03.01.13

Kroatien

Kirche kämpft gegen "Pornografie-Unterricht"

Die katholische Kirche in Kroatien ist entsetzt über ein Lehrprogramm an Schulen, das Sexualaufklärung beinhaltet. Bischöfe warnen, Minderjährige würden in Masturbation und Pornografie unterrichtet.

Foto: dpa

Kardinal Josip Bozanic ist gegen das neue Unterrichtsfach
Kardinal Josip Bozanic ist gegen das neue Unterrichtsfach

Vor dem Altar lassen sich unbotmäßigen Ehrengästen am besten die Leviten lesen. Nachdem der Zagreber Kardinal Josip Bozanic schon in der Weihnachtsmesse Kroatiens Staats- und Regierungsspitze zum Thema "Sexualerziehung" allzu deutlich seine Meinung gesagt hatte, legte der 63-jährige beim Neujahrs-Gottesdienst noch einmal nach. Die Forderungen der Eltern müssten "berücksichtigt" werden, forderte der Kirchenfürst: Die Demokratie und "der Frieden im Land" stünden "auf dem Prüfstand".

Seit fast zwei Wochen schwelt in dem Adriastaat mittlerweile ein Konflikt, den die heimischen Medien gar als "Kalten Krieg" zwischen Kroatiens katholischer Kirche und der linksliberalen Regierung bezeichnen. Der Grund des kirchlichen Unmuts ist die geplante Einführung von Sexualerziehung an den Schulen: Besorgt warnen die Kirchenväter, dass Minderjährige in Pornografie, Masturbation und Homosexualität "unterrichtet" werden sollten.

"Gesundheitserziehung" nennt sich das geplante Lehrprogramm, das sich außer mit Sexualaufklärung auch mit Körperhygiene und Prävention von Sucht und Gewalt beschäftigen soll. Gerade einmal zwölf Stunden pro Schuljahr sind für die gesamte Unterrichtseinheit vorgesehen. Doch vor allem das Lehrmodul "Sexuelle Gleichstellung der Geschlechter" ist den gestrengen Bischöfen ein Dorn im Auge. Mit der Einführung der Sexualerziehung wolle der Staat nur den Boden für die Legalisierung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften bereiten, argwöhnt Bischof Mile Bogovic. Die Regierung begründet das neue Fach derweil mit der hohen Zahl minderjähriger Schwangerer und Abtreibungen.

Beziehungen zwischen Kirche und Staat gelten als getrübt

Zwei Tage vor Weihnachten ließen die Bischöfe darum an den Kiosken und den Filialen der Supermarktkette eines mit ihnen sympathisierenden Tycoons Flugblätter verteilen, die Eltern zum "Widerstand" gegen den geplanten Sexualkunde-Unterricht aufforderten. Die Kirche verbreite "Desinformation" und "mittelalterliche Sichtweisen" und habe an den Schulen "nichts zu suchen", sagt Bildungsminister Zeljko Jovanovic.

Obwohl der Anteil der praktizierenden Gläubigen nur auf 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung geschätzt wird, fühlen sich noch stets 86,2 Prozent aller Kroaten der katholischen Kirche zugehörig. Vor allem im Kriegsjahrzehnt der 90er-Jahre konnte sich die Kirche enger politischer Bande zu der konservativen HDZ des Staatsgründers Franjo Tudjman erfreuen.

Zwar erhält die Kirche in Kroatien noch immer direkte Zuwendungen aus dem Staatsbudget. Doch seit vor Jahresfrist eine Mitte-Links-Koalition das Ruder übernahm, gelten die Beziehungen zwischen Kirche und Staat als getrübt. Premier Zoran Milanovic ist bekennender Atheist, Staatschef Ivo Josipovic Agnostiker.

"Verspätung für das echte Leben"

Schon der frühere Staatschef Stipe Mesic hatte sich mehrmals mit der Kirche angelegt – und die Abhängung der Kruzifixe in Ämtern gefordert. "Ich akzeptiere, dass Gott besteht, aber meine Erfahrung hat das nicht bestätigt", bekannte sein Nachfolger Josipovic kürzlich in einem Interview.

Dass Regierungschef Milanovic dem Gottesdienst am Nationalfeiertag fern blieb, verärgerte die Kirchenväter genauso wie die Legalisierung der künstlichen Befruchtung. Zwar laufen nun katholische Elternverbände gegen den "totalitären" Gesundheitsunterricht Sturm. Doch der Großteil der Öffentlichkeit geht bei dem Thema eher mit den Kirchenvätern als der Regierung kritisch ins Gericht.

Das größte Problem der katholischen Kirche sei ihre langjährige "Verspätung für das echte Leben", konstatiert die Zeitung "Jutarnji List": Sie fechte einen Kampf, den es nicht gewinnen könne. Die Bischöfe hätten dem "größten heutigen Übel den Krieg erklärt – der Realität", ätzt derweil der Kolumnist "Slobodna Dalmacija": "In dieser schrecklichen Realität bekommen Mädchen mit elf Jahren die Regel, masturbieren und betreiben Mittelschüler auf der Couch die Liebe – und dreht sich die Erde um die Sonne. Die Bischöfe wollen in dieser Realität nicht leben. Doch das echte Leben hat längst alle Poren unserer Gesellschaft durchdrungen."

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