02.01.13

Trotz Kompromiss

Die amerikanische Schuldenbombe tickt weiter

Die Börsen feiern die Einigung im US-Haushaltsstreit. Doch die Euphorie ist verfrüht, denn die größten Probleme harren weiter einer Lösung. Es droht sogar eine weitere Rating-Herabstufung des Landes.

Quelle: Reuters
02.01.13 0:59 min.
US-Präsident Barack Obama hat den erzielten Kompromiss zum Haushaltsstreit in den USA begrüßt. Dabei hob er besonders die Steuererhöhungen für die reichsten zwei Prozent des Landes hervor.

Es ist ein Jahresauftakt, wie ihn sich viele wünschen. Weltweit steigen die Börsenkurse - und setzen ihre Rallye der letzten Wochen des vergangenen Jahres geradewegs fort.

Der Deutsche Aktienindex Dax sprang unmittelbar nach Börsenöffnung gleich um zwei Prozent nach oben, hüpfte lässig über die Marke von 7700 Punkten und nimmt nun geradewegs Kurs auf die 8000. Damit ist er nur noch knapp von seinem Allzeithoch aus der Zeit vor der Finanzkrise entfernt. Offenbar ist in Wirtschaft und Finanzen alles in Butter.

Sturz von Fiskalklippe vermieden

Den entscheidenden Schub gab diesmal die Einigung im amerikanischen Haushaltsstreit. Gerade noch rechtzeitig vor Öffnung der Börsen hatten die politischen Lager in Washington einen Kompromiss in Gesetzesform gegossen, der den Sturz des Landes von der so genannten "Fiskalklippe" vermeidet.

Ohne die Beschlüsse wären automatische Ausgabenkürzungen und Steuererhöhungen in einem Umfang wirksam geworden, der die Konjunktur abgewürgt und die Wirtschaft geradewegs in die Rezession getrieben hätte. Das wurde nun verhindert – zunächst einmal. Doch nichts ist in Butter.

Volatile Zeit an den Börsen

Denn neben leichten Steuererhöhungen für Reiche, einer Verlängerung der Hilfen für Arbeitslose und einer Erhöhung der Beiträge zur Rentenversicherung sieht der Kompromiss vor allem vor, dass die automatischen Ausgabenkürzungen erst einmal um zwei Monate verschoben werden.

Und dabei geht es immerhin um 90 Milliarden Dollar allein in diesem Jahr. Das heißt: Präsident Obama und die oppositionellen Republikaner müssen sich bis Ende Februar erneut zusammenraufen, sonst droht wieder der Sturz von der Klippe.

"Da einige Punkte immer noch nicht gelöst sind, dürften die kommenden Wochen an den Börsen sehr volatil werden", sagt daher Erik Nielsen, Chefvolkswirt der Unicredit. Und das dürfte noch reichlich untertrieben sein.

Denn es geht nicht nur um 90 Milliarden Dollar an potenziellen Ausgabenkürzungen. Gleichzeitig muss bis Ende Februar auch die gesetzliche Obergrenze für die Schulden der USA wieder einmal angehoben werden. Sonst kann der Staat keine weiteren Kredite aufnehmen – und wäre damit pleite. Dies wird wohl nicht geschehen, aber das Gezerre darum dürfte wochenlang anhalten und die Nerven der Investoren strapazieren.

Enormer Schuldenberg

Zunehmend von Bedeutung dürfte in der Debatte die Frage werden, wie die USA überhaupt jemals von ihrem Schuldenberg herunter kommen können. "Die jüngste Einigung tut wenig, um die große Unsicherheit bezüglich der Haushaltsentwicklung ab 2014 und danach zu lindern", sagt Ciaran O'Hagan, Analyst bei der französischen Großbank Société Générale.

Es gehe jetzt darum, nicht nur den unmittelbaren Sturz von der Klippe zu vermeiden, sondern eine Einigung darüber zu erzielen, wohin die USA bei Haushalt und Schuldenstand in den kommenden Jahren treiben. "Das ist zwingend erforderlich, wenn die USA eine Rating-Herabstufung vermeiden wollen." Genau das hatten auch die Ratingagenturen erst vor wenigen Tagen noch einmal deutlich gemacht.

Denn die amerikanischen Staatsfinanzen sind völlig zerrüttet. Die Schuldenlast ist in den vergangenen vier Jahren von rund 70 auf über 100 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) gestiegen. Zum Vergleich: Spaniens Schulden sind beispielsweise trotz der tiefen Krise erst bei rund 75 Prozent des BIP angelangt.

Niedrige Zinsen treiben Anleger in Aktien

Und schlimmer noch: Während die Neuverschuldung in Spanien im vergangenen Jahr bei sechs Prozent des BIP gelegen haben dürfte, waren es in den USA fast acht Prozent – ohne Aussicht auf schnelle Verbesserung. Das hat die Ratingagentur S&P schon im August 2011 dazu veranlasst, der USA die Bestnote AAA zu entziehen. Damals kam es daraufhin zu einem dramatischen Kurseinbruch an den Börsen, der Dax verlor zeitweise mehr als 1000 Punkte.

