02.01.13

"Jack Reacher"

Tom Cruise fehlen zwanzig Zentimeter

Zwischen Neo-Western und Thriller: In der Krimiverfilmung "Jack Reacher" sucht der Scientology-Star nach Gerechtigkeit. Sein Gegenspieler ist ausgerechnet der deutsche Regie-Star Werner Herzog.

Quelle: Paramount Pictures
22.12.12 1:50 min.
Jack Reacher ist ein Ex-Army-Ermittler, der im Namen der Gerechtigkeit auf Verbrecherjagd ist. Als er einem Mörder helfen soll, wird er in ein fieses Komplott verstrickt.

Man kennt sie aus klassischen Western, als einsame Rächer oder Drifter. Die Protagonisten, mit denen sowohl "Jack Reacher" als auch der in zwei Wochen startende "Django Unchained" von Quentin Tarantino aufwarten, konterkarieren den zuletzt so beliebten, dienstleistenden "Superhelden". Django und Jack sind die personalisierte Aufkündigung der Gewaltenteilung, sie vereinen in sich Exekutive und Jurisdiktion. Als Gesetz achten sie nur, was auch in ihren Augen gerecht und angemessen ist. Sie sind Ritter ihrer eigenen Vernunft.

Die ganze Ambivalenz dieses an sich sympathischen, wenn auch latent unheimlichen Typs formuliert schon die deutsche "Jack Reacher"-Plakataufschrift. "Du denkst, ich bin ein Held. Ich bin kein Held. Und das sollte Dir Angst machen."

Manchmal kann nur Jack Reacher helfen

Im Film selbst scheint dieses "Du" erst einmal als ehemaliger Armee-Scharfschütze James Barr (Joseph Sikora). Er soll wahllos fünf Passanten in Indiana erschossen haben. Doch Barr sagt im Verhör nichts außer: "Holt Jack Reacher!"

Hätte er nach dem Weihnachtsmann verlangt, wäre die Reaktion kaum ratloser gewesen. Anwälte und Polizisten raunen sich Gerüchte über Jack Reacher zu, ein Phantom, von dem man eigentlich nur weiß, dass er seit seiner Entlassung aus dem Militärdienst freiberuflich für Recht und Ordnung sorgt und weder Wohnsitz noch Handy hat.

Werner Herzog ist Bösewicht "The Zec"

Jack Reacher (Tom Cruise) spürt, wenn er gebraucht wird. Plötzlich steht er im Raum. Er kennt Barr aus dem Krieg. Reacher hatte den heißblütigen Scharfschützen einst als Mörder mehrerer Zivilisten überführt. Barr war jedoch aus politischen Gründen freigesprochen worden. Das hat Reacher gar nicht gefallen. Ihm, der sich "nicht um Gesetze und nicht um Beweise" schert, sondern nur darum, was "richtig" ist. Seinem Instinkt folgend, setzt er also zunächst alles daran, dem wahren Täter von Indiana auf die Spur zu kommen.

Zur Freude aller Freunde des furiosen Actionkinos braucht es dazu kaum Schreibtischarbeit, sondern in erster Linie Reachers Talente im direkten Nahkampf und in Verfolgungsjagden, die den Vergleich mit jenen aus "Drive" nicht zu scheuen brauchen. Bald gerät ihm eine Bande russischer Krimineller ins Visier, die auf den Befehl von Bösewicht "The Zec" hören - gespielt von Werner Herzog. Wer könnte ihm widerstehen?

Erstaunliche Parallelen zu Scientology

Es liegt nahe, "Jack Reacher" von Regisseur Christopher McQuarrie aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Da wäre zum Beispiel jene der Leser der "Jack Reacher"-Buchreihe. Autor Lee Child, ein ehemaliger Jurastudent und TV-Produzent, hat seinen geheimnisvollen Titelhelden mit kurzen, präzisen Sätzen bisher durch 17 äußerst erfolgreiche Romane gejagt. Von dieser Seite gab es bisher kaum Einwände, nur den, dass Cruise mehr als 20 Zentimeter kleiner sei als der Jack Reacher im Buch.

Ergiebiger scheint da schon die grundsätzlich Cruise-kritische Sicht. Immerhin ähnelt, wie in einigen Blogs nachzuvollziehen ist, das Gitarren-Motiv, mit dem Jack Reacher im Kinotrailer eingeführt wird, auffallend dem Soundtrack eines Videos, in dem Cruise vor einigen Jahren einen Lob-Monolog auf Scientology hielt.

Auch was den Wahrheitsbegriff angeht, gibt es Parallelen. "In der ewigen Diskussion um Antworten ist nur das wahr, was für Dich wahr ist," heißt es beispielsweise am Ende eines Clips auf der Startseite der deutschen Scientology-Internet-Präsenz. Einzelgänger Jack Reacher, dem die eigene Wahrnehmung als einziger Maßstab für richtig oder falsch gilt, dürfte in der cruiseschen Kirche also gleichgesinnten Anschluss finden.

Eine Mischung aus Neo-Western und Thriller

Für den gegenwärtigen Zustand des Kinos bleibt hingegen festzustellen, dass "Jack Reacher" in seiner Mischung aus Neo-Western und Thriller gut funktioniert. Auch darin ist er "Django Unchained" ähnlich. In ihren Entwürfen einer anarchischen Welt wird allerdings klar, dass sich nur jene auch als Lebenswelt empfiehlt, die mit Humor gezeichnet wurde.

Im Gegensatz zu Quentin Tarantinos bei aller Härte doch ironischen Films nimmt sich "Jack Reacher" wahnsinnig ernst. Von ihm geht eine perfektionistische Kälte aus, die zur Empathie fähige Zuschauer ohne Schal und heiße Zitrone kaum unbeschadet überstehen dürften.

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