05.01.13

Schuldenkrise

US-Notenbank wird die Pleite des Landes verhindern

Den USA droht nun genau das, was Europa seit Jahren belastet: eine Schuldenkrise. Doch die US-Notenbank wird eine Pleite des Landes nicht zulassen – und so europäische Anleger glücklich machen.

Foto: Getty Images

Freiheitsstatue: Die USA folgen Südeuropa auf dem Weg in die Schuldenkrise
Freiheitsstatue: Die USA folgen Südeuropa auf dem Weg in die Schuldenkrise

Es kommt einem bekannt vor. Die Ratingagenturen drohen mit einer Herabstufung der Kreditwürdigkeit. Der Internationale Währungsfonds (IWF) verlangt einen nachhaltigen Plan zur Steigerung der Einnahmen des Staates.

Und das Volk hat nur noch Spott für die zerstrittenen und scheinbar unfähigen Politiker in der Hauptstadt übrig. Bloß dass es diesmal nicht um ein südeuropäisches Euroland geht. Es geht um die USA.

Nach dem Kompromiss zum amerikanischen Haushalt am Neujahrstag herrschte Euphorie. Die Aktienindizes erklommen neue Rekordstände, denn die sogenannte fiskalische Klippe, der Absturz der Wirtschaft aufgrund drastischer Einschnitte ins Budget, schien abgewendet. Doch der Jubel ist verflogen.

Mehr und mehr wird deutlich, dass das größte Problem des Landes weiter einer Lösung harrt: der immer schneller wachsende Schuldenberg. Davon, ob dieser endlich begrenzt, geschweige denn abgetragen werden kann, hängt nicht nur Amerikas Zukunft ab, sondern Wohl und Wehe von Wirtschaft und Finanzmärkten der ganzen Welt.

Denn Griechenland, Portugal, Irland und Spanien sind – selbst zusammengenommen – kaum der Rede wert, wenn man zum Vergleich das Ausmaß der amerikanischen Schulden betrachtet. Mehr als eine Billion Dollar kamen zuletzt Jahr für Jahr hinzu, also 1000 Milliarden und damit mehr als Spanien an Gesamtschulden hat.

Betrug die Verschuldung der USA vor fünf Jahren noch knapp neun Billionen Dollar und entsprach damit 65 Prozent der Wirtschaftsleistung, sind es inzwischen schon 16,4 Billionen und damit mehr, als die USA in einem Jahr erwirtschaften.

Südeuropa hat das Problem immerhin schon erkannt

Das einflussreiche Wirtschaftsmagazin "Economist" titelt daher dieser Tage sogar schon "Amerika wird europäisch" – und das ist nicht positiv gemeint. Denn der Pfad, auf dem das Land wandelt, erinnert fatal an die Wege der Südeuropäer in die Schuldenkrise. Der einzige Unterschied: In Südeuropa haben die Regierungen inzwischen das Problem erkannt und versuchen ihre Haushalte in Ordnung zu bringen.

Zusammen mit den Maßnahmen der Europäischen Zentralbank hat das die Krise eingedämmt. "Die europäische Staatsschuldenkrise ebbt tatsächlich ab", stellt Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, fest.

Anders in den USA. Dort sind bislang keinerlei Ansätze zu erkennen, die Schulden zu begrenzen – daran ändert auch der Haushaltskompromiss vom Neujahrstag nichts. Er sieht zwar geringfügige Steuererhöhungen vor, schreibt aber gleichzeitig höhere Ausgaben bei der Arbeitslosenunterstützung fest.

Und drastische Kürzungen der Ausgaben, die ursprünglich zum Jahreswechsel als Automatismus in Kraft treten sollten, wurden erst einmal um zwei Monate aufgeschoben. Das Haushaltsbüro des Kongresses stellte daher fest, dass allein die jüngsten Beschlüsse den Schuldenberg in den kommenden zehn Jahren um weitere vier Billionen Dollar wachsen lassen werden. Hier ebbt nichts ab.

