht, aber Air Berlin fliegt seit Jahren operativ mit Verlust.

Einfluss schwindet

Auch die immer wieder verzögerte Eröffnung des Berliner Hauptstadtflughafens, die stetig steigenden Kerosinpreise und die deutsche Luftverkehrsabgabe machen Air Berlin schwer zu schaffen. Und weil sich trotz einer erheblichen Finanzspritze des Großinvestors Etihad Airways 2012 die Lage immer weiter verschlimmerte, hat Etihad-Chef James Hogan seinen Einfluss bei der angeschlagenen deutschen Fluggesellschaft zuletzt immer weiter ausgedehnt.

So setzte Hogan im Spätsommer persönlich die Berufung des ehemaligen Chefs der Lufthansa-Tochter bmi, Wolfgang Prock-Schauer, zum Air-Berlin-Vorstand im Verwaltungsrat durch. Ab da war Mehdorn ein Vorstandschef auf Abruf, und Air Berlin wurde mehr und mehr zum Puzzleteil in den strategischen Planspielen der Etihad-Manager. Denn die drei großen Fluggesellschaften vom Arabischen Golf kurbeln derzeit den Wettbewerb mit den etablierten Gesellschaften spürbar an und schließen dabei ganz neue Allianzen. Erst kürzlich verbündete sich Emirates mit der australischen Qantas, Etihad vereinbarte zusätzlich eine enge Zusammenarbeit mit Air France/KLM und prüft derzeit eine Beteiligung an Jet Airways, der zweitgrößten indischen Airline. Qatar Airways wiederum strebt den Beitritt zu Oneworld an, dem zweitgrößten weltumspannenden Airline-Netzwerk – zu dem seit Frühjahr 2012 auch Air Berlin gehört.

Verschärfter Sparkurs

Mehdorn wollte trotz aller Widrigkeiten seinen Traum nicht aufgeben, der Retter der Air Berlin zu werden. Um die Bilanz aufzuhübschen, hat Air Berlin im Dezember sogar die Mehrheit seines Vielfliegerprogramms Top-Bonus, also die eigene Kundendatei, für viel Geld an Etihad verkauft. Kurz vor Weihnachten saßen dann Hogan und Mehdorn gemeinsam auf dem Podium, um die Gründe für diese bislang in Europa einzigartige Aktion zu erklären. Und dabei zeigte sich, wer bei Air Berlin mittlerweile das Sagen hat. Mehdorn wurde im Laufe der Pressekonferenz immer stiller, und am Ende beantwortete Hogan fast im Alleingang jede kritische Frage der Journalisten, wie es bei der angeschlagenen Air Berlin denn jetzt weitergehen soll.

Kurz zuvor hatte Mehdorn den lieben Kolleginnen und Kollegen im Cockpit und der Kabine in einem Brief noch mit auf den Weg gegeben: "Seien Sie gewiss, dass wir alles tun, um unser Unternehmen zu sichern." Zuvor hatte er mit dem Kostensenkungsprogramm "Turbine" den Sparkurs noch einmal verschärft und damit auch einen einhergehenden Stellenabbau angekündigt. In diesem Jahr sollte die Airline ihre Flotte auf 138 Flugzeuge schrumpfen, die Abläufe sollten weiter gestrafft werden. Sollte es so kommen, sind mindestens 500 Vollzeitarbeitsplätze gefährdet. Insgesamt beschäftigt Air Berlin rund 9300 Mitarbeiter. Vier Tage vor Heiligabend lud Mehdorn dann alle Mitarbeiter für den 15. Januar zu einer Betriebsversammlung ein, um ihnen Einzelheiten des Umbauplans "Turbine 13" zu präsentieren.

Prock-Schauer soll Interesen von Etihad durchsetzen

Das wird nun Wolfgang Prock-Schauer übernehmen. Der hat sich als Chief Strategy and Planning Officer (CSPO) in den vergangenen Monaten in Gesprächen mit vielen Mitarbeitern der Airline ein Bild gemacht über die aktuelle Lage der Air Berlin und ihre strategischen Optionen. Und er hat sich offenbar durch die Art und Weise, wie er die Gespräche führte, Respekt erworben. "So lange hat sich ein Vorstand noch nie Zeit genommen für ein Gespräch, und er hat zugehört" sagt ein hochrangiger Air-Berlin-Manager.

Der Österreicher Prock-Schauer begann seine Karriere Anfang der 80er-Jahre bei Austrian Airlines, war Chef des Luftfahrtbündnisses Star Alliances und hoffte, einmal Chef bei Austrian werden zu können. Als klar wurde, dass dieser Weg versperrt war, nahm er er das Angebot des indischen Selfmademans Naresh Goyal an, CEO bei Jet Airways zu werden. Goyal hatte Jet gegründet und brachte die Airline zusammen mit Prock-Schauer 2006 mit Erfolg an die Börse. Ende 2008 kam es dann zum Bruch. Prock-Schauer hatte die Entlassung von fast 2000 Mitarbeitern angekündigt, die Goyal dann kurz darauf wortreich zurücknahm: "Ich entschuldige mich für all die Qualen, die Sie in den vergangenen zwei Tagen durchlitten haben. Sie alle können von Freitag an wieder zur Arbeit erscheinen." Das wird Prock-Schauer bei Air Berlin nicht noch einmal passieren.

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