02.01.13

Pause machen

Auf dem Weg vom Trubel in die Stille

Um die Jahreswende herum läuft das Leben gedrosselt. Manch einer wird dann mit etwas konfrontiert, das er sonst im Alltag nicht findet: Nichtstun. Doch wie funktioniert das eigentlich?

Von Susanne Hörr
Foto: Getty Images/Westend61
Wer weiß, wie es geht, kann fast überall zur Ruhe finden
Wer weiß, wie es geht, kann fast überall zur Ruhe finden

Paul Kohtes entspannt mit einem Klick, wie er es nennt. Mit einem kurzen Aussteigen aus dem Alltagstrubel. Auch jetzt tut er es. Für einen kurzen Moment hält er inne, blickt aus dem Fenster – raus aus dem Interview, rein in den Garten von seinem Landhaus an der holländischen Grenze. "An der Spitze des Baumes ist ein einzelnes Blatt übrig geblieben. Das ist ein kleiner Wunderaugenblick", sagt der 67-Jährige.

Früher stand Paul Kohtes an der Spitze einer der erfolgreichsten PR-Agenturen Deutschlands: Kohtes & Klewes. Heute gibt er Seminare, die Namen wie "Zen for Leadership" tragen: Manager kommen zu ihm, weil sie lernen wollen, wie sie die Balance zwischen dem Beruf und den eigenen Bedürfnissen finden können.

"Einen Moment aus einem festgefahrenen Meeting rausgehen – auch physisch. Das ist die Grundübung", sagt Paul Kohtes, "doch das erfordert viel Übung." Und die führt bei ihm nicht selten über eine weiße Wand. In seinen Coachings lässt er die Führungskräfte auch einfach mal sitzen: Topentscheider, die es gewohnt sind, Pläne zu haben, Lösungen zu finden und Strategien zu entwickeln, sitzen beim "Zazen" auf Meditationskissen vor der Wand und lernen loszulassen. Nichts zu tun, einfach nur da und achtsam zu sein.

Vom Plan zur Intuition

Es ist der Weg vom Kanal zum Fluss, den die Führungskräfte bei dieser Übung gehen – weg von rationalen Plänen und Kalkül, hin zur Intuition, zum natürlichen Fließen. "Je mehr Energie Sie zwanghaft in etwas reinsetzen, desto mehr Gegendruck entsteht", sagt Kohtes. Er spricht aus Erfahrung: Überzeugt davon, seine spirituellen und beruflichen Erfahrungen zusammenbringen zu können, kaufte er einen Buchverlag. Er rackerte, bemühte sich – und scheiterte. "Erfolgsdruck führt zu Abhängigkeit und Nebeneffekten – und fast immer in eine Katastrophe", sagt er im Nachhinein.

Kohtes meditiert seit über 20 Jahren. Morgens und abends zieht er sich in die Stille zurück. Wer dem Prinzip des Loslassen nicht so recht über den Weg traut, dem empfiehlt der Coach eine Partie Monopoly. "Ihre Erfolgsquote wird besser, wenn sie entspannt spielen und nicht zwanghaft Häusern und Hotels hinterherjagen."

Auch 600 Kilometer weiter westlich in Berlin geht es um Achtsamkeit. Im gläsernen CommCenter des BMW-Werks arbeitet sich gerade ein Mitarbeiter im Blaumann durch den Genussparcours. Er schnuppert an Döschen, lässt Erbsen in roten Samtsäckchen durch die Finger rieseln. Er ist dabei, genießen zu lernen – alles im Rahmen der Aktionstage "Psychische Gesundheit". "Viele können in ihrer Freizeit nicht in den Leerlauf gehen und bleiben in einem hohen Drehzahlbereich", sagt Ralf Herfordt. Er ist für das Gesundheitsmanagement zuständig.

"Stress wird nicht nur durch die Arbeit ausgelöst, auch das Freizeitverhalten der Menschen hat sich verändert. Von unzähligen Kanälen strömen Informationen auf uns ein", sagt Herfordt mit ruhiger Stimme. Hinter der Glasscheibe warten schon die nächsten, die etwas von ihm wollen. Trotz allem wirkt der Mediziner entspannt.

