03.01.13

Arbeitsmarkt

Berlin arbeitet sich bei der Beschäftigung langsam vor

In keinem anderen Bundesland ging vergangenes Jahr die Arbeitslosigkeit stärker zurück. Anlass für Jubel ist das aber noch nicht.

Von Hans Evert
Foto: dpa

Mehr Jobs in Berlin: Immerhin ist Hauptstadt nicht mehr Letzter im Bundesvergleich
Mehr Jobs in Berlin: Immerhin ist Hauptstadt nicht mehr Letzter im Bundesvergleich

Aus der schlechten Ausgangslage hat Berlin immerhin etwas gemacht. Ende 2011 registrierte die Bundesagentur für Arbeit (BA) für die Hauptstadt eine Arbeitslosenquote von 12,3 Prozent. Berlin stand da, wo es seit den 90er-Jahren im Grunde immer steht: auf dem letzten Platz aller Bundesländer in der Arbeitsmarktstatistik. Im Dezember 2012 hat Berlin immerhin Mecklenburg-Vorpommern hinter sich gelassen. Im Vergleich aller Bundesländer ging im Jahresvergleich die Arbeitslosenquote hier am stärksten zurück: um 0,7 Prozentpunkte auf aktuell 11,6 Prozent.

Grund zur Freude ist das bei Weitem nicht. Denn von der statistischen Normalität in Deutschland ist Berlin noch ein ganzes Stück entfernt. Im bundesdeutschen Schnitt ist jeder 15. erwerbsfähige Erwachsene ohne Beschäftigung (6,7 Prozent), in Berlin ungefähr jeder neunte. Aber immerhin liegt nun auch die Hauptstadt knapp unterhalb des Durchschnitts des europäischen Krisenkontinents von aktuell 11,7 Prozent.

Europaweit wird Deutschland für sein "Arbeitsmarktwunder" gerühmt und beneidet. Anfang 2013, das Jahr vier der Euro-Krise, sorgen sich die Deutschen darum, dass sich "die Dynamik verlangsamt", wie es Frank-Jürgen Weise, Chef der BA, formuliert. Solche Probleme hätten die anderen EU-Länder gern. Die Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young prognostizieren für dieses Jahr 20 Millionen Arbeitslose auf dem Kontinent. Das wären rund vier Millionen mehr als noch im Jahr 2010. Besonders trist ist die Lage in Griechenland, Spanien und Portugal, wo zum Teil fast jeder Dritte ohne Job dasteht. Verglichen damit sind die deutschen und Berliner Arbeitsmarktprobleme fast zu vernachlässigen.

Zahl der Stellen steigt

Denn sowohl deutschlandweit als auch in Berlin geht niemand von einer dramatischen Verschlechterung in diesem Jahr aus. "Die wirtschaftliche Entwicklung ist insgesamt weiterhin gut", sagt Dieter Wagon, Chef der Berliner Regionaldirektion der BA und damit behördlicher Oberaufseher über den Arbeitsmarkt in der Hauptstadt. Wagon weist daraufhin, dass trotz der typischen Saisoneffekte – auslaufende Zeitverträge, Flaute am Bau – der aktuelle Wert der geringste in einem Dezember seit 1993 sei. Die Zahl der sozialversicherungspflichtigen Stellen legte im Jahresvergleich um drei Prozent zu.

Nun ist die BA eine Behörde, die ihrer Materie mit besonders vielen Zahlen zu Leibe rückt. Doch das hat den Vorteil, dass sich die Lage und langfristige Trends gut abbilden lassen. Was für Berlin Mut macht: Besonders stark ging auch die Unterbeschäftigung zurück. Diese erfasst genauer als die Zahl der Arbeitslosen den Mangel auf dem Arbeitsmarkt. Zählen doch neben den offiziell Arbeitslosen auch jene dazu, die gerade mit Ein-Euro-Jobs oder Qualifizierungen bedacht werden. Macht man diese Rechnung auf, dann kommen zu den offiziell 205.000 Berliner Arbeitslosen noch einmal mehr als 80.000 hinzu. Die sogenannte Unterbeschäftigungsquote beträgt aktuell 15,7 Prozent. Allerdings sank sie seit dem Dezember 2011 fast noch schneller als die Arbeitslosenquote: um mehr als einen Prozentpunkt oder – in absoluten Zahlen – um mehr als 16.000 Menschen. "Das zeigt die weiterhin vorhandene Aufnahmefähigkeit des ersten Arbeitsmarktes", sagte Wagon.

Zweigeteilte Entwicklung

Auch Berlins Wirtschaftssenatorin Cornelia Yzer (CDU) lobte die Entwicklung in der Stadt. "Berlin wächst. Berlin bewegt sich", sagte Yzer laut einer Mitteilung, in der sie eine Bilanz ihrer ersten 100 Tage zog. Die Zahl der Erwerbstätigen steige, so Yzer, und zwar "schneller als im Bundestrend". "Ich bin optimistisch, dass sich die wirtschaftliche Dynamik auch 2013 fortsetzen wird, wenngleich europäische und globale Konjunkturentwicklungen Anlass zur Sorge geben und auch Berlin nicht unberührt lassen werden." Ganz konkret gibt es derzeit Sorgen um Arbeitsplätze bei Siemens, der Lichttochter Osram und Nokia Siemens Networks. Zudem kursieren bei der Berliner Bank und die Landesbank Berlin aktuell teilweise weitreichende Ab- und Umbaupläne.

Für Deutschland insgesamt sprach BA-Chef Weise von einer zweigeteilten Entwicklung im vergangenen Jahr. "Im ersten Halbjahr ist es unerwartet gut gelaufen. Im zweiten Halbjahr unerwartet schlecht", so Weise. Mit 2,897 Millionen hatte die Zahl der Erwerbslosen 2012 im Jahresschnitt das niedrige Niveau des Boomjahrs 2011 um 79.000 unterschritten. BA-Vorstandsmitglied Raimund Becker sieht dennoch "keine Hinweise auf eine krisenhafte Entwicklung" – und beruft sich dabei auf die jüngsten Kurzarbeiterzahlen. Danach waren im Oktober knapp 72.000 Beschäftigte in knapp 4000 Betrieben in Kurzarbeit. Das seien etwa so viele im Vorjahr. "Das zeigt uns: die Unternehmen haben verstärkten Beratungsbedarf, das ist aber noch kein Warnzeichen", sagte er. Eine Option auf Kurzarbeit haben sich laut BA-Zahlen im November knapp 85.000 Unternehmen gesichert.

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