07.01.13

Jugendarbeitslosigkeit

Südeuropa klont den deutschen Erfolgs-Lehrling

In den Krisenstaaten hat teils die Hälfte der Jugendlichen keinen Job, in Deutschland sind es nur acht Prozent. Nun kupfert Südeuropa bei den Deutschen ab – und die Bundesregierung leistet Starthilfe.

Von Florian Eder
Foto: dpa-tmn

Lehrlinge, die eine Ausbildung zum Zerspanungsmechaniker machen
Lehrlinge, die eine Ausbildung zum Zerspanungsmechaniker machen

Ein Zahlenpaar belegt das Drama von Portugals Arbeitssuchenden. Über die Hälfte von ihnen wird nach neuen Daten des europäischen Zentrums für die Förderung der Berufsbildung (Cedefop) im Jahr 2020 nur eine niedrige Qualifikation haben, das heißt etwa einen Schulabschluss nach der Pflichtschulzeit, aber nicht viel mehr.

Aber nur 15 Prozent der verfügbaren Arbeitsplätze sind für Menschen mit niedriger Qualifikation zugänglich. Die Zukunft liegt, europaweit, in der Mitte: Für 51 Prozent aller Jobs werden Unternehmen im Jahr 2020 Menschen mit mittlerer Qualifikation suchen – das heißt laut Cedefop-Direktor Christian Lettmayr vor allem: "Menschen, die eine Berufsausbildung abgeschlossen haben."

Diese Mitte aber fehlt vielen Ländern Europas: Stellen in Portugal die Geringqualifizierten die Mehrheit, so setzt sich in Griechenland oder Spanien seit Jahren schon ein gegenläufiger Trend fest: "Gemessen am Arbeitskräftebedarf, sehen wir da schon zu viele Universitätsabsolventen", sagt Lettmayr.

Nach den Vorhersagen seiner Agentur, die er den Bildungsministern der Krisenländer im Süden jüngst präsentierte und die der "Welt" vorliegen, wird der Anteil der Jobs für Hochqualifizierte im Jahr 2020 bei 34 Prozent von allen Arbeitsplätzen liegen – in Spanien wird diese Gruppe dann aber mehr als 42 Prozent der Erwerbstätigen ausmachen.

Zu viele Akademiker, zu viele Niedrigqualifizierte

Dieser Bruch des Wohlfahrtsversprechens aller Generationen seit dem Zweiten Weltkrieg an ihre Nachkommen, dass Investitionen in den höchstmöglichen Bildungsabschluss sich auch für den Einzelnen wirtschaftlich lohnen, scheint in akuter wirtschaftlicher Not noch das kleinere Übel.

Dass Jobs für Geringqualifizierte heute schon weniger werden, aber auch die mit hohem Ausbildungsniveau hart von der Rezession in weiten Teilen Europas getroffen werden, legen auch die jüngst veröffentlichten Zahlen der EU-Kommission zu EU-weiten Neueinstellungen nahe. Die Gefahr in beiden Fällen: steigende Arbeitslosigkeit vor allem bei denen, die neu in den Arbeitsmarkt drängen.

Die dramatische Lage ihrer Jungen bringt die Länder Südeuropas nun dazu, ihre Ausbildungssysteme umzubauen, weg von einem rein unterrichtsbasierten Modell. Sie wollen dabei von deutschen Erfahrungen profitieren.

Deutschland, Italien, Spanien, Portugal, Griechenland sowie die Slowakei und Lettland haben daher kürzlich auf Ebene der zuständigen Minister vereinbart, das duale System der Berufsausbildung, der Normalfall in Deutschland, auf lange Frist zu einem Standard von der Ostsee bis zur Ägäis zu machen.

Die Not einer ganzen Generation alarmiert die Regierungen

Ein Erfolg versprechender Ansatz, sagt Lettmayr: "Die Regierungen suchen verzweifelt nach Auswegen aus der dramatischen Lage an den Arbeitsmärkten. Das duale System der Berufsausbildung nach deutschem Vorbild kann einen solchen darstellen."

Im Januar 2012 hatten die EU-Regierungschefs verabredet, im Kampf gegen die Arbeitslosigkeit der Jungen mehr voneinander lernen zu wollen. Nun gehen die ersten Initiativen an den Start. Bei mehr als 50 Prozent liegt die Arbeitslosenquote der 18- bis 24-Jährigen heute in Griechenland und Spanien, ein Spitzenwert.

Kaum weniger dramatisch sieht es für Schulabgänger und Absolventen in Portugal und großen Teilen Italiens aus. Die Not einer ganzen Generation lässt die Erkenntnis der Regierungen reifen, dass die Lage nicht von alleine besser wird.

