31.12.12

Umfrage

"Die Berliner Betriebe sind vorsichtiger geworden"

Meldungen über Stellenabbau deuten schon die Richtung an: Die Stimmung der Berliner Wirtschaft wird schlechter. Das bestätigt eine Umfrage.

Von Hans Evert
Foto: dapd
Schlechte Nachrichten: Nokia Siemens Networks ist eine der Berliner Firmen, die Stellen streichen will
Schlechte Nachrichten: Nokia Siemens Networks ist eine der Berliner Firmen, die Stellen streichen will

Zum Ende des Jahres häufen sich die schlechten Nachrichten aus Industriebetrieben der Hauptstadtregion. In Berlin geht es bei Siemens und der Lichttochter Osram um Stellenstreichungen. Nokia Siemens Networks (NSN) streicht Arbeitsplätze und verkauft Berliner Betriebsteile, und Daimler in Ludwigsfelde verordnet der Belegschaft beunruhigend lange drei Wochen Betriebsferien um den Jahreswechsel herum. Da verwundert es wenig, dass eine aktuelle Umfrage des Verbandes der Metall- und Elektroindustrie Berlin Brandenburg (VME), die der Berliner Morgenpost vorliegt, Skepsis für das kommende Jahr signalisiert.

Demnach steigt der Anteil der Betriebe, die in den kommenden sechs Monaten schlechtere Geschäfte erwarten, auf 32,7 Prozent. Ein Jahr zuvor war der Anteil der Pessimisten mit 13,6 Prozent deutlich geringer. Die Umfrage wurde im Herbst unter rund 80 Unternehmen durchgeführt, die in der Region etwa 40.000 Beschäftigte haben. Das Gros der Befragten, 55,8 Prozent, bezeichnete seine Erwartungen als "unverändert", der Rest geht sogar von steigenden Umsätzen aus. "Es ist eine Eintrübung. Die Betriebe sind in jedem Fall vorsichtiger und abwartender", sagt Christian Amsinck, Hauptgeschäftsführer des VME. Von Krise könne aber längst keine Rede sein, so Amsinck.

Exportabhängige Firmen verunsichert

In Berlin wie in Deutschland insgesamt gehen die Unternehmen in das fünfte Jahr einer neuen Zeitrechnung. Seit 2009 die erste Finanzkrise so richtig auf die Konjunktur durchschlug, danach überschuldete Euro-Staaten Turbulenzen auslösten, gelten alte Erkenntnisse über Konjunkturzyklen nur noch wenig. Unsicherheit dominiert, auch, weil beispielsweise die Euro-Krise noch längst nicht ausgestanden ist.

Diese Unsicherheit betrifft in erster Linie exportabhängige Unternehmen. Von diesen gibt es in Berlin zwar im Vergleich zu anderen Bundesländern relativ wenige. Dennoch tätigen Berliner Firmen von Jahr zu Jahr mehr internationale Geschäfte. Amsinck zufolge liegt der Exportanteil der Berliner Metall- und Elektroindustrie, zu der Firmen wie Siemens, Daimler und Bombardier zählen, bei über 50 Prozent. Mitte der 90er-Jahre lag dieser Wert noch bei weniger als 20 Prozent. "Unsere Firmen stehen mehr im internationalen Wettbewerb, sind dadurch aber auch anfälliger für konjunkturelle Schwankungen", sagte Amsinck. Er betont aber, dass die zu erwartende Abkühlung nicht mit der aus dem Krisenjahr 2009 vergleichbar sei.

Stellenabbau droht

Allerdings dürften im kommenden Jahr unter dem Strich kaum neue Stellen in der Metall- und Elektroindustrie dazu kommen. 2012 entstanden netto 1000 neue Jobs in den Berliner Branchenbetrieben. Für das kommende Jahr haben in der VME-Umfrage 19,2 Prozent geäußert, Stellen abbauen zu wollen. Selbst im Krisenjahr 2009 äußerten weniger (17,5 Prozent) Unternehmen diese Absicht.

Die meisten Betriebe, 65,4 Prozent, wollen aktuell die Belegschaft stabil halten. 15,4 Prozent der Betrieb beabsichtigen Neueinstellungen. Dazu passt, dass in den Betrieben die Kapazitäten nicht ausgelastet sind. Das bedeutet: Gemessen an Maschinen und Personal gibt es zu wenig zu tun. In der Umfrage lag die Auslastung bei 84 Prozent und damit um zwei Prozentpunkte unter dem langjährigen Durchschnittswert.

Grundsätzlich gilt: Viele deutsche Unternehmen sind in einem Zwiespalt. Auf der einen Seite läuft es aktuell ganz gut, auf der anderen Seite sorgt die Unsicherheit dafür, dass vorsichtig agiert und im Zweifel auf Investitionen verzichtet wird. In einer aktuellen Verbandsumfrage des Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) gibt die Hälfte der großen deutschen Wirtschaftsverbände an, die Stimmung sei derzeit schlechter als im vergangenen Jahr. Trotzdem aber erwarten nur elf von 46 Verbänden, dass sich ihr Geschäft im Jahr 2013 auch tatsächlich verschlechtern wird.

Teil des Strukturwandels

Trotzdem sind die Unternehmen wegen der anhaltenden Diskussion über eine mögliche Abschwächung der Weltkonjunktur, die Eurokrise und die Kosten der Energiewende massiv verunsichert. "Wir sind zum Teil panisch geworden", sagt Bernd Brunke, Partner der Unternehmensberatung Roland Berger. "Sobald sich das Wachstumstempo ein wenig verlangsamt, gilt das ja schon als Horrorszenario." Derzeit werde die Wirtschaftslage viel zu schwarz gemalt.

Auch Amsinck mag sich für Berliner keine Krise herbei reden lassen. "Aus den Ergebnissen der Umfrage spricht vor allem Unsicherheit angesichts der nächsten sechs Monate", so Amsinck. Die aktuellen Sorgen um Arbeitsplätze in Berliner Betrieben sieht Amsinck weniger im Zusammenhang mit der Konjunktur. Dies sei vielmehr "Teil des Strukturwandels". Damit meint er vor allem den geplanten Stellenabbau bei der Siemenstochter Osram, wo 550 Arbeitsplätze abgebaut werden sollen.

Ebenfalls mit Stellenabbau muss das Gasturbinenwerk von Siemens in Moabit rechnen. Dort sind rund 3500 Menschen beschäftigt. Insgesamt will Siemens in seiner Energiesparte in Deutschland 1100 Stellen einsparen. Wie viele Berliner Arbeitsplätze betroffen sind, ist noch unklar.

Quelle: Mitarbeit: JH/tau
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