04.01.13

Bis 2020

In Brüssel werden bald 10.000 Beamtenstellen frei

Ein Drittel der EU-Beamten wird bis 2020 in Rente gehen, Tausende Top-Jobs sind zu besetzen. Europa bremst bei der Kritik an zu hohen Gehältern – und wirbt um Hochqualifizierte.

Von Benjamin Dierks
Foto: pa/dpa/

Ein Job in der EU-Kommission: Die Chancen darauf stehen in den nächsten Jahren gut
Ein Job in der EU-Kommission: Die Chancen darauf stehen in den nächsten Jahren gut

Einen Selbstbedienungsladen schimpft der Europäische Steuerzahlerbund die EU. Der britische Premier David Cameron will Milliarden an Gehältern streichen. Und die CSU nutzte die nachrichtenarme Zeit nach Weihnachten, um die Abschaffung von 15 der 27 EU-Kommissare zu fordern.

Die EU hat es in Zeiten von Euro-Krise und Haushaltsstreit nicht leicht, die Kosten für ihre Verwaltung und die Privilegien für ihre Mitarbeiter zu verteidigen. Wenn die Mitgliedsstaaten sparen müssen, so die Kritiker, soll die EU keine Ausnahme sein.

Die EU-Kommission muss 10.000 Stellen neu besetzen

Das wird in Brüssel nur zähneknirschend akzeptiert. Schließlich will der EU-Apparat für topqualifizierte Uniabsolventen attraktiv bleiben. Rund ein Drittel der Beamten und Mitarbeiter der Brüsseler Organe wird in den kommenden acht Jahren in Rente gehen, im Europaparlament sogar die Hälfte. Allein die EU-Kommission muss gut 10.000 ihrer rund 35.000 Stellen bis 2020 neu besetzen.

Im März beginnt das nächste allgemeine Auswahlverfahren der EU, im Brüsseler Jargon Concours genannt nach dem einstigen französischen Vorbild. Wer die Reihe an Tests besteht, hat sich für eine Laufbahn als EU-Beamter qualifiziert.

Auf ihn warten die so kritisierten Vorzüge. Was für die Skeptiker Verschwendung ist – Extra-Urlaub, steuerfreie Zulagen, sattes Gehalt – gilt in Brüssel als legitimer Anreiz, um Spitzenleute für eine Karriere in der europäischen Bürokratie zu begeistern.

"Konkurrenz ist überall", sagt David Bearfield, Direktor des Europäischen Amts für Personalauswahl (EPSO). Der oberste Personaler der EU, ein Brite, der 1991 selbst den Concours bestand, muss um die besten Köpfe international kämpfen. Er stehe im Wettbewerb mit den diplomatischen Diensten und Ministerien der Mitgliedsstaaten, mit den Vereinten Nationen, sagt Bearfield.

Europa steht im Wettbewerb mit multinationalen Konzernen

Und er muss sich mit den großen multinationalen Konzernen messen. "Die attraktivsten Arbeitgeber haben heutzutage internationale Talentprogramme für junge Hochschulabsolventen, für sie spielen Grenzen keine Rolle", sagt Bearfield. "Und wir konkurrieren mit solchen Arbeitgebern."

Was die EU dafür bereit ist auszugeben, wurde im November zum Streitthema, als die Staats- und Regierungschefs sich wegen des EU-Finanzrahmens bis 2020 überwarfen.

Über Monate hatten das Europaparlament, die Kommission, Staatssekretäre und Europaminister gefeilscht, um die Obergrenze für den EU-Haushalt der kommenden Jahre festzulegen. Eine Lösung gab es trotz eines eigens einberufenen Sondergipfels nicht.

Eine Forderung einte aber auch die zerstrittenen Länder: Die EU-Verwaltung müsse ihren Beitrag leisten, um Kosten zu sparen. Die EU gibt im Durchschnitt sechs Prozent ihres Budgets für die Verwaltung aus. Rund 44.000 Beamte arbeiten für ihre Institutionen.

Daneben gibt es Tausende Vertragsbedienstete, die auf drei und bald womöglich fünf Jahre befristet angestellt sind. Insgesamt kommt die die EU so auf etwa 55.000 Mitarbeiter. 2011 wurden für den Apparat 8,2 Milliarden Euro ausgegeben, von 126,5 Milliarden Euro Gesamtetat. Zu viel, schimpfen Mitgliedsstaaten und Nichtregierungsorganisationen gleichermaßen.

Bewerber aus Deutschland erfolgreicher als Südeuropäer

Das Interesse an den gut bezahlten EU-Jobs ist hoch, gerade in der Krise. Beim Eignungstest 2012 gab es rund 41.000 Bewerbungen für 260 freie Plätze. Vor allem die Zahl der Bewerber aus Südeuropa nehme in der Krise zu, sagt Bearfield. "Italien ist ein klarer Fall, auch Griechenland, Spanien, Portugal."

Aus Deutschland kämen weniger Bewerber, dafür seien die im Verhältnis besser qualifiziert und bei der Bewerbung erfolgreicher. Das Auswärtige Amt ermutigt deutsche Universitäts-Absolventen, sich um eine EU-Karriere zu bemühen, und bietet Hilfe bei der Vorbereitung an.

