03.01.13

Arbeitsmarkt

Berliner sind einfach keine Minijobber

Während in der westdeutschen Provinz fast jeder dritte Arbeitnehmer einem Minijob nachgeht, sind es in Berlin nur 16 Prozent.

Von Tobias Kaiser, Hans Evert
Foto: picture-alliance / Sven Simon

Typischer Minijob: In Berlin wird aber lieber auf Vollzeitbasis gearbeitet
Typischer Minijob: In Berlin wird aber lieber auf Vollzeitbasis gearbeitet

Der typische Minijobber hierzulande ist weiblich und lebt in der westdeutschen Provinz. Dort arbeitet in einzelnen Landkreisen fast jeder dritte Arbeitnehmer in geringfügiger Beschäftigung, wie Minijobs offiziell heißen. In Berlin sind hingegen nur rund 16 Prozent der Arbeitnehmer so beschäftigt. Das ist das Ergebnis einer noch unveröffentlichten Untersuchung des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) in der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung, die der Morgenpost vorliegt. Die Forscher haben für jede Stadt und jeden Landkreis den Anteil der Minijobs an allen Arbeitsplätzen ermittelt. Ihr Befund: Minijobs sind vor allem ein Phänomen der ländlichen Gebiete in Westdeutschland.

Die Experten des WSI gehen davon aus, dass gerade in diesen Gebieten die traditionelle Arbeitsteilung unter Paaren weit verbreitet ist: Der Mann ist der Hauptverdiener der Familie, die Ehefrau kümmert sich um die Familie und steuert allenfalls einen Zuverdienst bei. "Auf dem Land sind Familie und Beruf meist schwieriger zu vereinbaren als in den Städten", sagt Studienleiter Alexander Herzog-Stein. "Das liegt vor allem an dem meist unzureichenden Angebot an Kinderbetreuung."

Umgekehrt sind Minijobs in Großstädten weitaus weniger verbreitet. Berlin liegt, gemessen an der Minijob-Quote, mit einem Wert von 15,6 Prozent auf Platz 326 von 403 Städten und Landkreisen. Ähnlich sind die Werte für München (16,7 Prozent) und Hamburg (16,3). Frankfurt hat mit 13 Prozent noch weniger Minijobber und die VW-Stadt Wolfsburg mit 8,3 Prozent den geringsten Wert aller deutschen Städte und Kreise.

Nun ein 450-Euro-Job

Mit Beginn dieses Jahres darf das Minijob-Entgelt 450 Euro im Monat nicht überschreiten. Vorher war das Beschäftigungsverhältnis auch unter dem Namen 400-Euro-Job bekannt. Arbeitgeber müssen bei dieser Art der Beschäftigung Beiträge an die Sozialversicherung abführen, Arbeitnehmer bleiben davon befreit.

Schaut man auf die Branchen, in denen Minijobs besonders verbreitet sind, dann dominieren die Dienstleistungen. In Berlin mit seinen rund 214.000 Minijobbern arbeiten nach Zahlen der Regionaldirektion 15,8 Prozent der geringfügig Entlohnten im Gastgewerbe. Dies entspricht rund 34.000 Beschäftigten, die beispielsweise in Restaurants oder Hotels tätig sind. Ähnlich verbreitet sind Minijobs im Einzelhandel mit rund 30.000Stellen. Auch bei Gesundheitsdienstleistern und bei Gebäudereinigung oder Wachdiensten arbeiten viele geringfügig Entlohnte. Das gilt für Berlin genauso wie für den Rest der Republik.

Im deutschlandweiten Vergleich nimmt die niedersächsische Stadt Delmenhorst den Spitzenwert ein. Hier sind mehr als 34Prozent aller Arbeitsplätze Minijobs – so hoch ist der Anteil in keiner anderen Stadt und keinem anderen Landkreis Deutschlands. Dahinter folgt der Landkreis Trier-Saarburg, in dem ein Drittel der Stellen auf 400-Euro-Basis bezahlt wird. Ähnlich hohe Werte erreichen auch der niedersächsische Landkreis Grafschaft Bentheim und der Kreis Heinsberg in Nordrhein-Westfalen, die rheinland-pfälzischen Landkreise Ahrweiler und Kusel, der bayerische Landkreis Dachau und der Kreis Plön in Schleswig-Holstein mit Werten von jeweils über 30 Prozent.

Minijobs in Berlin kein weibliches Problem

Die Wirtschaftsstruktur gilt den Experten als wichtiger Faktor für den Anteil von Minijobbern. Je bedeutsamer der Dienstleistungsbereich in einer Region sei, desto häufiger gebe es dort Minijobs, resümieren die Forscher. Verbreitet seien die geringfügigen Beschäftigungsverhältnisse auch in anderen Branchen, in denen häufig Frauen arbeiteten, wie etwa der Lebensmittelindustrie. Tatsächlich sind Minijobs unter Frauen mehr verbreitet als unter Männern – überraschend ist das nicht. In Westdeutschland arbeitet mehr als jede vierte berufstätige Frau in einem geringfügigen Beschäftigungsverhältnis. Im Landkreis Trier-Saarburg sind es gar 41,4 Prozent. Auch in den Landkreisen Grafschaft Bentheim, Leer, Borken und in Delmenhorst liegt der Anteil über 40 Prozent.

In Berlin dagegen sind Minijobs kein speziell weibliches Phänomen: Mit 16,6 Prozent ist die Minijob-Quote unter arbeitenden Frauen in der Hauptstadt nur geringfügig höher als unter Männern (14,4 Prozent). Ohnehin sind Minijobs ein vorwiegend westdeutsches Phänomen. In den ostdeutschen Bundesländern sind die 400-Euro-Jobs weit weniger verbreitet. In allen westdeutschen Bundesländern liegt der Anteil der geringfügigen Beschäftigungsverhältnisse weit höher als in den sechs ostdeutschen Bundesländern. Die 20Städte und Landkreise mit den höchsten Minijob-Quoten liegen allesamt in Westdeutschland. Von den zehn Kreisen und Städten mit den niedrigsten Anteilen an Minijobbern liegen acht im Osten.

Der bemerkenswerte Unterschied zwischen Ost- und Westdeutschland ist nach Ansicht der WSI-Forscher nicht zuletzt historisch begründet. In der ehemaligen DDR sei der Anteil der Frauen, die einem Beruf nachgingen, weit höher gewesen als in der Bundesrepublik. Zudem hätten die weiblichen Beschäftigten meist Vollzeit gearbeitet. "Diese starke Erwerbsorientierung haben die Frauen in den neuen Bundesländern nach der deutschen Vereinigung beibehalten", glaubt Herzog-Stein.

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