06.01.13

Foto-App

Berliner Startup greift Instagram an

Der Markt der Fotoplattformen im Internet ist umkämpft wie kaum ein anderer. Nach dem Kauf von Instagram und face.com durch Facebook erzielt das Berliner Startup EyeEm zweistellige Zuwachsraten.

Von Jürgen Stüber
Foto: REUTERS

Ein Klick und schon steht das Smartphone-Foto im Internet. Apps wie EyeEm machen es kinderleicht, solche Fotos mit seinen Freunden zu teilen
Ein Klick und schon steht das Smartphone-Foto im Internet. Apps wie EyeEm machen es kinderleicht, solche Fotos mit seinen Freunden zu teilen

Fotos sind die neue Kommunikationsform des mobilen Internet. Sie haben längst das geschriebene Wort verdrängt. Weit mehr als 100 Milliarden Fotos sind bereits im Web gespeichert. Und es werden täglich mehr. Die genaue Zahl ist unbekannt. Apps für Smartphones und Tablets helfen dem Nutzer beim Senden, Empfangen und Filtern von Bildern, die ihn interessieren.

Eine solche Foto-App für Apple-, Windows- und Android-Geräte ist EyeEm. Mit ihr lassen sich Aufnahmen spielerisch mit Effektfiltern und Rahmen verfremden und teilen. EyeEm kann mehr, denn coole Filter allein reichen nicht, um sich von Mitbewerbern wie "Instagram" abzugrenzen und zu behaupten.

EyeEm bietet eine zusätzliche Ebene: Wer sich einloggt, sieht nicht nur – wie bei den meisten Plattformen – Fotos von Freunden. Er sieht auch Bilder von Menschen mit gleichen Interessen und von Orten, an denen er sich gerade aufhält oder aufgehalten hat.

Themen und Orte ergänzen den sozialen Graph

"Der Social Graph stirbt aus", prophezeit EyeEm-Gründer Florian Meissner und meint damit den Kern der Facebook-Philosophie, wonach sich ein Internetnutzer allein über seine sozialen Kontakte und seine Empfehlungen (Gefällt-mir-Button bei Facebook oder Check-ins bei Foursquare) definiert. "Er wird sich auf Themen verlagern."

Auf EyeEm lassen sich Fotos veröffentlichen, ohne ein Wort zu schreiben. Der Nutzer klickt für sein Handyfoto aus Listen ein passendes Thema an (zum Beispiel Working, Hanging Out, Taking Photos) sowie einen Ort. Themen und Orte lassen sich auch frei wählen.

Diese beiden Parameter dienen dazu, das Foto auf den Profilen der Nutzer zu zeigen, für die es interessant sein könnte. Sie können das Foto liken oder kommentieren. Ferner kann das Foto zusätzlich auf Facebook, Twitter und Foursquare veröffentlicht werden.

Ein iPhone ersetzt die Profikamera

Die Rubrik "Entdecken" zeigt Bilder, die besonders oft angesehen werden, die aus der aktuellen Umgebung des Nutzern stammen oder zu seinen Lieblingsthemen gehören.

Alles hatte mit einer gestohlenen Kamera begonnen. Florian Meissner war nach New York gereist, um dort als Fotograf zu arbeiten. Er wurde in der Subway überfallen: Seine Ausrüstung war weg. Ein gebrauchtes iPhone, das ihm ein Bekannter schenkte, wurde sein neues Arbeitsgerät.

Meissner entdeckte das Sujet der Street Photography, arbeitete an einem Buch und einer Ausstellung, in der mehrere Fotografen ihre Bilder aus dem öffentlichen Raum zeigen sollten. Crowdsourcing fand zu dieser Zeit noch in der realen Welt statt.

Als das Teilen von Bildern unmöglich war

2009: Das iPhone mit seiner Zwei-Megapixel-Kamera war gerade mal zwei Jahre auf dem Markt. Polarize und ShakeltPhoto hießen die ersten Apps, mit der sich Bilder im Stil von Polaroid-Fotos verfremden ließen. "Hipstamatic" und "Instagram" kamen ein Jahr später in Apples App-Store und fanden binnen weniger Monate jeweils mehr als eine Million Nutzer. Inzwischen war es auch möglich geworden, Bilder zu teilen.