Dabei richtet sich die EU nicht nur an Berufseinsteiger. Wer schon Erfahrung hat, kann sich beim Concours um einen Posten mit Beamtengrad der siebten Stufe bemühen. Daneben gibt es eigene Ausschreibungen für Spezialisten.

Rund zwei Drittel der im vergangenen Jahr angenommenen Bewerber aber waren Berufseinsteiger mit fünftem Beamtengrad. Das Einstiegsgehalt für diese Akademiker liegt bei rund 4350 Euro. Bis zu 18.371 Euro monatlich kann man als EU-Spitzenbeamter verdienen.

Die Kommission beschwichtigte ihre Kritiker nicht gerade, als sie Anfang Dezember vorschlug, die Gehälter der EU-Beamten auch in diesem Jahr um 1,7 Prozent nachträglich zum 1. Juli 2012 zu erhöhen. Die Mitgliedsstaaten hatten argumentiert, dass wegen der Krise auf die Erhöhung verzichtet werden solle. Die Kommission erwiderte, die dafür nach dem EU-Beamtenstatut erforderliche "erhebliche, abrupte Verschlechterung der wirtschaftlichen und sozialen Lage" sei nicht gegeben.

Der Gehälter-Streit beschert EU-Beamten ein sattes Lohnplus

Ein Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH) wegen der Gehaltserhöhung von 2011 ist noch anhängig. Eine Entscheidung wird zu Jahresbeginn erwartet.

Die Ironie ist, dass ausgerechnet der Streit um die Gehälter den Beamten nun vorerst ein sattes Lohnplus bescheren dürfte. 2013 läuft eine Solidarabgabe von 5,5 Prozent des Grundgehalts aus, die die Beamten bislang zahlen. Obwohl die Kommission sie sogar auf sechs Prozent erhöhen will, verweigern die Mitgliedsstaaten die Zustimmung.

Sie nämlich lehnen die Formel ab, mit der die Kommission auch weiterhin krisensicher die jährliche Gehaltserhöhung für die Beamtengehälter errechnen will. Das letzte Wort haben Mitgliedstaaten und Europaparlament.

Mit der Blockade liegen zunächst auch die Sparpläne des zuständigen Kommissars Maros Sefcovic auf Eis. Er will den Mitarbeiterstab um fünf Prozent verkleinern und die Arbeitszeiten der EU-Beamten verlängern.

Personalchef David Bearfield will sich an der Debatte nicht beteiligen. Sobald eine Entscheidung fällt, werde er damit leben. Er hoffe ohnehin, dass Leute nicht in erster Linie nach dem Gehalt gehen. "Wir wollen Leute, die motiviert sind, für Europa zu arbeiten", sagt er.

Die Anforderungen an Bewerber aber bleiben hoch. "Wir haben viel anzubieten, aber wir fordern auch viel", sagt Bearfield. Der Concours sei im Vergleich zu früher schon wesentlich straffer und frage die Kompetenz der Bewerber ab und nicht mehr nur das Wissen. Die EU stelle Leute im Endeffekt für eine ganze Karriere an. Denn wer es zum Beamten gebracht hat, ist so gut wie nicht kündbar. "Da müssen wir sicher sein, dass wir eine gute Entscheidung treffen."

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So kommen Sie zum begehrten EU-Job
  • Auswahlverfahren

    Das nächste allgemeine Auswahlverfahren für Beamte in den EU-Institutionen, der sogenannte Concours, beginnt im März. Bewerber melden sich online über die Website des Europäischen Amts für Personalauswahl EPSO an.

  • Selbsteinschätzungstest

    Bei einem Selbsteinschätzungstest können Interessenten herausfinden, wie gut ihre Chancen im Bewerbungsverfahren sind. Wer im ersten Teil, der computerbasierten Aufnahmeprüfung, zu den Besten zählt wird zum Assessment-Center nach Brüssel eingeladen. Es ist mit denen von Behörden oder großen Unternehmen in Deutschland vergleichbar und enthält eine Fallstudie, Sprachtests (für Linguisten), einen mündlichen Vortrag, eine Gruppenübung und ein Interview.

  • Vorbereitungskurse

    Das Auswärtige Amt bietet für 275 Euro Vorbereitungskurse an. Private Anbieter haben auch Online-Kurse im Angebot (z.B. http://www.eutests.com/, http://www.eutraining.eu/).

  • Sprachen

    Ein Bewerber muss zwei Amtssprachen der EU beherrschen. Die Hauptsprache ist in der Regel die Muttersprache, daneben muss er Deutsch, Englisch oder Französisch sprechen. Die Vorauswahltests finden größtenteils in der Hauptsprache statt, das Assessment-Center in der Zweitsprache. Erfolgreiche Absolventen der Prüfung in Brüssel haben sich für die Beamtenlaufbahn qualifiziert und landen auf einer Reserveliste, aus der die EU-Organe rekrutieren. Seit der Reform des Systems sollen sie binnen eines Jahres mindestens ein Jobangebot erhalten

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