Allerdings erholten sich die Kurse dann wenig später auch wieder, bis hin zur Rallye der vergangenen Monate. Ein wesentlicher Grund: Die niedrigen Zinsen. Wenn Sparer und Anleger ihr Geld auf Sparbüchern und Tagesgeldkonten liegen lassen, dann erhalten sie mittlerweile einen Zins, der deutlich unter der Inflationsrate liegt. Sie verlieren also permanent Geld. Also kaufen sie Aktien.

Die niedrigen Zinsen sind jedoch vom Staat gewollt und auch notwendig, denn nur so können die riesigen Schuldenberge bewältigt werden. Umgekehrt heißt dies: Je schwerer es den Politikern in Washington fällt, sich auf eine nachhaltige Sanierung des Haushalts zu einigen und je schneller die Schuldenberge weiter wachsen, desto länger wird auch die Niedrigzinsphase dauern – und umso besser ist das mittelfristig für Aktienanlagen. Denn dann werden die Sparer weiterhin aus dem Sparkonto an die Börse umschichten, um ihr Geld vor der kalten Enteignung zu retten.

US-Aktien sind hoch bewertet

Ob allerdings amerikanische Aktien dabei die großen Gewinner wären, darf bezweifelt werden. Denn die US-Papiere sind schon recht hoch bewertet. Dies zeigt ein Blick auf das Verhältnis von Unternehmensgewinnen zu aktuellen Kursen (Kurs-Gewinn-Verhältnis, KGV), und hier insbesondere der sogenannte Shiller-KGV. Dabei wird der Kurs durch die durchschnittlichen Gewinne nach Steuern der vergangenen zehn Jahre geteilt, was saisonale Schwankungen oder andere Sonder-Effekte ausgleicht.

Dieses Shiller-KGV liegt für US-Aktien inzwischen bei einem Wert von über 21. Es gab zwar auch Phasen, in denen es noch wesentlich höher lag: Beispielsweise erreichte es um die Jahrtausendwende bis zu 50 Punkte – genauso wie vor 1929. Beide Male handelte es sich jedoch um Kurs-Blasen. Ansonsten war der Korridor zwischen 20 und 25 jahrzehntelang das Maximum. Sprich: Große Kurssprünge würden ab jetzt wieder auf eine Blase hindeuten.

Finger weg von Griechenland

Anders dagegen hierzulande. Das Shiller-KGV am deutschen Aktienmarkt liegt bei rund 15, in vielen anderen europäischen Ländern sogar noch weit darunter. Teilweise hat das gute Gründe, wie etwa im Falle Griechenlands. Anleger sollten trotz des niedrigen KGVs dort lieber die Finger weglassen.

Bei anderen Aktienmärkten wie Italien (Shiller-KGV: 9,1), Spanien (10,1) oder auch Frankreich (12,6) lohnt dagegen durchaus einmal ein genauerer Blick. Kaufen sollte jetzt aber nur, wer damit leben kann, dass die kommenden Wochen von den Washingtoner Klippenspringern beherrscht werden dürften und man dabei auch als Zuschauer kurzfristig recht nass werden kann.

Verbinden Sie sich mit dem Berliner Morgenpost-Autor auf Twitter: Frank Stocker schreibt schwerpunktmäßig zu den Themen: Geldanlage, China und Schwellenländer.

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Der US-Haushaltskompromiss
  • Sparmaßnahmen

    Der Start automatischer Ausgabenkürzungen im Volumen von 1,2 Billionen Dollar über zehn Jahre (sogenannter „Sequester“) wird um zwei Monate verschoben. In diesem Zeitraum müssen dennoch 24 Milliarden Dollar eingespart werden. Die Hälfte davon soll durch Sparmaßnahmen bei Verteidigung und in anderen Ressorts kommen, die andere Hälfte durch neue Einnahmen.

  • Steuererhöhungen

    Über einen Zeitraum von zehn Jahren werden Einnahmen im Volumen von 600 Milliarden Dollar durch eine Reihe von Steuererhöhungen für wohlhabende Amerikaner generiert.

  • Steuererleichterungen

    Die im Jahr 2001 unter dem republikanischen Präsidenten George W. Bush eingeführten Steuererleichterungen für Bezieher von Einkommen unter 400.000 Dollar (Einzelpersonen) oder 450.000 (Familien) sollen dauerhaft bestehen bleiben. Wer mehr verdient muss künftig einen Spitzen-Steuersatz von 39,6 Prozent statt bislang 35 Prozent bezahlen.

  • Kapitalsteuern

    Über dieser Einkommensgrenze sollen Kapitalerträge und Dividenden statt mit 15 Prozent künftig mit 20 Prozent besteuert werden.

  • Ausnahmeregeln

    Ausnahmeregeln für Einkommen über 250.000 Dollar (Einzelperson) oder über 300.000 Dollar (Haushalt) werden abgeschafft.

  • Arbeitslosenversicherung

    Die Zuwendungen aus der Arbeitslosenversicherung werden für zwei Millionen Menschen um ein Jahr verlängert.

  • Kinder

    Steuervorteile für Kinder und deren Erziehung werden um fünf Jahre verlängert.

  • Ärzte

    Kürzungen für die Honorare von Ärzten, die Medicare-Patienten behandeln, werden vermieden.

  • Landwirtschaft

    Landwirtschaftsprogramme werden vorübergehend verlängert.

  • Politiker

    Eine Erhöhung der Bezüge für Kongressmitglieder wird gestrichen. Reuters

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