Keine Lösung in Sicht

"Die Debatte über die fiskalische Klippe und der Kompromiss in der letzten Minute haben nichts gelöst, außer dass dies gezeigt hat, dass unser System total kaputt ist und radikale Veränderungen notwendig sind", schließt David Rothkopf, ein Insider des Washingtoner Politikbetriebs und Chef des Magazins "Foreign Policy", daraus.

Auch die Ratingagentur Moody's forderte in der vergangenen Woche Maßnahmen zur Eindämmung der Schulden. Sollte es keine weiteren Anstrengungen zur Reduzierung des Haushaltsdefizits geben, "könnte dies die Kreditbewertung negativ beeinflussen".

Der Konkurrent S&P hatte das Rating der USA schon Ende Juli 2011 abgesenkt. Damals folgte ein wochenlanger Absturz der Aktienmärkte, der Deutsche Aktienindex (Dax) brach zeitweise um über 1000 Punkte ein.

Doch der geforderte große Wurf ist nicht zu erwarten. Zu weit auseinander liegen die Konzepte der politischen Parteien, hie die Republikaner, die am liebsten die Ausgaben des Staates Richtung null fahren würden, da der Präsident und seine demokratische Partei, die am liebsten die Steuern drastisch erhöhen würden, um das staatliche Budget auszugleichen. Und beide sind so verbohrt, dass Kompromisse als Scheitern empfunden würden.

Gehen die USA also demnächst der Pleite entgegen, so wie einst Griechenland? Nein, dies ist auszuschließen. Denn das verhindert allein schon die Notenbank, die im Zweifel alles aufkauft, was keine anderen Abnehmer an den Finanzmärkten findet.

Kalte Enteignung

Gläubiger der USA werden also nicht durch einen Bankrott oder einen Schuldenschnitt enteignet werden. Aber sie werden indirekt zur Kasse gebeten. "Die Leute werden kalt enteignet", sagt Alfred Roelli, Chefanlagestratege der Privatbank Pictet.

Dies geschieht, indem die Notenbank die Zinsen auf Jahre hinaus niedrig hält und gleichzeitig versucht, eine höhere Inflationsrate zu generieren. Offiziell gilt in den USA ein Preisauftrieb von 2,5 Prozent jährlich als Ziel. "Inoffiziell dürfte es aber wohl eher bei 3,5 Prozent liegen", sagt Roelli.

Bei Renditen von 1,5 Prozent für zehnjährige Staatsanleihen bedeutet das für Investoren Jahr für Jahr Verluste. Und der Staat kann damit sein Schuldenproblem in den Griff bekommen. "Aus Sicht der Politiker ist Inflation eine elegante Lösung", so Roelli. Und mehr noch: Auch aus Expertensicht gibt es eigentlich keinen anderen Weg, will man die Pleite vermeiden.

Wer nun glaubt, das sei ein US-Problem, der irrt. Auch in Deutschland liegen die Zinsen für Tagesgeld, Staatsanleihen und sogar für viele Unternehmensanleihen inzwischen unter der Inflationsrate.

Wenn zudem diese kalte Enteignung in den USA noch Jahre weitergeht, wie es wahrscheinlich ist, dann kann sich dem auch Europa nicht entziehen – und wird es auch gar nicht wollen. Denn Europas Staaten brauchen diesen Schuldenabbau über die Hintertür mindestens genau so dringend wie die USA.

Aktienkurse werden steigen

Das Gute daran: Die Aktienkurse dürften dadurch mittelfristig weiter steigen. Denn nur über Investitionen in Sachwerte können Sparer und Anleger der kalten Enteignung entkommen. Das spricht für Immobilien, deren Preise allerdings in Deutschland schon extrem stark gestiegen sind. Es spricht für Gold, dessen Preis für hiesige Anleger allerdings zusätzlich durch den Kurs des Dollar bestimmt wird.

Und es spricht für Anteile an Unternehmen. Diese haben den großen Vorteil, dass die Bewertungen nach wie vor nicht über dem langjährigen Durchschnitt liegen. Mehr noch: Im internationalen Vergleich sind europäische Aktien sogar recht günstig. Zu den größten Profiteuren der amerikanischen Schuldenorgie könnten daher am Ende ausgerechnet Europas Aktionäre zählen.

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