Ein Inhaltsstoff seiner Entspannungsrezeptur ist der Ausknopf seines Blackberry. Herfordt lässt das Gerät an den Wochenenden nur im äußersten Notfall an. Um entspannt zu bleiben, hilft ihm auch sein Terminkalender: "Ich blocke mir bewusst einen Termin, an dem ich Sport machen will."

Den Stresspegel testen

Sein Sportpensum sieht heute anders aus als noch vor ein paar Jahren: Denn irgendwann ist er in die Freizeitstressfalle getappt. Anstatt sich beim Rennradfahren oder Joggen zu entspannen, hatte Herfordt Ziele im Kopf: einen Halbmarathon oder Triathlon. "Das war für mich sehr stressig. In der Zeit, in der ich mich erholen wollte, habe ich mir gesagt: diese Woche musst du noch zweimal Rad fahren, einmal schwimmen... Jetzt lasse ich diese Wettkämpfe."

Viele merken gar nicht, wann sie dringend ein Päuschen bräuchten. Ein guter Indikator sei die Familie, sagt Herfordt: "Wenn sie mich darauf aufmerksam macht, dass ich schlecht zuhöre und schnell gereizt bin, dann ist es höchste Zeit, einen Gang zurückzuschalten."

Der Entspannungsindikatortest von Christoph Paulus führt über seine Socken. Jeden Morgen beim Anziehen testet er seinen momentanen Stresspegel: Ein Bein hoch, Socke an, und dann? Wenn er rumwackelt und auf einem Bein durch das Zimmer hüpft, weiß er, dass es Zeit ist für Sabine Luther.

Zwei Mal in der Woche versucht sich der Professor für Bürgerliches Recht an der Humboldt Universität Berlin ein Stündchen für seine Personal Trainerin abzuknapsen. Zwischen Terminen, die rund über den Globus verteilt liegen, ist das nicht immer leicht. Paulus ist Spezialist für Insolvenzrecht und berät unter anderem die Weltbank und den Internationalen Währungsfonds.

Zitterstange und Pilatesring

"Durch die Geschäftsreisen sammelt sich viel Stress an. Davon habe ich haufenweise", sagt Paulus während es neben ihm leise plätschert. Er hat sich ein Handtuch um die Schultern geworfen und sitzt nun am Swimmingpool. Neben ihm: Sabine Luther.

Das kleine Emblem, das auf ihrem weißen T-Shirt prangt, verrät, dass sie "Premium Personal Trainerin" ist, geprüftes Mitglied eines Clubs, bei dem die Elite trainiert. Sie hat verschiedene Methoden im Gepäck, um ihre Klienten davor zu bewahren, auszubrennen. "Ich habe kein Standardprogramm. Schon mit dem Handschlag bei der Begrüßung weiß ich, wo ich meinen Klienten abhole. Dann stelle ich blitzschnell ein Programm zusammen", sagt Luther, die sich auf Burnout spezialisiert hat.

Bei Christoph Paulus war heute die "Zitterstange" dran, wie der 60-Jährige den Flexi-Bar nennt. Auf dem Trampolin hantiert er mit dem antennenartigen Ungetüm – unterstützt von Sabine Luther, die ihm Haltungstipps gibt. "Jetzt nörgelt sie schon wieder", seufzt Paulus. Seit sieben Jahren trainieren die beiden zusammen. Sabine Luther kennt den Musikgeschmack ihrer Klienten und weiß, wann ein Gespräch wichtiger ist als der Pilatesring.

"Ich berate auch bei der Ernährung. Da arbeite ich eng mit Christophs Frau zusammen", sagt Luther und lacht. Aber in diesem Punkt kämpfen die beiden gegen den Zeitgeist, zu dem üppige Geschäftsessen am Abend zum guten Ton gehören – gemeinsam mit einer 80-Stunden-Wochen und der Vorsilbe "Top"! Top-Erfolge, Top-Quoten, vielleicht ja bald auch Top-Entspannung?

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