Eine "alarmierend große Zahl", nämlich 14 Prozent der jungen Menschen verlasse die Schule ohne jede formale Qualifikation, heißt es in einem Memorandum, das die Minister unterzeichnet haben. "Es ist wichtig, diesen jungen Menschen die Aussicht auf qualitativ hochwertige Berufsausbildung anzubieten", heißt es darin.

So soll geprüft werden, wie "die duale oder betriebliche Ausbildung Modell der Berufsausbildung in Europa" werden kann. Schon im Januar soll es mit Beteiligung der EU-Kommission ein weiteres hochrangiges Treffen in Bonn geben, mit dem Ziel, weitere Länder für das Modell zu begeistern, mit dem Deutschland gute Erfahrungen gemacht hat.

Duales System bietet jede Menge Vorteile

Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei nur acht Prozent, der niedrigste Stand in der EU und weit unter dem europäischen Durchschnitt, der bei 25 Prozent liegt. Das duale System hat daran seinen Anteil.

"Die Verbindung zu wirklichen Arbeitssituationen garantiert eine enge Abstimmung zwischen Ausbildung und den Anforderungen von Arbeitgebern", sagt Lettmayr – ganz abgesehen davon, dass Auszubildende damit engen Kontakt zu zumindest einem möglichen Arbeitgeber entwickeln können.

"Ein Lehrling lernt aber eben auch, pünktlich zu kommen, sich in sozialen Organismus einzufügen, mit Kunden umzugehen. Dinge, die er in dieser Form in der Schule nicht unbedingt beigebracht bekommt."

Für Deutschlands Jugendliche bleibt die Lage gut

"Unser neuer Exportschlager" sei die duale Ausbildung, freute sich Bundesbildungsministerin Annette Schavan (CDU) schon. 30 "Leuchtturmprojekte" sollen nach dem Jahreswechsel in den Partnerländern angeschoben werden, zehn Millionen Euro schießt die Bundesregierung zu.

Einfach kopieren dürfe man das deutsche Modell aber nicht, warnt Experte Lettmayr.

Die Berufsausbildung sei, wie auch in Österreich, Luxemburg oder Dänemark zwar gut, aber "weder perfekt noch statisch". Vor allem eines könne man sich abschauen: die Durchlässigkeit des Bildungssystems für Bedürfnisse des Arbeitsmarktes. Neue Inhalte könnten so schneller in den Lehrplan eingebaut werden.

Für Deutschland passen Angebot und Nachfrage nach den Cedefop-Zahlen recht gut zusammen. Die Mitte der Bildungsskala ist breit, im Jahr 2020 werden ihr 58,5 Prozent der Erwerbstätigen angehören.

Quelle: DW
15.10.12 4:06 min.
Sie kommen aus Italien, Österreich oder Deutschland - junge Europäer, die sich miteinander messen wollen. Es sind Lehrlinge aus verschiedenen Berufen, Mechatroniker oder Elektroinstallateure.
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Jugendarbeitslosigkeit in Europa
  • Krisenländer

    In den krisengeschüttelten Ländern Südeuropas hat die Arbeitslosigkeit unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen Rekordausmaße erreicht. So ist nach Zahlen der Europäischen Statistikbehörde Eurostat mehr als jeder Zweite unter 25 Jahren in Griechenland ohne Job (57 Prozent im August), ebenso in Spanien (55,9 Prozent im Oktober). In Portugal (39,1 Prozent) und Italien (36,5 Prozent) hatte im Oktober jeder Dritte in dieser Altersgruppe keine Arbeit.

  • EU-Quote

    Seit Ausbruch der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise hat sich die Situation erheblich verschlechtert. Während die Quote im Herbst 2008 bei 15 Prozent lag, ist derzeit in ganz Europa mehr als ein Fünftel (23,4 Prozent) der Jungen arbeitslos.

  • Stabile Länder

    Am besten ist die Lage in Deutschland mit einer Jugend-Arbeitslosenquote von 8,1 Prozent, in Österreich mit 8,5 Prozent und in den Niederlanden mit 9,8 Prozent. Diese Länder kommen bisher ohne gravierende Jobverluste durch die Krise.

  • Vergleichsmaßstab

    Arbeitslose Jugendliche machen sich übrigens in der Statistik stärker bemerkbar als Erwachsene, weil die Erwerbsbevölkerung dieser Gruppe kleiner ist – ein Teil der jungen Erwachsenen studiert und bleibt bei der Rechnung außen vor. Das sorgt für eine höhere Quote. Zum Vergleich: Bei den Erwachsenen ist in den 27 EU-Ländern etwas mehr als jeder Zehnte arbeitslos (10,7 Prozent). dpa

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