Meissner war wieder nach Berlin zurückgekehrt und hatte das Potenzial erkannt, das im Teilen von Bildern steckte. Mit seinen drei Freunden Lorenz Aschoff, Gen Sadakane und Ramzi Rizk begann er, eine eigene Foto-Plattform im Internet zu entwickeln. "Wir waren vier Naseweise, hatten keine Ahnung, machten eine Menge Fehler, haben aber auch eine Menge gelernt", sagt er heute.

Die App erreichte im August 2011 die Apple- und Android-App-Stores. "Die ersten 5000 Nutzer kannte ich noch persönlich", erinnert sich Meissner. Doch das sollte sich schnell ändern.

Monatlich 30 Prozent Wachstum

Ausgerechnet Instagram, der größte Mitbewerber, bescherte dem Berliner Startup einen Extra-Schub. Als die von Facebook übernommene Plattform im Dezember 2012 handstreichartig die Urheberrechte aller Bilder an sich riss, liefen Nutzer scharenweise zu EyeEm über. "Davon haben wir sehr stark profitiert", sagt Meissner. "Wir wachsen monatlich um 30 Prozent." Absolute Zahlen will der Gründer nicht nennen. Die Multiplattform-App wurde nach Informationen von "TechCrunch" mehr als eine Million Mal heruntergeladen.

Datenschutz und Urheberrechte sind den Berlinern heilig. "Die Facebook-Mentalität geht nicht", sagt Meissner und meint damit die seit Jahren zunehmende Entrechtung der Nutzer und die besonders von deutschen Datenschützern immer wieder kritisierte fehlende Transparenz der Privatsphäre-Einstellungen innerhalb des amerikanischen Netzwerks.

Bei EyeEm werden die Privatsphärebedingungen in Umgangssprache übersetzt, so dass sie auch von Nicht-Juristen verstanden werden. "Sollten wir diese einmal ändern, gilt immer Opt-in", versichert Meissner. Das bedeutet, dass neue Regelungen erst dann gelten, wenn der Nutzer ihnen zugestimmt hat.

Fotowettbewerbe als Geschäftsmodell

Auch bei den Zugriffsrechten zeigt sich EyeEm zurückhaltend. Anders als etwa bei "Flickr" und anderen Social-Apps greift EyeEm nicht auf die Kontaktdaten oder den Telefonstatus des Smartphones zu.

Wie bei allen Startups stellte sich auch bei EyeEm die Frage nach dem Geschäftsmodell: Eine App zu bieten, auf der Nutzer ihre Fotos teilen, ist ja gut und schön. Doch was bringt das ein? Keine der großen Fotosharing-Plattformen konnte bisher mit einem schlüssigen Geschäftsmodell überzeugen.

EyeEm sieht das anders. Geplant seien Kampagnen in der Art von Fotowettbewerben, bei denen Marken wie Hotelketten oder Fluglinien ein Thema vorgeben und dann die besten Bilder prämiert werden. "Die Marken erhalten Bilder von zufriedenen Kunden", beschreibt Meissner dieses Konzept. Solche "Missions" könnten lokal aber auch weltweit bespielt werden, seien also frei skalierbar.

Agenturen fragen nach künstlerisch wertvollen Bildern

Ferner könnten die zum Teil qualitativ hochwertigen Fotos vermarktet werden – allerdings nur mit Zustimmung und Bezahlung des Fotografen. "Das hat Potenzial und es besteht Nachfrage von Agenturen", berichtet der Gründer.

"Wir lassen uns da strategisch nicht in eine Richtung drängen", sagt Meissner. Und wie geht es weiter? Hofft EyeEm auf den schnellen Exit – also den Verkauf der Plattform an ein größeres Internet-Unternehmen für einen Millionenbetrag? Nein, das sei nicht geplant, sagt der Gründer. "Die Community ist mein Leben."

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